Von Richard Wagner zu Horst Wessel

Zum 100. Geburtstag der Ufa: Propagandamusik für die deutsche „Traumfabrik“


(nmz) -
Am 18. Dezember 1917 wurde eine Filmfirma gegründet, die wie keine zweite mit der Geschichte Deutschlands verbunden ist: die „Universum-Film AG“, kurz die Ufa. Das „deutsche Filmerbe“, es besteht vor allen Dingen aus Ufa-Filmen: Fritz Langs „Metropolis“, F. W. Murnaus „Faust“, Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“, Josef von Bakys „Münchhausen“ oder Veit Harlans antisemitischem „Jud Süß“. Auf Erich Pommers Tonfilmoperetten folgten nach der „Entjudung“ der Ufa 1933 die großen Propagandafilme, die vor allem von Herbert Windt und Wolfgang Zeller im „Wagner-Sound“ orchestriert wurden. 1949 wurde die Ufa Film GmbH von der amerikanischen und britischen Militärregierung aufgelöst. 1957 wurde der Ufa-Filmverleih gegründet. Aber das ist nur noch eine Fußnote zur deutschen Filmgeschichte.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Vor allen Dingen zwei „klassische“ Komponisten haben den Sound der Ufa-Propagandafilme – jenseits von Mackeben- und Kreuder-Schlagern – geprägt: Herbert Windt und Wolfgang Zeller. Schon in der Stummfilmzeit hatte Zeller die Kinomusik geliefert zu Werken wie Lotte Reinigers „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Seinen unheimlichsten und besten Score hat er 1932 zu Dreyers Horrorfilm „Vampyr“ geliefert. Aber nach 1933 rutschte er immer mehr in die Propaganda-Filmmusik ab. Eine Entwicklung, die mit „Ewiger Wald“ begann und schließlich mit viel Pathos in „Jud Süß“ gipfelte, dem großen antisemitischen Melodrama des inzwischen schon wieder „überschätzten“ Regisseurs Veit Harlan. Nach dem Krieg überwinterte Zeller dann eine kurze Zeit lang in der Defa („Ehe im Schatten“), bis er nach 1948 wieder im Westen weitermachen konnte. Sein Hauptwerk war da schon im „Giftschrank“ der deutschen Filmgeschichte gelandet.

Noch interessanter ist der Fall von Herbert Windt. Schon 1932 hatte der ehemalige Schreker-Schüler den wichtigsten Propagandafilm der Ufa in der späten Weimarer Republik orchestriert, „Morgenrot“. Premiere: 31. Januar 1933. Am Ende des Films gibt darin der U-Boot-Kommandant Rudolf Forster das geheime Motto der folgenden zwölf Jahre vor: „Wir Deutschen verstehen vielleicht nicht zu leben, aber zu sterben verstehen wir fabelhaft.“ Und dazu dröhnt Windts Musik aus den Kinolautsprechern. Es war der „Morgenrot“-Drehbuchautor Gerhard Menzel, der Windt nach der Premiere seiner Oper „Andromache“, die auch in der NSDAP-Zeitung „Der Angriff“ gelobt worden war („neuer Stil des Heroischen“), für sich und das Kino der Zukunft entdeckt hatte. Als „Morgengabe der Ufa für das Neue Regime“ hat Klaus Kreimeier in seinem Standardwerk „Die UFA Story“ das Seekriegsdrama zu Recht bezeichnet. Für die Premiere des Films, bei dem das gesamte Hitler-Kabinett anwesend war, hatte Windt extra ein orchestrales Vorspiel komponiert, das die Themen seines nur rund zehnminütigen spätexpressionistischen Scores noch einmal zusammenfasste.

Noch im selben Jahr vertonte er „Hitlerjunge Quex“ und Leni Riefenstahls ersten Parteitagsfilm „Sieg des Glaubens“. Teile daraus hat er dann für die Riefenstahl in „Triumph des Willens“ noch einmal verfeinert, den die Ufa auch in den Verleih genommen hat. In einem sehr aufschlussreichen Text über „Wagner im NS-Film“ hat Reimar Volker die beiden Filme musikalisch analysiert: „Beide Filme enthalten die ‚Horst-Wessel-Variationen‘, die aus einer Variation und Orchestrierung des ‚Horst-Wessel-Liedes‘ (das der NSDAP als Parteihymne diente) bestehen.

In ‚Sieg des Glaubens‘ wird das Stück noch ohne direkten Bezug zum Filmgeschehen eingesetzt und dient als Unterlegung der Parteitagsvorbereitungen. In ‚Triumph des Willens‘ folgt die Musik dem Anflug von Hitlers Maschine auf Nürnberg und weist so akustisch darauf hin, dass sich der ‚Führer‘ höchstpersönlich in der Maschine befindet: Die Liedstrophe/Melodie erklingt in dem Moment, als der Schatten des Flugzeugs über eine Marschkolonne gleitet.“ Sein Fazit zum „Mangel an ‚echter‘ Musik Wagners im NS-Film“: „Windts als ‚heroisch‘, ‚deutsch‘ und ‚herb‘ charakterisierte Filmmusik in Verbindung mit nationalsozialistischer Ikonografie auf der Leinwand rief (und ruft) bereits die Assoziation Wagner hervor, ein deutlicherer Hinweis war nicht notwendig, vielleicht auch gar nicht gefragt: Die Verankerung der Musik Windts in vermeintlich nationalsozialistischen Ausdrucksformen wie dem Thingspiel entsprach vielleicht eher dem Wunsch nach ästhetischer Autonomie und einer gewissen Authentizität als dem Bedürfnis, Wagner zu imitieren.“ Man könnte das NSDAP-Mitglied Windt einen Wagner für Arme bezeichnen. Ja, es waren vor allem zweitklassige Regisseure und Komponisten, die das Ufa-Kino nach der „Entjudung“ (von der Hollywood unglaublich profitiert hat) in der Nazi-Zeit geprägt haben. Auch daran sollte man zum 100. Geburtstag der Ufa wieder erinnern.

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