Würgt den Sopran !

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Musik von Violeta Dinescu, Eres Holz, Johannes Borowski, Stefan Keller, Salvatore Sciarrino, Nikolaus Brass und aus der vordigitalen Ära der elektroakustischen Musik.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Nikolaus Brass ist ein genuiner Kammermusiker, das beweisen die vielen Werke für ganz unterschiedliche Besetzungen. In den drei Streichtrios, die er über einen Zeitraum von 30 Jahren geschrieben hat, widmet er sich einer keineswegs einfachen Gattung – das Fehlen des „vierten Instruments“ macht aus den Musikern quasi drei Solisten. Die Entwicklung von Brass’ Schaffen lässt sich an den drei Werken gut ablesen: „Morgenlob“, das erste, mit feinen Lineaturen gearbeitete Trio hat einen poetisch-narrativen Charakter, das zweite („Glanz“) wirkt verschlossener und lässt mehr in den Klang hineinhorchen. Das Dritte von 2013, „Zeichen, Zeichnungen – Draw-ings“, öffnet mit seinen dynamisch aufgeladenen Figurationen dann eine überraschend neue Ausdruckswelt. Das Trio Coriolis macht seinem Ruf als Spitzenensemble alle Ehre. (Neos)

Zehn Werke aus der vordigitalen Ära der elektroakustischen Musik sind vom Institut für Computermusik der HdK Zürich für 5.1. Surroundklang aufbereitet und unter dem Titel „Les Espaces électroacoustiques“ auf zwei CDs herausgebracht worden. Unerreicht ist noch immer Varèses „Poème électronique“ von 1958 mit seiner raffinierten Raumtiefe und der vieldeutigen, beinahe unheimlichen Klangsemantik. Reine Tonbandklänge gibt es noch in den Kompositionen von Ligeti, Harvey, Berio und Lachenmann zu hören, die anderen Stücke (Maderna, Boulez, Ferneyhough) kombinieren Tonband mit Instrumentalklang und sind neu aufgenommen. „Visage“ von Luciano Berio verarbeitet die Stimme von Cathy Berberian in zeittypischer Würgästhetik als Material, was ein interessantes Licht auf das avantgardistische Frauenbild der frühen 60er-Jahre wirft. Die gut dokumentierte Edition bringt wichtige Werke aus den Bandarchiven wieder an die heutigen Ohren. (col legno)

Ein Orchesterwerk mit Klavier und eines mit Violine von Salvatore Sciarrino, aufgenommen 2013 und 2014 bei der Münchner musica viva, entführen den Hörer in die labyrinthischen Weiten von Sciarrinos Klangwelten. Mit Tamara Stefanovich und Carolin Widmann sind erstklassige Interpretinnen am Werk, das Symphonieorches­ter des Bayerischen Rundfunks entfaltet den passenden Klangzauber. Klanglich und von der Idee her konsistent ist das Werk für Klavier, während das vom Komponisten mit mäandernden Assoziationen kommentierte Violinkonzert „Giorno velato presso il lago nero“ eher flüchtig wirkt. Aber das passt dann zum schummrigen Titel. (Neos)

Unter dem ambitionierten Titel „Klangrede“ veröffentlichen die drei Komponisten Eres Holz, Johannes Borowski und Stefan Keller je zwei Kammermusikwerke, deren Gemeinsamkeit in der Suche nach der Sprachfähigkeit der Musik liegt. Das zeigt sich unter anderem in einer expansiven Gestik und in originellen Klangerfindungen, wobei das Zafraan Ensemble unter Titus Engel die Profile gekonnt schärft. Mit dem einmaligen Phänomen der barocken Klangrede, in deren komplexem System von Affekten und gedanklichen Referenzen sich eine ganze Epoche ausdrückte, hat dieser individualistische Ansatz allerdings nur den Namen gemeinsam; der Begriff fungiert als Werbelogo. (bastille musique)

Violeta Dinescu hat unzählige Werke für Flöte geschrieben, und der Flötist Ion Bogdan Stefanescu sagt, niemand sei so wie sie in die Tiefenschichten der von der Flöte dominierten rumänischen Volkskultur eingetaucht. In den Tracks „Sarpelecupene I–VI“ bringen die beiden nun einen ganzen Flötenkosmos zum Klingen, vom montierten Schwarmklang von Dutzenden von Flötenstimmen bis zu Mischungen mit aztekischen Blasinstrumenten; aus dem Aztekischen stammt auch der Name der Stücke: „gefiederte Schlange“. Eine Abenteuerreise ins archaische Klangbewusstsein, wo Mythos und Gegenwart sich begegnen. (sargasso.com) 

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