Zweierlei Schlagfertigkeiten

Künftige Kapellmeister trainieren den konzertpädagogischen Ernstfall


(nmz) -
Im „Dirigentenforum“ fördert der Deutsche Musikrat talentierte, hoffnungsvolle Nachwuchsdirigentinnen und -dirigenten in den Bereichen Orchester- und Chordirigieren. Einmal in das Dirigentenforum aufgenommen, erfahren die Maestri von morgen ihre zukünftige Berufswirklichkeit praxisnah, indem sie mit bedeutenden Berufsorchestern und erfahrenen Dirigenten arbeiten. In über 20 Veranstaltungen pro Jahr zeichnet sich das Dirigentenforum der Lebenswirklichkeit seiner Stipendiaten an, nimmt vor allem die oftmals steinigen Berufswege der jungen Leute realitätsnah in den Blick. Eines der zahlreichen Angebote war in diesem Jahr erstmalig ein Kurs zur Einführung in die Konzertpädagogik mit einem Schwerpunkt im Bereich der Moderation. Die Dozenten waren Barbara Stiller (Hochschule für Künste Bremen) und der freie Konzertmode-rator Christian Schruff (Berlin). Im Folgenden schildern sie ihre Eindrücke.
Ein Artikel von Barbara Stiller, Christian Schruff

Für vier Tage im September kamen die Stipendiatinnen und Stipendiaten in die bayerische Landesmusikakademie nach Hammelburg. Ihr Ziel war es, konzertpädagogisches Know-how zu erfahren und zu verfeinern und vor allem neue Zugangsweisen zu vertrauten Stücken kennen zu lernen. Um sich vorzubereiten, hatten alle Teilnehmenden bereits vor dem Workshop Stücke ausgewählt und Ideen für ein Kinderkonzert entwickelt. Die Stückauswahl war erstaunlich vielfältig. Auf dieser Basis konnten dann im Workshop alle derzeit gängigen Konzert- und Projektformen entwickelt werden – vom traditionellen Familienkonzert über Opernvorstellungen für Schulen bis hin zum Education-Projekt für Jugendliche.

Flexibilität ist gefragt

Konzerte für Kinder sind alles andere als ein zentrales Thema im Alltag der jungen Dirigenten, die übrigens alle an bundesdeutschen Hochschulen studieren. Dennoch wissen sie: Dieses Genre wird auf dem Weg zum begehrten Chefposten auf sie zukommen. Die konzertpädagogischen Aktivitäten gehören nämlich zum dirigentischen Einstieg auf der oftmals mühevoll zu erklimmenden Karriereleiter für künftige GMDs. Kinderkonzerte sind in vielen Häusern Sache des 1. Kapellmeisters.

Das Repertoire der jungen Leute ist in dieser Sparte zwar noch begrenzt; meist stammt es aus eigenen Erinnerungen an die Kindheit. Um so offener begegneten die Teilnehmenden beim Kurs neuen Stücken, lernten kennen, was geeignet ist und wie man unkonventionellere Herangehensweisen zu bekannten Stücken der gängigen Konzertliteratur konzipieren kann. Diese Flexibilität der jungen Maestri sucht in anderen Berufsgruppen ihresgleichen.Neu war für die Stipendiatinnen und Stipendiaten vor allem die Vielfalt der Formen von Kinderkonzerten. Doch sobald der Fächer an Voraussetzungen, Konzertorten und Präsentationsmöglichkeiten für Kinderprojekte erst einmal ausgebreitet war, wurde deutlich und konkret erfahrbar, welche großen Chancen sich für einen vielfältigen Umgang mit Repertoirestücken aller Art bieten. Darum, dass sie ein gutes Gefühl und phantasievolle Ideen dafür, in welchem Kontext welches Stück atmosphärisch am besten zur Geltung kommt, schon mitbringen, sind die angehenden Dirigenten zu beneiden.

Die „Gegenseite“ mitdenken

In der Regel kannten die Dirigierstudenten das klassische Familienkonzert, einige hatten es auch schon musikalisch oder konzeptionell mitgestaltet. Je differenzierter ihre Sicht auf die Musik durch ein klassisches Quellenstudium, durch Anmerkungen, Texte und das Kennenlernen des musikhistorischen Umfeldes des Stückes dabei ausfällt, desto schwerer fällt es ihnen allerdings mitunter, sich die „Gegenseite“ vorzustellen, also ein unbedarft in den Konzertsaal strömendes Kinderpublikum. Ohne ein Repertoire an Fachwissen darüber, wonach Kinder in welchem Alter künstlerisch-ästhetisch verlangen, geht es also nicht. Hier kommt die Musikpädagogik ins Spiel, in diesem Punkt wird allen schnell klar, dass eine gute Art der konzertbezogenen Musikvermittlung Arbeitsbündnisse unterschiedlicher Expertinnen und Experten erfordert; auch wenn Formen des Teamteachings nicht gerade zum gängigen Handlungsspektrum angehender Orchesterchefs gehören.

Dafür bringen Dirigenten aber per se eine besondere Begabung für Bühnenpräsenz und viele auch für Rhetorik mit. In der Regel können sie mit ihrer gesamten Körperspannung, Mimik und Gestik alles deutlich machen, wonach die Musik verlangt. Ihre rhetorische Begabung spiegelt sich mitunter auch in ihrem Umgang mit Moderationstexten wider. Andererseits ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie eine Sprache klingen muss, die von Kindern hörend verstanden werden muss. Hier geht es darum, eine echte Kommunikation mit den Kindern zu erreichen, sich nicht kindertümelnd anzubiedern, aber auch nicht über den Horizont der Kinder hinweg in einer Musiker-Insider-Sprache zu reden. Von ihren gestalterischen Fähigkeiten profitieren die Jungdirigenten vom ersten bis zum letzten Moment auf der Bühne. Ihre unerschöpfliche Lust, sich musikalisch vielfältig auszudrücken, spiegelt sich auch beim Anleiten noch so kleiner Mitspielaktionen wider. Jede Klanggeste ist von natürlicher Spielfreude geprägt und sorgt so beim jungen Publikum unmittelbar für Faszination. Aber auch Dirigierstudierende müssen sich in solchen Situationen erst erproben. Deshalb war der Kurs gleichermaßen von künstlerisch-praktischen wie reflektierenden Unterrichtseinheiten geprägt. Schnell wurde klar, dass es einer hohen konzeptionellen Verantwortung und eines großen Handlungsspektrums bedarf, um sich einem jungen Publikum souverän präsentieren zu können. Nirgends ist die Vielfalt an Präsentationsformen von Dirigenten so sehr gefordert, wie in Konzertveranstaltungen für Kinder und Jugendliche.

Ein Konzert für Kinder bedeutet mehr als nur Einsätze, Taktfiguren und musikalische Gestaltungsverläufe. Stehen die Dirigenten nämlich erstmal mit dem Rücken zum Orchester, sind sie darüber hinaus auch für den gesam-ten Kommunikationsprozess zwischen Bühne und Publikum verantwortlich. Für den gibt es keine standardisierten Ausdrucksformen. Hier ist Schlagfertigkeit gefragt, wenn Kinder scheinbar Abwegiges fragen oder sagen. Hier ist der Dirigent als „Navigator“ gefordert, der auf die Kinder eingehen muss und zugleich den geplanten Fortgang des Konzertes nicht aus dem Auge verlieren darf.

Dirigieren, so heißt es in der einschlägigen Fachliteratur, „ist die Kunst, Informationen in Echtzeit an ausführende Musiker zu übermitteln“. Welch hohe Kunst es aber bedeutet, ein junges Publikum zugleich mit methodisch vielfältig angeleiteten Mitspielaktionen und zusätzlichen außermusikalischen Medien zu faszinieren, das ist längerfristig sicher eine Korrektur des Lexikoneintrags wert. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten des Dirigentenforums sind durch den Workshop für diesen Punkt schon einmal sensibilisiert.

Simulation ist unmöglich

Was in Hammelburg fehlte, war die Begegnung mit der Zielgruppe. Methoden wurden hier nur in der Theorie oder praktisch mit dem CD-Player ausprobiert. Doch das Feedback, die authentische Reaktion von Kindern, lässt sich nicht simulieren. So wäre der folgerichtige Schritt die Probe aufs Exempel. Die reale Umsetzung eines Konzertes durch die Stipendiaten steht noch aus, befindet sich aber bereits in der Planung, denn alle Beteiligten sind sich einig: Nur über die Erfahrung in unmittelbarem Kontakt mit einem kritischen Kinderpublikum wächst die Erfahrung jedes einzelnen Dirigenten. Und nur so wächst auch die berechtigte Hoffnung, dass die konzertpädagogische Nachwuchsförderung in unseren großen Berufsorchestern das Image leidiger Pflichterfüllung für junge Dirigenten ablegen kann.
Einzelne positive Beispiele sind bundesweit bekannt, einige GMDs haben das Thema für sich bereits zur Chefsache erklärt. Wünschenswert wäre es, wenn eben diese GMDs die Stipendiatinnen und Stipendiaten des Deutschen Dirigentenforums zukünftig auch auf dem großen Experimentierfeld der Konzertgestaltung für Kinder unter ihre Fittiche nehmen würden.

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