Zwischen Musikpädagogik und Künstlertum

Ein Bericht zur Tagung der GMP im März in Frankfurt


(nmz) -
Das Spannungsfeld eines Musiklehrers zwischen den pädagogischen und künstlerischen Ansprüchen an sich selbst und an die Arbeit mit Schülern war unter dem Titel „Lehrer als Künstler“ das Thema der Tagung der Gesellschaft für Musikpädagogik vom 20. bis 21. Februar 2015 in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main. In zahlreichen Vorträgen näherten sich die Referenten diesem Thema aus historischer, philosophischer und musikdidaktischer Sicht.
Ein Artikel von Hannah Wirmer

Die Literatur- und Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gundel Mattenklott ging im Eröffnungsvortrag den Metaphern des Lernens in drei pädagogischen Schwellenzeiten nach. Kernstück war die reformpädagogische Vorstellung vom Unterricht als zu schaffendes Werk, die den Lehrer als Unterrichtskünstler statt als Unterrichtswissenschaftler forderte.

Prof. Dr. Katharina Schilling-Sandvoß gab einen historischen Überblick über die Ansprüche an Musiklehrende im 19. Jahrhundert. Ausgehend von Pestalozzi zeichnete sie anhand von Methoden und Zitaten ein Bild der Musikpädagogik dieser Zeit. Es seien viele neue Methodenbücher publiziert worden und die Vorstellung von Lehrkunst sei die Anpassung der Methode an die allgemeine Entwicklung des Kindes gewesen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hätten pädagogische Qualitäten in der Ausbildung von Musiklehrern eine eher nachgeordnete Rolle gespielt. Dr. Ralf-Olivier Schwarz beleuchtete das Frankfurter Kunstleben des 19. Jahrhunderts am Beispiel des Komponisten Franz Xaver Schnyder von Wartensee, der auch als Privatmusiklehrer tätig war und sich selbst in einem Zwiespalt zwischen seiner Rolle als Pädagoge und Künstler empfunden habe. Wie sich das Anforderungsprofil eines Musiklehrers durch das Denken und Wirken Leo Kestenbergs veränderte, thematisierte Prof. Dr. Alexander Cvetko. Der Musiklehrer müsse in verschiedensten Bereichen wie Pädagogik, Psychologie, Musikpraxis, Methodik und Forschung ausgebildet werden, um so eine Synthese zwischen Erzieher, Künstler und Wissenschaftler zu erzeugen. Diese Forderung Kestenbergs setze sich bis heute fort. Ausgehend von dieser Aussage beschrieb Prof. Dr. Constanze Rora die künstlerische Aufgabe des Lehrers als das Hinführen zum Verstehen von Musik. Mit Bezug zu Wolfgang Lessing definierte sie das Musizieren als eine Interaktion des Musikers mit dem Publikum. Wie eine intensive Interaktion aussehen kann, zeigte sie an einem Filmausschnitt eines Klassenzimmerkonzertes des Duos Gelland.

Pädagogisches Ethos

Den zweiten Tag eröffnete Dr. Susanne Dreßler aus Siegen mit einem Vortrag über das pädagogische Ethos des Musiklehrers. Vom Spannungsverhältnis zwischen Lehrplanvorgaben, dem Selbstverständnis als Musiker und anderen Parametern ausgehend, schlug sie eine Lösung der Spannungen durch „Eingewohntsein“ vor. Eine Erweiterung des Ethosbegriffs um die „Suche nach dem richtigen Aufenthaltsort“, habe den Vorteil, dass Veränderungen zugelassen werden, der Lehrer eine eigene aktive Rolle übernehmen könne und der Austausch und Vergleich im Kollegium helfe, eine Verortung zu finden. Auch Susanne Stamm griff in ihrem Vortrag Kestenberg und seine drei Rollenbilder des Musiklehrers auf. Welche Rollenbilder bei einem Musiklehrer im Tätigkeitsfeld Klassenmusizieren vorhanden sind, ergründete sie mittels eines Experteninterviews. Eine Profilbildung während des Studiums könne dazu beitragen, das sehr hohe Anforderungsprofil zu gewährleisten, welches sich in diesen Befragungen gezeigt habe.

Ragnhild Eller beleuchtete in ihrem Vortrag die Bedeutung von Kunst in der Waldorfpädagogik. Die Lehrerausbildung für die Waldorfschule erfordere neben dem pädagogischen auch ein anthropologisches und ein künstlerisches Studium, da der ganzheitlich gebildete Mensch der Idealvorstellung von Waldorfpädagogen entspräche. Sie schloss mit der Frage, ob Musiklehrer an Waldorfschulen auf Grund ihrer Kompetenzen forschende Musiker und Erziehungskünstler seien. Ausgangspunkt des Vortrags von Prof. Dr. Andrea Welte war ebenfalls das Hin- und Hergerissensein zwischen künstlerischen und pädagogischen Anforderungen in der Musiklehrerausbildung. Am Beispiel der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover zeigte sie unter anderem anhand von Studienplänen, dass sich das Verhältnis zwischen der künstlerischen und pädagogischen Ausrichtung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geändert habe: Während der hohe künstlerische Anspruch geblieben sei, seien die pädagogischen Ansätze verstärkt und besser sichtbar gemacht worden.

Dr. Adrian Niegot aus Essen näherte sich in seinem Beitrag den Begriffen Geltung, Andersheit und Anverwandlung im musikpädagogischen Kontext. Er bezog sich auf Peter Röbke und dessen Vorstellung, das Geheimnis der Musik sei ihr Anderssein, welches nicht verstanden oder erklärt werden müsse. Zum Lehrer als Künstler brauche es also laut Niegot Andersheit und eine Flexibilität in den Prozessen. Diese Prozessorientierung finde man im Geltungsbegriff, in dem die Fragen nach dem Sinn im psychischen Umfeld und dem Sinn in der Gesellschaft zusammengebracht werden könnten. Lukas Bugiel stellte die Grundsätze der emanzipierenden Konzertpädagogik vor. Die vorherrschende Vorstellung, das Publikum müsse durch Vermittlung aus seinem nicht verstehenden Zuhörertum erlöst werden, schaffe eine Distanz zwischen Wissendem und Unwissendem. Der Vermittler müsse jedoch nicht der wissende Lehrmeister sein, sondern seine Aufgabe bestehe darin, ein Gespräch zu initiieren, bei dem sich alle mit ihrem eigenen Wissen und Erlebnissen beteiligen könnten.

Kreative Prozesse begleiten

Vier Projektberichte zeigten Möglichkeiten, kreative Prozesse von Schülern oder Studierenden zu begleiten: Volker Schindel berichtete von der musikalisch-szenischen Arbeit im project.worx, bei dem er mit Lehramtsstudierenden der Universität Kassel Stücke im Feld zwischen Musik, Sprache und szenischer Darstellung erarbeitet. Dr. Johannes Steiner stellte seine Arbeit mit Studenten in Wien vor. Die Arbeit mit Masken helfe, die körperliche Präsenz bewusst zu machen. Die Erarbeitung einer Performance mit szenischen Elementen ermögliche es den Studenten, die eigene Phantasie zu entdecken und eine neue künstlerische Herausforderung zu meistern. Mit Hilfe von Tablet-PCs komponierte Dr. Joachim Junker mit Schülern eines Musik-Leistungskurses eigene Stücke. Dabei stelle sich die Frage, ob für diese Arbeit neue künstlerische Kompetenzen des Lehrers nötig seien. Die Aufgabe des Lehrers sei es hier, Gespräche zu moderieren, kreative Freiheiten zu lassen und nur wo nötig Impulse zu setzen. Matthias Rietschel stellte seine Arbeit mit verschiedenen Kindergruppen im Kindergarten- und Grundschulalter vor. Für ihn sind die Kinder die Partner des Lehrenden, da auch er durch die kreativen Prozesse der Kinder angeregt werde, wie Projekte zur Begegnung von Kindern und professionellen Musikern zeigten.

Der letzte Block der Tagung stand unter dem Thema „Komponieren mit Schülern“. Anhand seiner Erfahrungen des Songwritings mit Schülern zeigte Dr. Jan-Peter Koch, dass das Komponieren von Popmusik gelernt werden könne, auch wenn bei Popmusik die Grenzen von Theorie und Praxis häufig verwaschen seien, da viele Songs ohne theo-retische Kenntnisse entstünden. Dabei sei der Lehrer als Künstler authentisch, wenn er nicht vorgebe etwas zu können, was er nicht beherrsche, wenn er ehrlich sei und wenn er den „ästhetischen Streit“ aushalte, der zwischen ihm und den Schülern entstehen könne. Dr. Elias Zill referierte über seine Forschung zur Rolle des Komponisten als Lehrer. Dabei käme dem Komponisten die Aufgabe zu, neue Perspektiven zu eröffnen und weiterführende ästhetische Reflexionsprozesse anzustoßen. Damit ein Lehrender die Möglichkeit habe, seinen Schülern diese ästhetische Erfahrung zu ermöglichen, müsse er eine beratende Grundhaltung einnehmen, klingende Anregungen geben und sowohl musikbezogene Kenntnisse als auch improvisatorische Fähigkeiten besitzen.

Mit dem Beitrag von Verena Weidner über Rollenwechsel und Rollenkonflikte von Lehrern und Komponisten in Kooperationsprojekten und die Frage, wie in Fortbildungen pädagogisches Können für Komponisten zu vermitteln sei, ging die ebenso intensive wie abwechslungsreiche Tagung zu Ende.

Das könnte Sie auch interessieren: