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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Helmut Lachenmanns „Melodies“

01.06.18 (Rainer Nonnenmann) -
Selten war ein neues Werk mit derartigem Erwartungsdruck konfrontiert. Wie immer die neue Komposition ausfallen wird, schon jetzt gleicht es einer Sensation, dass sie überhaupt zur Uraufführung gelangt. Denn in der Vergangenheit wurde das Stück bereits dreimal angekündigt und ebenso oft wieder abgesagt. Im Rahmen der Reihe musica viva im Herkulessaal der Münchner Residenz ist es nun aber endlich soweit: Am 7. Juni spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit seinen acht Hornisten unter Leitung von Peter Eötvös erstmalig Helmut Lachenmanns „My Melodies – Musik für acht Hörner und Orchester“.

„An die Jugend“

02.05.18 (Rainer Nonnenmann) -
„Es gibt zu allen Zeiten Jugend und sie ist stets die nämliche: – zuerst gläubig, begeistert, großmütig und folgend; dann überlegen, selbstsüchtig, spöttisch und trennend – bis eine neue Jugend ihren Platz einnimmt. Der Jugend gehört meine Liebe und soll fortan gehören. Ihre unmöglichen Pläne, ihre unbefangenen Fragen, ihre entwaffnenden Einwürfe, ihr trotziger Widerspruch, ihre raschschlagenden Herzen – sie wühlen die Erde auf und streuen in sie neuen Samen. Die der Jugend vorausgehen, sollen sich fühlen als der Erdboden, der den neuen Samen willenlos aufnimmt und in reifer Kraft überraschende Pflanzengebilde hervorbringt. Meine Ehrfurcht gehört der Jugend und ihr mein Dank. Sehr schön – aber leider optimistisch. Die Jugend ist meistens konservativ und ihre Versprechen sind trügerisch. Das Alter ist entweder beschränkt – wohlwollend oder bissig. Die ,Gutenʻ stehen in jedem Alter allein. So empfunden, 3. August 1909, Ferruccio Busoni.“

Kommunizierende Röhren

30.03.18 (Rainer Nonnenmann) -
Das Verstehen von Geschichte hängt von der geschichtlichen Situation des Verstehenden ab. Die Vergangenheit vermag die Gegenwart nur zu erhellen, wenn umgekehrt auch die Gegenwart die Vergangenheit beleuchtet. In seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) konstatierte Walter Benjamin, dass Historie nur dann aktuell bleibt, wenn sie für die Gegenwart „mit Jetztzeit geladen“ ist, also bereits etwas von jener Zukunft in sich barg, die nun Gegenwart geworden ist.

Bernd Alois Zimmermann 100

28.02.18 (Rainer Nonnenmann) -
Er wurde am 20. März 1918 in Bliesheim bei Köln geboren und nahm sich 1970 unweit davon in Großkönigsdorf das Leben. Die nackten Lebensdaten von Bernd Alois Zimmermann umreißen einen denkbar kleinen Kreis: lokal, bäuerlich, kölnisch, rheinisch, katholisch. Seine Musik dagegen öffnet ganz andere Horizonte.

Hybridisierung

31.01.18 (Rainer Nonnenmann) -
Schubladen sind etwas für Aufräumer, Sammler, Systematiker. Kunst und Leben entziehen sich dagegen meist klaren Zuschreibungen und Festlegungen auf bestimmte Begriffe und Klassifikationen. Oft herrschen eher Umhertasten, Schwanken, Vagieren, Fluktuieren, Wildwuchs oder gezieltes Überschreiten von Grenzen. Schon die Romantiker experimentierten mit Verschlingungen der klassizistisch kodifizierten Formen und Gattungen: Romane enthielten Gedichte, Gedichte wurden episch, Dramen waren zum Lesen, Dichtung wurde philosophisch, Philosophie aphoristisch.

Freiheit der Kunst

29.11.17 (Rainer Nonnenmann) -
Neue Musik ist keine abgeschlossene Sondersphäre. Als Teil des „Systems Kunst“ – so Niklas Luhmann – ist sie stets ein Element unserer komplex ausdifferenzierten Gesellschaft. Frau Musica nova ist keine fensterlose Monade, lümmelt nicht in abgehobenen Wolkenkuckucksheimen, verkriecht sich vor der rauen Wirklichkeit nicht in elfenbeinerne Türme.

Kino, Killer, Klang

31.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die Klassifikation von Künsten, Disziplinen, Gattungen, Arten und Formen entspringt derselben spätaufklärerischen Kategorisierungsbesessenheit, mit der man auch Flora, Fauna, Gesteine, Erdzeitalter und die Elemente in Spezies und Unterspezies einteilte. Angesichts der Vielstimmigkeit und Komplexität dessen, was Kunst und Welt bedeuten, blieben solche Versuche immer hilfloses Schulmeisterwissen.

Beziehungskisten

04.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Keine Musik ist voraussetzungs- und kontextlos. Jede ist geprägt durch einen historischen, kulturellen und sozialen Ort. Alle Musik steht in Erfahrungs-, Beziehungs- und Sinnzusammenhängen. Gemeinsam mit den materialen, strukturellen und formalen Eigenschaften eines Stücks tragen diese Zusammenhänge zu dessen Wirkung und Gehalt bei. Das klingt abstrakt, ist im Einzelfall aber oft recht konkret, selbst wenn sich die Kontexte zuweilen erst durch eingehende Analysen der Faktur, Quellen, Skizzen und Entstehungsbedingungen eines Werks erschließen. Manchmal liegen konkrete Bezugnahmen jedoch auch offen zu Tage und sind sogar Auslöser und Zentrum eines Stücks.

Musik mobil

01.09.17 (Rainer Nonnenmann) -
Von der Wiege bis zur Bahre sind wir auf individuellen Lebensreisen unterwegs. Manche ziehen größere Kreise, andere kleinere. Alle sind wir auf dem Weg, auf geraden oder verschlungenen Bahnen zu klaren oder vagen Zielen. Die ersten Menschen waren Nomaden und folgten den jahreszeitlich wechselnden Nahrungsangeboten von Flora und Fauna. Alle Weltreligionen kennen Pilgerschaften und Wallfahrten.

Abfall vom Beifall?

30.06.17 (Rainer Nonnenmann) -
Der Komponist hat eine neue Partitur geschrieben, die Musiker haben das Werk einstudiert, schließlich vor Publikum zur Uraufführung gebracht, und dann folgt: Applaus. Diese ebenso spontane wie flüchtige Reaktion der versammelten Hörerinnen und Hörer ist keine besonders qualifizierte Antwort auf die Leistung der beteiligten Künstler. Das Händeklatschen liefert weder einen substanziellen Diskussionsbeitrag zum eben gehörten Werk noch ein wohl fundiertes Argument zum allgemeinen Diskurs der Neuen Musik. In Geschichte und Gegenwart gab es daher immer wieder Musiker – einst etwa Schönberg mit seinem Wiener „Verein für musikalische Privataufführungen“, gegenwärtig etwa Johannes Kreidler –, die Beifallskundgebungen jeglicher Art für unangemessen, unsachlich, primitiv hielten und daher am liebsten untersagt hätten.
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