Museum der bildenden Künste in Leipzig feiert 150. Geburtstag


16.12.08 -
Leipzig (ddp). Mit einem Festakt feiert das Leipziger Museum der bildenden Künste am Donnerstag (18.12.) seinen 150. Geburtstag. Auch der Einzug in ein neues Haus vor vier Jahren wird gefeiert. Mit dem Festakt soll der Anspruch unterstrichen werden, ein Bürgermuseum zu sein. Das Museum war 1858 aus der Initiative reicher Leipziger Bürger und Stifter entstanden.
16.12.2008 - Von Robert Schimke - ddp, KIZ

   Dresden (ddp-lsc). Rechts ein Ölbild des reichen Seidenwarenhändlers Adolf Heinrich Schletter im Pelzmantel, links ein Foto der Reinigungskraft Brigitte Gertig samt rotem Kittel und gelben Gummihandschuhen. So präsentiert sich der Eingang zur Jubiläumsausstellung «Kopf oder Zahl» im Leipziger Museum der bildenden Künste. 150 Jahre alt wird das Haus am Donnerstag (18. Dezember), und für das Jubiläumsjahr hält Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt die Einschätzung bereit: «2008 verlief für uns fast schon erschreckend gut.»

   Er blickt auf zwei publikumsträchtige Ausstellungen zurück, die gegensätzlicher kaum hätten sein können. Im Frühjahr zeigte Schmidt eine ästhetisch umstrittene Schau von Playboy Gunter Sachs. Die Besucher strömten, und es hagelte Kritik. Mit einer großangelegten Ausstellung des Malers Lovis Corinth versöhnte Schmidt das anspruchsvolle Publikum wieder: «Erst Boulevard, dann klassisch. Das hat uns einen unglaublichen Zulauf beschert.»

   Die beiden Ausstellungen markieren die Suchbewegung Schmidts nach einem Weg für sein Haus. Denn trotz der 150 Jahre, die das Museum alt ist, begann doch erst vor vier Jahren eine neue Zeitrechnung für die Bürgersammlung.

   Sechs Jahrzehnte lang, seit der Zerstörung des alten Museumsbaus in der Bombennacht von 1943, war die Sammlung faktisch heimatlos. Im Dezember 2004 bezog sie nach jahrelanger Planung, Bauverzögerungen und einer Überschreitung des ursprünglich vorgesehenen Baubudgets ein großzügiges, repräsentatives Gebäude in der Leipziger Innenstadt.

   Die Pannen um den Bau, die für viele zunächst gewöhnungsbedürftige Architektur und ein Direktor, der sich, so stellt es der Leipziger Kunstkritiker Meinhard Michael fest, zunächst schwer tat mit dem Erbe der älteren Leipziger Maler, sorgten für Distanz zwischen den Leipzigern und ihrem Museum: «Daraus entstand eine gewisse Fremdelei», sagt Michael.

   Direktor Schmidt selbst spricht von einer «anfänglichen Katzenjammerstimmung». Er betont, dass ihm im Jahr Vier des Neubaus mit den Ausstellungen von Sachs und Corinth «ein wunderbarer Spagat» gelungen sei.

   Kunstkritiker Michael moniert hingegen, dass in den vergangenen Jahren «eine Kontinuität nicht zu erkennen gewesen» sei. Den Grund dafür sieht er in den knappen Museumsfinanzen, die eine langfristige Planung kaum möglich gemacht hätten: «Die Museumsarbeit ist gekennzeichnet von einem großen Mangel an Geld.»

   Abgesehen von den Betriebskosten für das riesige Haus und gelegentlichen Sonderwerbeetats belaufen sich die Mittel für viele Museumsposten auf beinahe null. Braucht Direktor Schmidt Geld für Ankäufe oder Restaurierungen, ist er auf die Spendenfreude privater Förderer angewiesen. Sein Haus sei ein Bürgermuseum, sagt er dann immer wieder. Die Stifter aber, die das Haus vor 150 Jahren gründeten, kamen aus einem Leipzig, das zu den reichsten deutschen Städten gehörte. Das weiß auch Schmidt: «Keiner vergleicht die Situation 2008 mit der Stifterkultur im vorletzten Jahrhundert. Das wäre wenig fruchtbringend.»

   Und so steht das Haus im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, in der deutschen Museumslandschaft möglichst weit vorn mitzuspielen und einer Wirklichkeit, die es aufs Regionale festschreibt. «Für ein Museum, das sich einen Zuschnitt gibt, modernste internationale Kunst zu zeigen und zu sammeln, fehlt es in Leipzig an Voraussetzungen», sagt Kunstkritiker Michael.

   Dass Schmidts Haus sich als Bürgermuseum begreift, verdeutlicht nicht zuletzt die Jubiläumsausstellung. Kuratorin Pavla Langer hat für die 150 Jahre Museumsgeschichte 151 Porträts zusammengetragen: «Unsere Idee war, dass wir jedes Jahr mit einem Kopf besetzen.»

   Einige der Porträts hat sie durch «Reliquien», wie sie sagt, ergänzt - durchaus mit Augenzwinkern. Vor einem Bildnis Richard Wagners aus dem Jahr 1862 liegt in einer Vitrine der Splitter eines Taktstocks aus Wagners Bayreuther Zeit.

   Reinigungskraft Brigitte Gertig benannte kürzlich ihr Lieblingsbild. Es hängt nicht in der Ausstellung, sondern eine Etage höher. Sie hält es nicht mit den «alten Schinken» der Wagners und Schletters. Ihr Favorit ist eine schrill beleuchtete Gartenlaube des Leipziger Fotografen Erasmus Schröter. So sieht Bürgerlichkeit im Jahre 2008 aus.

Das Leipziger Museum der bildenden Künste in neun Stichpunkten

- das Leipziger Museum der bildenden Künste wurde am 18. Dezember 1858 auf dem Augustusplatz eröffnet

- das Museum geht zurück auf Bilderschenkungen und Zustiftungen zahlreicher wohlhabender Leipziger Bürger

- der Museumsbau auf dem Augustusplatz wurde in der Leipziger Bombennacht 1943 zerstört

- nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Museum zunächst in das Gebäude der ehemaligen Reichsbank, später ins ehemalige Reichsgericht

- nach dem Umzug des Bundesverwaltungsgerichts nach Leipzig 1997 zog das Museum erneut in ein Interimsquartier

- nach Bauverzögerungen und zahlreichen Pannen öffnete im Dezember 2004 das 75 Millionen Euro teure neue Museumsgebäude der Architekten Hufnagel-Pütz-Rafaelian

- das Museum geriet in die Kritik, als im Jahr nach der Eröffnung die Besucherzahlen einbrachen

- die 2008 gezeigten Ausstellungen von Gunter Sachs und Lovis Corinth brachten dem Museum überregionale Aufmerksamkeit und hohe Besucherzahlen

- das Haus gilt im Verhältnis zu Anspruch und Größe als unterfinanziert, was Ausstellungsbudgets, Mittel für Ankäufe, Restaurierungen und Werbung angeht

 

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