Skepsis an geplanter NDR Chor-Privatisierung wächst – Offener Brief der deutschen Rundfunkchöre


14.08.20 -
Nach Planungen des NDR soll im Rahmen von Kürzungsmaßnahmen der NDR Chor privatisiert und weiter verkleinert werden. Hiergegen wenden sich die Vorstände der sechs deutschen Rundfunkchöre aus Berlin, Leipzig, Köln, Stuttgart und München in einem offenen Brief.
14.08.2020 - Von PM - DOV, KIZ

In dem an die Leitung des NDR, die Vorsitzenden der Gremien und die NDR-Orchester-Chefdirigenten in Hamburg und Hannover gerichteten Schreiben heißt es u.a.: „Wir halten es … für untragbar, solcherart gewachsene Kultureinrichtungen, die für ein ganzes Berufsbild stehen, dem allgemeinen Spardruck zu opfern, da eine unvermeidliche Folge u.a. sein wird, dass sich auf Dauer keine geeigneten Nachwuchssänger*innen mehr finden werden.“

Hintergrund:

Der NDR Chor wurde 1946 vom NWDR mit 55 Chormitgliedern gegründet. Er feiert 2021 sein 75-jähriges Bestehen. Der Chor soll den NDR Plänen zufolge schrittweise in einer GmbH privatisiert werden. Frei werdende Chorstellen (derzeit 27) will der NDR nicht mehr besetzen. Freischaffende Sängerinnen und Sänger würden dann in der neuen GmbH nur noch auf 50 Prozent-Basis beschäftigt und könnten jederzeit entlassen werden. 50 Prozent-Honorare sind keine Berufsperspektive für den professionellen Chornachwuchs. Und der NDR kann die GmbH jederzeit einfach auflösen.


An den Intendanten des NDR, Herrn Joachim Knuth, die Programmdirektorin Hörfunk des NDR, Frau Katja Marx, die Vorsitzende des NDR Rundfunkrats, Frau Anke Schwitzer, die Vorsitzende des NDR Verwaltungsrats, Frau Regina Möller, den Chefdirigenten des Elbphilharmonie Orchesters, Herrn Alan Gilbert sowie den Chefdirigenten der NDR-Radiophilharmonie, Herrn Andrew Manze.

Offener Brief

Berlin, Köln, Leipzig, München und Stuttgart, den 14. August 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Bestürzung haben wir, die Vertreter der Rundfunkchöre der ARD-Anstalten sowie der roc Berlin von den Plänen erfahren, den Rundfunkchor des NDR langfristig in ein kleineres Vokalensemble in Form einer GmbH umzuwandeln.

In der Aufstellung der Rundfunkchöre mit unterschiedlichen programmatischen Schwerpunkten sind uns die Kolleginnen und Kollegen Ihres Chores ein hochgeschätzter Kooperationspartner, insbesondere im Bereich der großen Oratorien und Chorsinfonik.

Zur Eröffnung der Elbphilharmonie durften beispielsweise die Kolleg*innen des BR-Chores gemeinsam mit dem NDR-Chor bejubelte Konzerte geben und haben damals sehr herzlich gratuliert, hat doch der Chor damit eine außerordentliche Wirkungsstätte bekommen, die weltweite Aufmerksamkeit garantiert.

Aus unserer Sicht ist bereits jetzt, mit nur noch 27 festen Stellen, eine Schieflage zum ursprünglichen Auftrag des NDR-Chores entstanden, sollte doch ein Ensemble mit solch großem Wirkungskreis und insbesondere in einer Kulturmetropole wie Hamburg personell in der Lage sein, auch die Paradewerke der Chorsinfonik aus eigenen Kräften zu bestreiten.

Die Rundfunkchöre haben aus unserer Sicht auch die Aufgabe, als Vorbilder in der Heranbildung junger Sänger*innen zu dienen, da das Bewusstsein für hochqualifizierten Chorgesang oftmals nicht in der Ausbildung vermittelt werden kann. Wir halten es auch aus diesem Grund für untragbar, solcherart gewachsene Kultureinrichtungen, die für ein ganzes Berufsbild stehen, dem allgemeinen Spardruck zu opfern, da eine unvermeidliche Folge u. a. sein wird, dass sich auf Dauer keine geeigneten Nachwuchssänger*innen mehr finden werden.

Dass mit Festanstellung der Sänger*innen immer wieder auch Generationswechsel verbunden sind, ist ein Fakt, von dem alle Berufschöre betroffen sind. Je größer ein Ensemble aufgestellt ist, desto größer ist die Durchmischung aller Altersgruppen und umso leichter ist es möglich, evtl. auftretende natürliche Veränderungen einzelner Stimmen aufzufangen und auszugleichen. Das Bewusstsein, als Organismus zu funktionieren, lässt sich nach unserer Erfahrung nur mit langjähriger Vertrautheit und Verbundenheit der Chormitglieder erreichen und ist für die klangliche wie emotionale Qualität eines Klangkörpers maßgeblich. Dazu zählt auch die aus der relativen Sicherheit der Festanstellung resultierende Freiheit, sich mit ganzer Hingabe einzubringen, was nicht ohne Risiko möglich, aber gleichfalls für Höchstleistungen zwingend erforderlich ist.

Wenn nun also langfristig die Umwandlung des NDR-Chores in ein verkleinertes Vokalensemble mit lediglich noch 18 Positionen zu nur noch 50 % in Form einer GmbH angedacht ist, stellt sich uns die Frage, ob damit nicht automatisch wesentliche Bereiche der Aufgaben eines Rundfunkchores zur Disposition gestellt werden. Insbesondere im Bereich der Vokalensembles gibt es sehr leistungsfähige professionelle und semiprofessionelle Ensembles, die aufgrund Ihrer Struktur und der Auswahl der Sänger*innen für bestimmte Aufgaben prädestiniert sind. Davon sollte sich ein Rundfunkchor unserer Meinung nach durch klangliche Flexibilität, Beherrschung der verschiedensten Stile und Epochen und eben auch durch eine stimmliche wie altersmäßige Mischung abheben. Das können nur die Rundfunkchöre leisten und als solcher sind uns die Kolleg*innen des NDR-Chores geschätzte Partner und Kollegen, die ihre berufliche Laufbahn eben in diesen Dienst gestellt haben und nun vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Wir möchten mit diesem Schreiben unserer absoluten Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen des NDR-Chores Ausdruck verleihen und Sie bitten, der Verantwortung um eine so vielfältige und in der kulturellen Landschaft verwurzelte Institution gerecht zu werden. Daher sprechen wir uns für den Erhalt und die Unterstützung des Chores unter dem Dach des NDR in Festanstellung aus und wünschen den Kolleg*innen alles Gute für die Zukunft!

Mit freundlichen Grüßen

[Unterschriften aller derzeit amtierender Mitglieder der Chorvorstände der anderen sechs deutschen Rundfunkchöre – RIAS Kammerchor, Rundfunkchor Berlin, WDR Rundfunkchor, MDR-Rundfunkchor, Chor des Bayerischen Rundfunks und SWR Vokalensemble.]

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