Als erste Premiere im Rang eines Staatstheaters kam in Regensburg die europäische Erstaufführung von Paul Moravec’ „The Shining“ auf die Bühne. Stephen King hätte es gefallen, Stanley Kubrick eher nicht.
„The Shining“ am Staatstheater Regensburg mit Carl Rumstadt, Vitus Heumüller und Theodora Varga. Foto: Marie Liebig
Konventionelles, packendes Musiktheater: „The Shining“ am Staatstheater Regensburg
Ein verlassenes Hotel im Winter, das von einem liebenden, aber durch Traumatisierung labilen Vater Besitz ergreift und ihn gegen seine Frau und seinen zu übersinnlicher Wahrnehmung („the shining“) fähigen Sohn aufhetzt. Das ist schon eine haarsträubend gute Geschichte, die sich Stephen King 1977 ausgedacht und in die Form eines vielschichtigen Psychothrillers gebracht hat. Und es ist ein haarsträubend beängstigender Film mit gänzlich anderer Tonlage, den Stanley Kubrick drei Jahre später daraus machte. Es war also ein geschickter Schachzug der Minnesota Opera, ein Werk in Auftrag zu geben, das sich eben nicht am ikonischen Film (den King hasste) abarbeiten, sondern das Buch zum Ausgangspunkt nehmen sollte. 2016 wurde „The Shining“ als Oper uraufgeführt und in den USA mehrfach nachgespielt. Das frisch gekürte Staatstheater Regensburg sicherte sich nun die Europäische Erstaufführung und landete damit – dem tosenden Schlussapplaus nach zu urteilen – einen Coup.
Librettist Mark Cambell hat den voluminösen Roman geschickt auf seine Schlüsselszenen kondensiert und lieferte Paul Moravec damit die Steilvorlage für eine gediegen durchgearbeitete Partitur. Der in etwas biederer, gelegentlich dissonant aufgerauter Harmonik arbeitende Komponist versteht es, mit Leitmotiven und wiederkehrenden Klangfarben (etwa das tiefe, vom Kontrafagott geprägte Register für den Ungeist des Overlook Hotels) schnelle atmosphärische Wechsel herzustellen. Über der abwechslungsreichen, durchsichtigen Orchesterierung haben die Sänger keine Probleme in textverständlichem Englisch ihre sanglichen, konventionelle Opernaffekte transportierenden Linien zu realisieren.
Vergisst man einfach, welche furchteinflößende Stimmung im Film durch Wendy Carlos’ Synthesizerklänge sowie die Musik von Bartók, Penderecki und Ligeti erzeugt wird oder welch musikalisch gleichermaßen komplexes wie unmittelbar wirkungsvolles Psychomusiktheater etwa ein Benjamin Britten zu gestalten wusste („The Turn of the Screw“), dann kann man sich mit Moravec’ effektsicherem Zugriff durchaus anfreunden. Schade nur, dass ihm zur gewalttätigen Eskalation im zweiten Akt nicht mehr eingefallen ist, als die Lautstärke zu erhöhen und dass er bei der entscheidenden Konfrontation Vater-Sohn tatsächlich eine Art Engelschor intervenieren lässt. Da schrillte der Kitsch-Alarm zur Unzeit.
„The Shining“ am Staatstheater Regensburg mit Carl Rumstadt, Vitus Heumüller und Theodora Varga. Bühne und Videodesign: Sam Madwar. Foto: Marie Liebig
Intendant Sebastian Ritschel bringt das mit seinem Ausstatterteam schlüssig und präzise auf die Bühne. Die schnellen Szenenwechsel im ersten Akt werden durch die virtuos bediente Hub- und Drehbühnentechnik ebenso geschmeidig vollzogen wie Moravec sie komponierte. Leider müssen er und Sam Madwar (Bühne und Videodesign) dabei aber strenge Vorgaben des Buchverlags einhalten, da Stephen King jegliche Anspielungen auf den Film und anscheinend auch jeden Anflug von Regietheater verhindern wollte. So herrscht verstaubter Opernrealismus vor und die in naiver Papiertheatermanier gehaltene Hotelfassade kann trotz Videoprojektionen nie das Grauen eines verfluchten, durch seine Geister die Lebenden heimsuchenden Ortes heraufbeschwören. Die Partystimmung unter den Untoten trägt mit erwartbaren Unterhaltungsjazzverfremdungen auch nicht zum Unbehagen bei und das ominöse Zimmer 217 verströmt kaum mehr als Geisterbahngruseln.
Über weite Strecken packendes Musiktheater entsteht dennoch, was einem Team herausragender Sängerdarsteller und dem von Lucia Birzer einstudierten Chor zu verdanken ist. Allen voran war es Bariton Carl Rumstadt, der Jack Torrances Zerrissenheit in jeder Phase glaubhaft machte – eine sängerisch wie darstellerisch überragende Leistung. Theodora Varga stürzte sich mit technisch exzellent kontrolliertem Furor in die weniger dankbare Rolle der liebenden, aber an ihrem Mann (ver)zweifelnden Wendy Torrance. Vitus Heumüller war in der Sprechrolle des Danny fabelhaft präsent, die kleine, aber sängerisch anspruchsvolle Kinderrolle der ermordeten Grady-Girls war bei Marlene Mathy und Sarah Winter bestens aufgehoben. Die bedeutendste Nebenfigur des Küchenchefs Dick Halloran, der Dannys Gabe teilt und von ihm telepathisch zur Hilfe gerufen wird, stattete Aubrey Allicock mit einfühlsamer Wärme aus, George Kounoupias war als Dicks mörderischer Hausmeister-Vorgänger Delbert Grady auf irritierend unterhaltsame Weise dämonisch.
Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, doch gebührt abschließend dem Philharmonischen Orchester unter GMD Stefan Veselka ein Riesenkompliment: Was da opulent und differenziert aus dem Graben tönte, war wahrlich eines Staatstheaters würdig.
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