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Vor 50 Jahren: We come to the river – eine rückwärtsgewandte Opernutopie

Untertitel
Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, August 1976
Vorspann / Teaser

[…] Eine Schocktherapie haben Edward Bond und Hans Werner Henze in Form einer Oper verabreichen wollen – und das Publikum der Uraufführung im Königlichen Opernhaus von Covent Garden war von der Oper angetan, vom Schock kaum berührt. […] Bis zu drei miteinander verzahnte Handlungen laufen simultan ab, und Henze spiegelt diese Dramaturgie musikalisch durch drei Teilorchester auf der Bühne – logische Weiterentwicklungen einer Struktur, wie sie das Vaudeville „La Cubana“ aufweist: Theater auf dem Theater auf dem Theater, Rückblende in der Rückblende. Die nunmehr angewandte Gleichzeitigkeit erlaubt Verstärkung der Kontraste. […] Die Verschlüsselung ist vordergründig, und aktuelle Bezüge lassen sich genügend finden, sie wieder aufzuheben. Zwar gibt es nicht mehr viele Kaiserreiche, aber die Uniformen sehen sehr britisch aus, die feine Gesellschaft sehr gründerzeitlich. Wir sind gemeint, Europa, der dekadente Westen […]

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Text

Henze wies auf die während der Entstehung des Librettos wachsende Aktualität hin: Er meinte die Militärs in Chile, er sprach von Vietnam, auf das der optimistische Schlußchor anspiele. Aber Bonds Textbuch läßt sich nicht so eindeutig festlegen. […] Eine bittere Pille für Ideologen jeder Couleur: Die Korruption durch die Macht, Militarismus und Imperialismus sind systemunabhängige Errungenschaften der Zvilisation. Zudem: So optimistisch, wie Henze ihn vielleicht sieht, ist auch der Schluß nicht. Denn jener Schlußchor („Wir stehen am Ufer. Ist dort auch kein Steg, wir gehen durch. Ist das Wasser tief, werden wir schwimmen…“), ein ferner Nachklang blindfröhlicher Agitpropmusik, beschwört zwar eine marschierende Solidarität, die nicht untergeht – aber daß sie nicht untergehen werden, das singen die Gefallenen, die Füsilierten, die Opfer, als Vision auferstanden. Ein dialektischer Optimismus, der die Lösung der gesellschaftlichen Konflikte in eine utopische Ferne rückt. […]

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Dietmar Polaczek, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, August 1976

Dietmar Polaczek, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, August 1976

Text

Die Partitur […] zeigt Henzes Eklektizismus auf die Spitze getrieben, zu einer Tugend gemacht. Nach wie vor liebt es Henze, reinen Wohlklang ohne jede ironische Brechung zu komponieren – die utopische Vision der Irren ist eine Mischung aus Monteverdi, Gesualdo, Wolf, die Hoffnung also merkwürdigerweise restaurativ, rückwärtsgewandt. […] Viel Klangphantasie bereitet viel sinnliches Vergnügen. Das zwiespältige Stück erlaubt noch dem Hörer, der Sarkasmen à la Kurt Weill nicht durchschaut, einen Scheinzugang. […] Die Oper wird in den fünf Aufführungen en suite nicht im Repertoire-Schlendrian verwittern. Ob sie fürder lebensfähig bleiben wird, werden erst die kommenden Inszenierungen zeigen. Es ist nicht unwahrscheinlich.

Dietmar Polaczek, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, August 1976

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