Bayerischer Rundfunk: Der vergiftete Wellentausch zwischen PULS und BR-KLASSIK


(nmz) -
Von vielen Hörerinnen und Hörern von BR-KLASSIK wurde die letzten Freitag gefallene Entscheidung begrüßt, BR-KLASSIK weiterhin eine Frequenz auf UKW zu lassen, statt die Welle in den Digitalfunk (DAB+) als alleinigen Verbreitungsweg, neben dem Internet, abzuschieben. Aber die Sache müffelt.
11.12.2017 - Von Martin Hufner

Sicher ist das schön für die Situation von BR-KLASSIK. Dennoch wirkt der Schwenk des Intendanten, so überraschend, wie problematisch. Denn: Mit wie viel Aufwand wurde vor drei Jahren der Wellentausch vorangetrieben. Wir haben in der nmz den ganzen Vorgang kritisch begleitet. Zuletzt erst Andreas Kolb in der September-Ausgabe 2017 der nmz.

Denn die Entscheidung war 2014 falsch und ist jetzt immer noch falsch. Das sieht man, wenn man sich anschaut, wie sehr 2014 der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks dem Intendanten nach dem Mund geredet hat.

Uneinsichtiger Rundfunkrat

10.07.2014: „Nach einem schwierigen und langwierigen Entscheidungsprozess gibt es im Rundfunkrat eine große Mehrheit für den geplanten Wellentausch von BR-Klassik und PULS. Der Bayerische Rundfunk wirkt damit dem Generationenabriss entgegen und wird seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht. Die Entscheidung ist ein Signal dafür, dass der digitale Rundfunk die Zukunft ist. Es ist wichtig, die bereits jetzt hoch digitalisierte Hörerschaft von BR-Klassik mitzunehmen in die digitale Zukunft des Antennenradios DAB+ – und ihr viele Vorteile und einen qualitativen Mehrwert zu bieten.“ Dr. Lorenz Wolf, Vorsitzender des BR-Rundfunkrats

Jetzt im Jahr 2017 klingt es eigenartig uneinsichtig. Sogar uneinsichtiger als von Seiten des Intendanten. Gelernt hat man da eher nichts.

08.12.2017: „Der Rundfunkrat unterstützt den Intendanten in seiner Entscheidung, den Wellentausch nicht durchzuführen. Zugleich hält er die ursprüngliche Entscheidung für richtig, die die Voraussetzung dafür bildete, die Veränderung des Programms in Richtung Jugend entscheidend voranzubringen.“ Dr. Lorenz Wolf, Vorsitzender des BR-Rundfunkrats

Hauruckprinzip! Wie absurd ist doch die Logik des Vorsitzenden des BR-Rundfunkrates. Der ganze Vorgang erscheint jetzt allein noch als Impulsgabe, den Rest des BR auf Vordermann und Vorderfrau für die Jugend bis 30 Jahre zu bringen. Der berüchtigte Generationenabriss wurde demnach durch die Stärkung von Bayern 3 und Bayern 1 abgewendet: „Heute ist es dagegen gelungen, mit Bayern 3 in der Zielgruppe der 20- bis 29-Jährigen in Bayern Marktführer zu werden - und dies, dank der konsequenten Neuausrichtung der Wellen Bayern 1 und Bayern 3, die 2015 eingeleitet wurde und Bayern 3 in der musikalischen Ausrichtung und Ansprache wesentlich jünger gemacht hat.“

Kein Wort mehr von PULS, es scheint geradewegs so, als habe man PULS überflüssig gemacht und spielt jetzt mehr auf YouTube: „Im Oktober 2017 erreichte PULS auf seinen YouTube Kanälen insgesamt knapp sieben Millionen Views.“ So steht es auch die Selbstdarstellung von PULS. Denn wo findet man PULS? „Die Antwort lautet: Im Internet. PULS bietet neben dem Radio-Livestream auch viele Beiträge und Videos zum Abruf auf an. Klar, dass sich PULS über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Youtube und Instagram mit seinen Nutzern austauscht. Die können aber auch direkt ins Programm funken und über WhatsApp die Sendungen mitgestalten.“ Und nur etwas später werden auch DAB+, Kabel und Satellit erwähnt. Der „Radiobetrieb“ scheint nur ein Nebenzweig zu sein. Wie wenig mal im BR PULS zutraut, zeigt zum Beispiel auch die Art und Weise, wie der BR außerhalb Bayerns über DAB+ zu erreichen ist. Statt PULS findet man nämlich PLUS hier in Berlin und Brandenburg.

Über kurz oder lang – wahrscheinlich eher über lang – wird UKW als Ausspielweg aufgegeben werden. Dafür gibt es viele mehr oder minder gute Gründe. Nicht zuletzt die Kosten für den Betrieb von UKW. Bei PULS droht nun aber auch Ungemach: Wie lässt sich eine Welle/Programm rechtfertigen, das sozusagen neben dem eigenen Programmauftrag zusätzlich betrieben wird? Wenn doch Bayern 1 und Bayern 3 so erfolgreich in der gesuchten Hörergruppe sind, bedürfte es doch PULS nicht mehr, oder?

Entscheidungsgewalt zwischen Intendanz und Rundfunkrat

Die zweite Irritation dürfte daher rühren, dass man offenbar nach Gutsherrenart agiert. Es wird ohne Diskussion entschieden. Heute hü, morgen hott! Es spricht ja nichts dagegen, Fehler zu korrigieren. Es ist schön, wenn man dazu sich in der Lage zeigt. Aber die Art und Weise wie hier eine lang diskutierte Entscheidung aus den Angeln hebt, kurz vor Sendeschluss gewissermaßen, dürfte das Misstrauen in die Institutionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht gerade schwächen. Mal abgesehen davon, wie viele Menschen vielleicht ob des zum Januar 2018 geplanten Abgangs von BR-KLASSIK zu DAB+ in ebensolche Empfangsgeräte investiert hatten.

Gleichwohl geht aus einem Protokoll des Rundfunkrats des BR vom Juli 2017 hervor, dass sich die Zahl der DAB+-Nutzer innerhalb der letzten zwei Jahre knapp verdoppelt habe. Absolut gesehen bleibt die Situation aber dürftig: „Den Ergebnissen der Funkanalyse vom 4.7.2017 zufolge sei der Anteil entsprechender Haushalte von 10,4 Prozent auf 20,1 Prozent gestiegen.“ DAB+ ist nicht in der Bevölkerung angekommen.

DAB+ nicht angekommen

Die dritte Irritation dürfte sein, dass man die Rücknahme des Beschlusses nun als Entgegenkommen gegenüber Verlagen und Privatradios verkauft: „Im klassischen Ausspielweg ‚Radio‘ sowie im linearen Fernsehen dagegen bleibt das junge Programm bisher schwach und müsste, um an die Zielgruppe zu kommen, tatsächlich ‚popularisiert‘ werden - dagegen aber wehren sich die Privatanbieter. Die Entscheidung sieht der Bayerische Rundfunk nach einer jahrelangen Auseinandersetzung um den geplanten Frequenztausch daher auch als bewussten Schritt auf die privaten Radiobetreiber und Verlage in Bayern zu.“ (Meldung des BR vom 8.12.2017)

Die Wahrheit ist jedoch, dass die rechtlichen Bedingungen bis heute nicht abschließend geklärt worden sind. Darauf auch wies Andreas Kolb in seinem Artikel bereits hin: „Zwei abgelehnte Klagen, ein voller Erfolg für den BR, möchte man meinen – aber vielleicht nur auf den ersten Blick. Es mehren sich Anzeichen, dass Intendant Ulrich Wilhelm 2018 den Wellentausch zumindest so lange nicht forcieren wird, bis die höchstrichterliche Klärung in Form eines letztinstanzlichen Urteils rechtssicher vorliegt. Und ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) wird frühestens für den Herbst 2018 zu erwarten sein.“ (Andreas Kolb: Neuer Rundfunk in der Sackgasse?)

Die Entscheidung, die der Intendant gefällt hat, wirkt unter diesen Aspekten eher wie ein sicherheitshalber ausgelöster Prallsack. Das freilich kann man natürlich nicht als positive Entscheidung verkaufen. Und warum auch: Die BR-KLASSIK-Nutzerinnen und -Nutzer sind ja nun glücklich. Die Petition gegen den Wellentausch, die nicht fruchtete, wird auf diese Weise nachträglich bestätigt.

Petition gegen den Wellentausch wusste es schon 2014

Wie hieß es da: „Die Pläne, auf der angestammten BR-Klassik-Frequenz auf UKW zukünftig das Jugendradio ‚Puls‘ auszustrahlen, erscheinen fragwürdig. Die Zielgruppe der unter 29jährigen konsumiert als ‚digital natives‘ bereits jetzt Information und Unterhaltung weitestgehend über digitale Empfangskanäle. Bei aller Sympathie für die berechtigten Anstrengungen des BR, die Jugend als Hörer zurück zu gewinnen: Hier soll die klassische Klientel auf das Netz verlegt werden, während die Jugend, die sich ohnehin quasi naturgemäß im Internet aufhält, für den aus ihrer Sicht gänzlich veralteten UKW-Konsum erst mühsam und mit äußerst geringen Erfolgsaussichten zurück gewonnen werden müsste.“ [Petitionstext von 2014]

Kommt einem das jetzt nicht bekannt vor? Über 66.000 Personen hatten damals die Petition gezeichnet und offenbar mehr Gespür für die Zukunft gezeigt als Intendanz und Rundfunkrat-„Profis“ zusammen. Das macht zugleich froh und traurig. Es zeigt, dass man leider mit Argumenten die Entscheider und Entscheiderinnen nicht erreichen konnte – auch das ähnlich wie bei der Initiative „Das GANZE Werk“ gegenüber dem Umbau von NDR-KULTUR.

In die Freude über den abgeblasenen Wellentausch sollte sich schon Misstrauen mischen. Denn so wird die Sache als Geschenk betrachtet, statt als Vollzug guter, längst bekannter Argumente, die man aber auf Entscheiderebene nicht hören wollte. Genau das ist das Bedauerliche. Die Einsicht kommt vier Jahre zu spät.

Ähnliche Artikel