Bewegung in Rheinland-Pfalz – Hoffnung für die Deutsche Staatsphilharmonie


(nmz) -
Minister Konrad Wolf stellt den neuen Intendanten Beat Fehlmann und das Metrum-Gutachten vor. Trotz unbestrittener künstlerischer Erfolge spitzte sich die schwelende Krise der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in diesem Sommer zu. Dem Rattenschwanz von Unterfinanzierung, konzeptionellen Schwierigkeiten, internen Querelen und angekündigtem Weggang von Chefdirigent Karl-Heinz Steffens folgte die Entscheidung von Intendant Michael Kaufmann, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Schon im Frühjahr hatte das Mainzer Kultusministerium die Münchener Managementberatung Metrum mit einem Gutachten beauftragt. Am 1.12. nun stellte Minister Konrad Wolf in Ludwigshafen den neuen Intendanten Beat Fehlmann der Presse vor und gab zugleich das Gutachten an die Öffentlichkeit.
06.12.2017 - Von Andreas Hauff

Der Minister wirkte gut gelaunt und selbstsicher – und dies nicht ohne Grund. Es scheint gelungen, die kulturpolitische Zeitbombe „Staatsphilharmonie“ zu entschärfen und dem Orchester, das 2019/20 sein 100jähriges Bestehen feiern darf, Optionen für die Zukunft zu eröffnen. Eine gewisse Garantie dafür dürfte schon in der Person des neuen Intendanten liegen. Von seinem Werdegang her erscheint Beat Fehlmann (Jg. 1974) vielfach qualifiziert. Er spielt selbst Klarinette und Saxofon, er hat Komposition studiert, u. a. bei Georges Aphergis, war jahrelang dirigentisch tätig und hat sich seit 2014 im Bereich Kulturmanagement weitergebildet. Seit 2013 ist der gebürtige Schweizer Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie. In diesen vier Jahren hat das Orchester neue Publikumsschichten erschlossen und sich wirtschaftlich konsolidiert. Fehlmann hinterlasse große Fußspuren, bemerkte der Konstanzer Südkurier angesichts des bevorstehenden Wechsels.

Kulturpolitische Zeitbombe

In der kommenden Spielzeit 2018/19 kann Fehlmann sich zwar auf die Planungen seines Vorgängers Michael Kaufmann stützen, doch mit der Auswahl und dem Dienstantritt eines neuen Chefdirigenten und der Jubiläumsspielzeit 2019/2020 warten kurzfristig gleich zwei gewichtige Herausforderungen. Die Verantwortung für das künftige Schicksal des Orchesters scheint dem neuen Intendanten bewusst zu sein. Auf dem Podium der Pressekonferenz schlug er einen angenehm behutsamen Tonfall an: Ein komplett neues Konzept könne er nicht vorstellen. Er wolle sich in seiner ersten Saison einleben, im Orchester Formate und Menschen kennenlernen und ein Gespür für die Region, das Land, die Stadt entwickeln. Wichtig seien ihm besonders die gesellschaftliche Verankerung und Vernetzung des Klangkörpers und die Vermittlungsaufgabe, „Menschen aufklärend an Musik heranzuführen“. Es gelte, nicht nur schöne Angebote zu entwickeln, sondern damit auch „dahin zu gehen, wo die die Menschen sind.“ Die (existierenden) Konzerte für junge Menschen seien ein wichtiger Bestandteil dieses Auftrags, aber eben nicht der einzige.

Kultusminister Wolf machte deutlich, dass er sich von Fehlmann die verstärkte Anwerbung von Drittmitteln erhofft, sagte aber seinerseits eine jährliche Erhöhung des Landeszuschusses um 250.000 jährlich zu. Dass andernfalls die bisher in den Orchester-Haushalt eingespeisten Rücklagen ausgerechnet im Laufe der Jubiläumsspielzeit 2019/20 aufgebraucht sein dürften, kann man dem Gutachten der Metrum Management entnehmen, das der Minister während der Pressekonferenz zwar nur kurz thematisierte, aber im Anschluss der Presse übergab. Es handelt sich um den Abschlussbericht eines vier Monate langen Prozesses unter dem Titel „Begleitung des Landes bei strategischen Weichenstellungen für die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und Erarbeitung einer Konzeption zur Weiterentwicklung des Klangkörpers“. (Der Bericht ist auf der Internetseite des Ministeriums nachzulesen.)

Geschwärzte Passagen

Dass das 32-seitige Papier einen soliden Eindruck hinterlässt, dürfte zunächst daran liegen, dass es sich auf den überschaubaren Rahmen der Staatsphilharmonie beschränkt – und sich nicht wie im Falle Mecklenburg-Vorpommerns an der Theater- und Konzertlandschaft eines ganzen Bundeslandes gutachterlich verhebt. Zudem war Metrum zu Beginn der Arbeit an immerhin 12 Kalendertagen vor Ort, um Interviews und Gespräche zu führen und Daten zu analysieren. Die Kapitel zur Dienstbelastung, zur fachlichen Betriebsführung und zum Betriebsklima zeigen, dass der im Orchester grassierende Unmut offen zur Sprache kam. Etliche aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geschwärzte Passagen belegen, dass es hier „ans Eingemachte ging“. Entsprechend gab es im Anschluss zwei getrennte Workshops zu den strategischen Optionen: Einen mit Intendant, Verwaltungsleiter und einem Vertreter des Ministeriums, den anderen mit Orchestervorstand, Personalrat und ebenfalls einem Vertreter des Ministeriums. Diese partizipatorische Vorgehensweise im geschützten Raum war eine sinnvolle ministerielle Vorgabe, denn ohne oder gar gegen die Ensemblemitglieder lässt sich ein Orchester in einer solchen Lage tatsächlich nicht weiterentwickeln.

Dass Michael Kaufmann sich schon vor Beginn dieser Arbeit genötigt fühlte, das Handtuch zu werfen, wirft jedoch einen Schatten auf die Prozedur. Menschen neigen leicht dazu, Missstände vor allem an Personen statt an Strukturen festzumachen. Demgegenüber zeigt das Metrum-Gutachten, dass es in der internen Aufbau- und Ablauf-Organisation des Orchesters ein erhebliches Optimierungspotential gibt – allerdings nicht nur dort, sondern auch in den Bereichen Wirtschaftlichkeit und Controlling.

Ein wichtiges Thema ist auch die Flächenwirkung. Bislang agiert die Staatsphilharmonie ohne eigene Heimatspielstätte in Ludwigshafen als rheinland-pfälzisches Landesorchester an vielen Spielorten und gastiert zusätzlich auf baden-württembergischen Gebiet im benachbarten Mannheim, in Heidelberg und Karlsruhe. Erwartungsgemäß würde ein Zurückfahren der Aktivitäten Einsparungen mit sich bringen, aber auch die Strahlkraft reduzieren; eine Ausweitung des Radius hätte kurz- und mittelfristig die umgekehrte Wirkung.

Fehlen einer Heimatspielstätte

In diesem Zusammenhang wird das Fehlen einer Heimatspielstätte als Problem deutlich artikuliert. Nachzudenken wäre laut Gutachten über den Ausbau des bisherigen Probensaals in der Ludwigshafener Heinigstraße zum Konzertsaal, über den Umzug in ein besser geeignetes Gebäude und über eine stärkere Präsenz im benachbarten Theater im Pfalzbau. Chancen und Risiken dieser Optionen ließen sich aber im Rahmen des Berichts nicht fundiert bewerten. Immerhin sieht Metrum hier – anders als in Mecklenburg-Vorpommern – wenigstens im Ansatz wieder die Bedeutung eines residierenden Orchesters für Stadtgesellschaft und Urbanität. Denn leider hat in den letzten Jahrzehnten ein eng betriebswirtschaftliches Denken zunehmend den Blick auf die Umwegrentabilität von Kulturinstitutionen und ihre langfristige gesellschaftliche Relevanz verstellt. In diesem Sinne kann man auch nur wünschen, dass die derzeit vakante Stelle einer Lehrkraft für Musikvermittlung an der Staatsphilharmonie möglichst bald wiederbesetzt und stärker profiliert wird.

Interessanterweise scheint auch andernorts Bewegung in die rheinland-pfälzische Orchesterszene zu kommen. In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling, GMD Hermann Bäumer und Staatstheater-Intendant Markus Müller erklärte Kulturstaatssekretär Salvatore Barbaro am 5.12. den Willen des Landes, zugunsten einer zukunftsfähigen und effektiven Gesamtstruktur in gemeinsamen Gesprächen zum 1.1.2019 die Rückgliederung des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz in die Staatstheater Mainz GmbH zu prüfen.


Siehe dazu auch unser Dossier „Kulturberatung“:

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