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Foto: © Bayreuther Festspiele

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Viel neue Liebe – Auf großer Leinwand dominieren im neuen Bayreuther „Parsifal“ auch neue Beziehungen

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Es hätte ja tatsächlich noch Karten für die Premiere gegeben. Doch leider entwickeln sich die Bayreuther Festspiele zum Hochpreis-Festival. Erfreulich, dass parallel dazu die sonst überwiegend asozialen Medien diesbezüglich einen sozialen Zug zeigen: entsprechend den – ja das Festival auch ermöglichenden – öffentlichen Geldern des Steuerzahlers machen Stream am häuslichen PC und Live-Übertragung im Kino das exquisite Kunsterlebnis zugänglich.

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Also eine Kino-Karte für 28 Euro; ein deutlich bequemeres, gut gepolstertes Fauteuil mit Fußfreiheit für die gut vier Stunden Musiktheater; statt der Bühne in doch weiter Entfernung hier eine Großleinwand in guter Nähe; ein Dolby-Surround-Tonsystem für auch mal überwältigenden Sound … und da beginnen doch auch Grenzen: die singuläre Akustik des Festspielhauses speziell für den ja daraufhin komponierten „Parsifal“ ist nicht zu erleben… und noch bodenständiger: die schönen einstündigen Pausen sind auf eine halbe Stunde verkürzt … und keine herrlichen fränkischen Bratwürstel …

Dafür gibt es in der nur zeitversetzten Live-Übertragung dann Neues: nachdem der Zuschauerraum dunkel geworden ist, wechselt das Kinobild zur Kamera vor dem Dirigentenpult; mitzuerleben ist, wie Dirigent Pablo Heras-Casado im T-Shirt am ehrwürdig-berühmten Pult sitzt, über ihm wölbt sich die gleichfalls berühmte Schallmuschel – und er langt nach rechts, wo im „mystischen Abgrund“ die 1. Geigen sitzen, anders als im regulären Orchestergraben. Erst zum teilweise inszenierten Vorspiel wechselt dann die Kamera zur Bühne; gleiches dann zu jedem Aufzugsbeginn und auch zu den letzten Takten – das war ein „Bonbon“ an Einsicht, das statt Dirigenten-Verklärung zeigte, dass hier interpretatorisch und musizierend gearbeitet wurde.

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Ungleich wichtiger: nach einer Bild-Totalen fuhren die Kameras nahe heran und von da an war zu erleben, dass die Solisten eben nicht nur agieren, sondern auch „hautnah“ spielen mussten. Das beeindruckte an dem glänzend artikulierenden und singenden Hans Zeppenfeld mit zuviel aufgerissenen, groß blickenden Augen noch zu wenig. Denn Regisseur Scheib arbeitete anderes maßgeblich heraus: er knüpfte an Peter Konwitschnys epochale „Parsifal“-Deutung von 1995 im Münchner Nationaltheater an – dass nämlich die gesamte Grals-Welt bis hin zu Klingsor und seinem Lustgarten an einem verquasten Frauenbild litt, changierend zwischen anhimmelnder Marienverehrung und sündigen Blumenmädchen, Kundry als selbstlose Dienerin und zeitlose Hure. Das führte Scheib nun weiter. Eine Zwillingsschwester Kundrys war von der ersten Szene an Gurnemanz zugewandt und bildete mit ihm am Ende ein Paar. Zentral aber in Großaufnahme gab es von der ersten Begegnung zwischen Parsifal und Kundry eine feine Spannung: Neugier, Blicke, intensivere Blicke, Zuwendung. Vollends im 2. Aufzug wurden die Kundry der Bayreuth-Debütantin Elīna Garanča zur fast die Leinwand sprengenden Tragödin, ihre Weiblichkeit fast unwiderstehlich, ihr Leid quälend und ihre Zuwendung zu Parsifal so menschlich-sinnenhaft, dass Andreas Schager und sie ein überlebensgroßes Liebespaar bildeten. Das gipfele in einer sinnlichen, fast exzessiven Kuss-Szene, die jeden Hollywood-Film verblassen ließ. Kundrys Wandel zur liebenden Frau, Parsifals Reife aus Mitleiden hin zum zart zugewandten Mann akzentuierten die vom Werk intendierten Werte eindeutig und neu: kühn, aber folgerichtig endete Kundrys Taufe mit einem zarten Kuss, sie blieb am Leben und trat in der musikalischen Schluss-Gloriole – dieser Öffnung der Grals-Gesellschaft – an die Seite Parsifals. Das war nicht in Bühnenentfernung, sondern Leinwand-füllend als „Schau-Spiel“, von der Musik getragen und sich zum Gesang steigernd, „zum Greifen nah“ mitzuerleben … womöglich intensiver als im Festspielhaus. Das Kino also als musiktheatralisch fesselnde, zugleich sozial zugänglichere Alternative zum teuren Festspielbillet.

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