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Karikatur: Fabian Blum

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Freispruch – Michael Wolffsohn über Karajan

Untertitel
Nachschlag 2026/04
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Der Titel „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Natio­nalsozialismus“ ist doppelt falsch. Karajan war kein Genie und hatte auch keines, welches auch? Und extrem ehrgeizige Künstler kennen kein Gewissen, nur ein rasches Fortkommen zum Weltruhm. Die berühmtesten Künstler sind nicht die besten und wichtigsten. Das gilt, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, gerade für diesen sich zum Gott der Musik aufschwingenden Dirigenten.

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Michael Wolffsohn ist ein kluger, besonnener, glücklicherweise streitbarer und deswegen beachteter Intellektueller, Historiker und Politikwissenschaftler von Hause aus und um seiner Expertise willen willkommener Gast in politischen Sendungen. Über Musik hat er bisher nicht publiziert. Hier geht es auch nicht um Musik. Sondern Wolff­sohn stellt die Frage: War Karajan politisch, wie hielt er es mit den Nazis, die während seines Aufstiegs in Deutschland herrschten? Und fragt: „Schuldig?“, als wären wir auf den Nürnberger Prozessen. Dankenswerterweise spricht Wolffsohn, Gutachter, aber kein Richter, Karajan frei.

Er hat den Töchtern versprochen, „emotional unbeteiligt“ wie ein gestrenger Historiker der Sache nachzugehen. Allein, es ist ein sehr emotionales Buch geworden. Denn ihn treibt die Frage um, wie „hochgebildete und hochkultivierte Menschen ... Vorläufer, Nachläufer, Mitläufer, Mitmacher und sogar Mitmörder“ der NS-Zeit werden konnten. Deswegen findet sich auch sachfremd ein Exkurs zum Gazakrieg nach dem 7. Oktober. Emotional auch, weil Karajan bei allen historischen Funden ambivalenzfrei gut wegkommt.

Das Buch ist dreigeteilt. Im ersten Teil („Nazifizierung?“) beschreibt Wollfsohn die Nazizeit und wie Karajan sich damals verhielt. Sodann werden 35 jüdische und nicht-jüdische Persönlichkeiten aufgelistet, als Kronzeugen dafür, dass Karajan kein Antisemit war („Entnazifizierung“). Im dritten Teil („Fremdnazifizierung“) wird die Diskussion um Karajans Vergangenheit in der Nachkriegszeit thematisiert. Als Anhang werden die letzte Ehefrau und die beiden Töchter porträtiert.

Das Buch ist zwar nominell geschrieben von einem Historiker, aber schlicht und einfach unwissenschaftlich, aus vier Gründen. Erstens ignoriert es, wie der Münchener Musikwissenschaftler Friedrich Geiger in seiner Replik im Spiegel ausführt, die Karajan-Forschung. Zweitens ist es im Tonfall nicht sachlich, es ist reißerisch geschrieben. Drittens bewertet Wolffsohn andauernd, obwohl er sich eingangs verpflichtet, die Dinge von außen zu betrachten. Viertens sind die neuen Erkenntnisse marginal. So kommt der Verdacht auf, Wolffsohn wolle Karajan, der sich in der Nazizeit natürlich anbiederte und andiente und nicht, wie andere freiwillig oder gezwungenermaßen, das Land verließ, weißwaschen. Ein Mitläufer, der nach dem Krieg seine Mitgliedschaft in der NSdAP als Fehler bezeichnete. Nur, war das nicht auch ein Akt des Opportunismus, wollte er doch möglichst schnell durchstarten?

Ich schätze Wolffsohn, aber hier muss ich sagen: Er hat ein kapitales Eigentor geschossen. Erstens ist alles Wesentliche bekannt, das Buch kommt zur Unzeit. Zweitens will er, weil die Töchter ihn baten, Karajan vom Vorwurf, dieser sei ein Nazi gewesen, entlasten. Aber jetzt melden sich die Wolffsohn-Kritiker, so dass „Karajan und die Nazizeit“ unnötigerweise hochgespült wird. Damit erreicht Wolffsohn exakt das Gegenteil von dem, was er beabsichtigte. Alles, was man wissen muss, steht wunderbar geschrieben in Peter Uehlings „Karajan. Eine Biographie“ (2006), die zugleich dessen musikalischen Ansatz genauestens erklärt. Drittens ist Wolff­sohn kein Musikexperte und tappt in die genieästhetische Falle. Doch so kann man nicht über Musiker schreiben.

Viertens ist das Buch auch aggressiv und besserwisserisch, teilweise gehässig, manchmal durchaus klug, aber doch eher journalistisch plaudernd geschrieben. Dabei folgt er nicht wissenschaftlichen Standards und unterschreitet das eigene intellektuelle Niveau. Fünftens versteht er nicht das Phänomen Karajan. Gewiss, dieser war ein großer Dirigent, ein Orchesterzuchtmeister ohnegleichen, mit grandiosen Interpretationen (Alpensymphonie) genauso wie mit totalem Unverständnis (Missa solemnis). Aber warum zog und zieht er solchen Unmut auf sich? Warum die Ablehnung? Warum verblasste sein Ruhm so rasch?

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Karikatur: Fabian Blum

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Der Grund ist Karajans Hybris, sich zum Gott der Musik zu erklären. Er hat bezeichnenderweise nie einen Kompositionsauftrag erteilt. Nie hat er einen Komponisten akzeptiert, der vielleicht tatsächlich ein Genie gewesen wäre und dessen Willen er hätte umsetzen müssen. Nie hat er sich dieser Kreativitätskonkurrenz ausgesetzt. Er, nicht andere, ist die Musik. Er steht auch höher als alle Komponisten. Er und nur er weiß, wie Beethoven klingen muss. (Er wusste es nicht.) So hat er sich inszeniert, und Leute wie Christa Ludwig („Le bon dieu“) sind dem scharenweise gefolgt. Und exakt das Gleiche macht Wolffsohn, der in einer heute unerträglichen Weise von „Genie“ spricht. Dabei ist Karajan doch eher eine geniale Genie-Simulation.

Sechstens hat Wolffsohn ein unpolitisches Buch geschrieben. Nichts zu Karajans Widerspruch zwischen der apolitischen Einstellung und dem Machtinstinkt und Geschäftssinn, seiner Eitelkeit und seinem Opportunismus. Nichts zur nicht vorhandenen Erinnerungskultur, dem fehlenden Einsatz für die Verfolgten und der neuen Musik nach dem Krieg. Nichts zum Aderlass, dem Karajan so viel zu verdanken hatte, nichts zu Erich und Carlos Kleiber, nichts zu Abbado. Nichts zur Medienpräsenz und bürgerlicher Hochmusik-Kulturindustrie.

Wie häufig bei Künstlernarzissten glaubte Karajan wirklich, dass er ein, der Musikgott sei. Deswegen war er apolitisch, denn Politik ist, vom musikalischen Gotthimmel aus betrachtet, eine lästige Niederung. Der Politik­intellektuelle Wolffsohn folgt dem eins zu eins: „Musik, Musik und nichts als Musik“, schreibt er über Anne-Sophie Mutter. Hat er die Ukraine-Diskussion über Netrebko und Gergijew nicht verfolgt oder das Engagement eines Igor Levit? Wolffsohn übernimmt auch Karajans zweite Prämisse: Musik ist der Erdenwelt enthoben. Dass er dem Genietum frönt, teilt er mit vielen, die von außen über Musik schreiben. Aber Musik unpolitisch zu denken, sollte einem Wolffsohn nicht unterlaufen. Immerhin wissen wir jetzt noch einmal, dass der Maestro weder Nazi noch Antisemit war. Doch das war nie der Stein des Anstoßes.

Warum hat sich Wolffsohn, der ein so kluges Buch wie „Wem gehört das Heilige Land?“ schrieb, das nur angetan? Denn sein Karajan ist im Grunde nur interessant für Freunde des Archivmikroskops, ist leider mit viel Eifer und deswegen auch gegen Windmühlen geschrieben und geht an der Musik, die Karajan machte, komplett vorbei. Aber das Thema Nazizeit zieht, das Buch wird zum Bestseller. Nun ja, die berühmtesten Sachen sind nicht unbedingt die besten.

Wolffsohn hat die gesetzlich geschützte Totenruhe gebrochen, Karajan, von der historisch informierten Aufführungspraxis längst entthront, wieder auferweckt und dadurch Dämonen freigesetzt. Ein Bärendienst, auch für die Töchter. So hoffe ich nun auf ein göttliches Dekret, das Karajans (herrenmenschenähnliche) Konterfeis ein für allemal verpixelt. Und dann genießen wir kommod im Lehnsessel seine Alpensymphonie, solange es noch Gletscher gibt.

  • Michael Wolffsohn: Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2026, 361 Seiten, € 26,-
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