Anerkennung für Meriten um das Musikleben

Ein Gespräch mit DTKV-Ehrenpräsident Dr. Dirk Hewig


(nmz) -
Am 27. November 2017 wurde Dr. Dirk Hewig vom Bayerischen Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Damit wird das jahrzehntelange Engagement Hewigs für die Musik gewürdigt – er gab als Ministerialrat für die Musikförderung in Bayern zahlreiche wegweisende Impulse. Nach seiner Pensionierung stellte er sein immenses Wissen und seine große Erfahrung ehrenamtlich in den Dienst vieler Verbände, vor allem auch des Tonkünstlerverbandes: 2003 bis 2009 als Vorsitzender des Tonkünstlerverbandes Bayern, 2005 bis 2011 als Vizepräsident und 2011 bis 2014 als Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV). Im folgenden Gespräch mit Dr. Franzpeter Messmer steht Dr. Hewigs Engagement für den DTKV im Mittelpunkt.
Ein Artikel von Franzpeter Messmer

neue musikzeitung: Als du Vizepräsident und sechs Jahre später Präsident wurdest: In welcher Verfassung befand sich damals der DTKV?

Dirk Hewig: Nach dem Rücktritt der seinerzeitigen Präsidentin befand sich der Deutsche Tonkünstlerverband in einer desolaten Verfassung. Unter der Leitung des nachfolgenden Präsidenten Prof. Rolf Hempel haben wir gemeinsam versucht, den Verband wieder auf rechtlicher, finanzieller und organisatorischer Ebene zu stabilisieren.

In der ersten Zeit waren wir zu sehr mit uns beschäftigt, wurden weniger nach außen hin tätig und haben kaum unsere Anliegen im öffentlichen Diskurs vertreten. Wenn man in der Öffentlichkeit wirken will, muss man auch öffentlich wahrgenommen werden. Wir haben deshalb als erstes unsere Öffentlichkeitsarbeit durch eine neue Website und eine eigene Einlage in der neuen musikzeitung verbessert. Dann haben wir auch eine Reihe von Aktionen unternommen, um in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Ein Beispiel nur: Die Tagung der österreichischen, schweizerischen und deutschen Musikverbände, also die D-A-CH-Tagung im Jahr 2012 in der Würzburger Musikhochschule war den freien Musikpädagogen und ihrer schwierigen Situation gewidmet. Wir haben als Ergebnis dieser Tagung Lösungsvorschläge und später eine Dokumentation erarbeitet. Beides wurde breit gestreut an die Presse, an Politiker, an die Musikinstitutionen gegeben. Dadurch erhielten wir viele Kontakte in der Öffentlichkeit, zur Politik und in den Institutionen und konnten darüber unsere Anliegen verbreiten.

„Ich finde es auch völlig unvertretbar, dass 30 bis 50 Prozent des Lehrbedarfs an den Musikhochschulen von schlecht bezahlten Lehrbeauftragten erbracht werden.“

nmz: Bereits als Vizepräsident hast du dich mit der schwierigen Situation der Lehrbeauftragen an Musikhochschulen befasst und warst daran mitbeteiligt, dass die Gesamtkonferenz der Lehrbeauftragten ins Leben gerufen wurde. Dieses Thema ist bis heute aktuell, wie der jüngste Streik gezeigt hat. Welche Lösungsmöglichkeiten siehst du?

Hewig: Mit den Lehrbeauftragten habe ich mich nicht erst als Vizepräsident, sondern schon als Referent im Ministerium während meiner dortigen 21-jährigen Tätigkeit befasst. Das war der Grund dafür, dass nach der Übernahme des Landesverbandes Bayerischer Tonkünstler Lehrbeauftragte mit der Bitte an mich herantraten, ob nicht der Deutschen Tonkünstlerverband die Interessen der Lehrbeauftragten, die bisher keine eigene Interessenvertretung besaßen, wahrnehmen könne. Das habe ich dann entsprechend umgesetzt. Wir haben eine Reihe von Vorschlägen entwickelt, die Angelegenheit in die Öffentlichkeit getragen und auf diese Weise die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten gegründet wurde.

In der aktuellen Diskussion habe ich vollstes Verständnis, dass die Lehrbeauftragten eine angemessene finanzielle Vergütung für ihre Leistung und eine soziale Sicherung haben möchten. Ich finde es auch völlig unvertretbar, dass 30 bis 50 Prozent des Lehrbedarfs an den Musikhochschulen von schlecht bezahlten und schlecht abgesicherten Lehrbeauftragten erbracht werden. Die Lösung sehe ich aber weniger in einer Umwandlung des Lehrauftragsverhältnisses in eine sozial abgesicherte Tätigkeit, was nach den gegenwärtigen Hochschulgesetzen der Länder aus meiner Sicht nicht möglich ist, vielmehr darin, dass man für einen großen Teil der Lehrbeauftragten, die langfristig, in wichtigen Fächern tätig sind und eine hohe Lehrverpflichtung haben, Teilstellen mit einer entsprechenden sozialen Absicherung schafft.

„Hinsichtlich des bedingungslosen Grundeinkommens bin ich sehr skeptisch.“

nmz: Du hast Dich sehr dafür eingesetzt, dass es eine zweite Säule der Kulturförderung gibt, insbesondere für freiberufliche Musikpädagogen. In Bayern konnte dies realisiert werden, dagegen nicht für ganz Deutschland. Mittlerweile fordern viele Musikpädagogen und Musiker das bedingungslose Grundeinkommen. Welche Möglichkeiten siehst du, die oft prekäre Situation von Musikpädagogen zu verbessern?

Hewig: Also ich finde die Situation in Bayern, die unter deiner Führung so geschaffen wurde, vorbildlich, nämlich dass die freiberuflichen Musikpädagogen, die sich zu Privaten Musikinstituten zusammenschließen, ebenso eine Förderung wie die kommunalen Musikschulen bekommen und damit ihre Existenzgrundlage verbessern können. Die anderen Länder in der Bundesrepublik sollten versuchen, hier eine ähnliche Lösung politisch durchzusetzen.

Hinsichtlich des bedingungslosen Grundeinkommens bin ich sehr skeptisch. Diese Idee ist für Bereiche aufgekommen, in denen die Arbeit der Menschen durch Maschinen überflüssig wird. Das ist bei Musikern und Musikpädagogen sicher nicht der Fall. Wenn ich bedenke, welch einen Aufwand ein Musikpädagoge oder ein Musiker für seine eigene Ausbildung leisten muss, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser primär von einem bedingungslosen Grundeinkommen zehren will. Viel wichtiger wäre, dass man den Musikern und Musikpädagogen die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten, die sie erworben haben, beruflich einzusetzen und dass man die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass sie davon gut leben können.

nmz: Es gibt noch viele weitere positive Entwicklungen während deiner Präsidentschaft. Doch gab es auch Dinge, bei denen du an Grenzen gestoßen bist?

Hewig: Ja, selbstverständlich. Eine Grenze betrifft das Innere der Verbände. Viele Mitglieder sind sehr aktiv. Doch es gibt auch viele, die nicht bereit sind, sich für ihre eigenen Interessen über das bloße Unterrichten und Musizieren hinausgehend einzusetzen. Manches Mal war ich frustriert, dass wir auf so wenig Echo stießen. Hier ist sicher noch einiges zu tun, um auch diese Musiker und Musikpädagogen zu motivieren.
Im Äußeren will ich nur auf eine Grenze hinweisen: Wir haben immer wieder versucht, in den öffentlichen Medien, in den überregionalen Tageszeitungen unsere Sicht darzulegen. Wir sind da aber auf wenig Verständnis gestoßen. Im Zusammenhang mit den Streiks der Lehrbeauftragten an der Musikhochschule München sehe ich, dass die Süddeutsche Zeitung ausführlich berichtet. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, und ich kann nur hoffen, dass das auch für andere Bereiche der musikalischen Bildung gilt.

„Unser Musikleben in Deutschland ist in vieler Hinsicht vorbildlich.“

nmz: Aus der Distanz, die du nun gewonnen hast, betrachtet: Was macht dich glücklich, was bereitet dir Sorgen bei der Entwicklung des Musiklebens im Allgemeinen und hinsichtlich der Belange der Tonkünstler?

Hewig: Vieles, was wir damals angestoßen oder unterstützt haben, gerade in der außerschulischen Musikförderung – ich denke an die Wettbewerbe „Jugend musiziert“, die vielen Jugendorchester und sonstigen Ensembles – ist zur Blüte gekommen. Unser Musikleben in Deutschland ist in vieler Hinsicht vorbildlich.

Es gibt aber auch erhebliche Mängel. Die musische und kulturelle Erziehung hat im Bewusstsein der Öffentlichkeit einen zu geringen Stellenwert. Diese geringe Bedeutung zeigt sich auch darin, dass in den Stundentafeln der Schulen die Musik oft nicht angemessen repräsentiert ist und dass für die Erteilung des Musikunterrichts oft gut ausgebildete Lehrer fehlen. Wenn wir international konkurrenzfähig sein wollen, müssen wir eine intensive Förderung vom Kindergarten über die Pflichtschule bis zur freien Förderung verwirklichen. Wir haben eine große Anzahl hoch qualifizierter Ausländer, insbesondere aus dem asiatischen Raum, an unseren Musikhochschulen und unter den Gewinnern der internationalen Wettbewerbe. Damit wir hier konkurrenzfähig werden, müssen unsere Kinder und Jugendlichen von klein auf eine intensive Förderung erhalten und anschließend an den Musikhochschulen eine entsprechende Berücksichtigung finden, ohne von den zahlreichen Gästen, die bei uns studieren, verdrängt zu werden.

Mich macht auch sehr bedenklich, dass die meisten Teilnehmer von Jugendwettbewerben oder Fördermaßnahmen und die Mitglieder von Jugendensembles sowie die meisten Musikstudenten aus sozial besser gestellten Schichten stammen. Aus den sozial schwächeren Schichten haben wir viel weniger Bewerber. Da gibt es sicher noch viele Begabungsreserven zu heben. Für die Tonkünstlerverbände bleibt also noch sehr viel Arbeit.

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