Aus Erfahrungen Erkenntnisse gewinnen

Die Position des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg zur Bildungsdiskussion


(nmz) -
Vor einigen Jahren wurde eine Verdichtung der Schulzeit aus gesellschaftspolitischen Erwägungen und unter dem „Pisa-Schock“ als Mittel der Wahl betrachtet. Dies hat sich unter Berücksichtigung hirnphysiologischer Erkenntnisse als Irrweg herausgestellt (vgl. Prof. Herbert Beck: Neurodidaktik oder: Wie lernen wir? – veröffentlicht in „Erziehungswissenschaft und Beruf“, Heft 3/2003; Veröffentlichungen von Manfred Spitzer, Gerald Hüther u.a.).
Ein Artikel von Eckhart Fischer

Ferdinand Knauss schreibt dazu in „Die Wirtschaftswoche“ am 4. November 2016: „G9 kommt zurück. das Ende des achtjährigen Gymnasiums. Vor wenigen Jahren noch sahen Bildungspolitiker die Verkürzung der Schulzeit als Heilsweg. Doch Eltern, Schüler und Lehrer sehen in „G8“ einen Holzweg. In weiten Teilen Deutschlands kehrt das 13. Schuljahr nun zurück.“

Die Notwendigkeit, Jugendliche mit frühem Bildungsabschluss dem Arbeitsmarkt zuzuführen, existiert faktisch nicht: Universitäten müssen vielen Bewerbern die Nicht-Studierfähigkeit attestieren, Betriebe scheuen die Einstellung junger und jüngster Führungskräfte, deren Entwicklung weit unter den Erfordernissen zurückbleibt. Bildung braucht vor allem Zeit. Das Vollstopfen mit Wissen genügt nicht, wenn die Zeit (zur Muße und Kreativität) nicht zur Verfügung steht, um aus purer Wissensvermittlung durch Erfahrung und Vernetzung mit Eindrücken aus allen Lebensbereichen Erkenntnis werden zu lassen. Die Lebenserwartung der Menschen steigt immer weiter. Die Menschen verbringen einen immer größer werdenden Teil ihres Lebens in der Berufstätigkeit. Da ist es nicht notwendig, die wichtigste Zeit im Leben, die Zeit, in der ein Mensch aus Erfahrungen Erkenntnisse gewinnt, zu verkürzen und zu verdichten. Schulische Bildung muss entzerrt werden, um außerschulischen Erfahrungen Raum zu geben: für Musik, Theater, Sport und Muße, aus der sich Kreativität entwickeln kann. Eine entzerrte Bildungsphase in der Jugend braucht für all das Zeitfenster (z.B. könnten Pubertierende für zwei Jahre von jeglicher Bildungseinrichtung ferngehalten werden). Der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg braucht derart „gereifte“ Fach- und vor allem Führungskräfte!

Forderungen

Schulartunabhängig muss es in allen Bereichen die Möglichkeit neigungsorientierter Differenzierung/Spezialisierung geben. Sofern das entsprechende Talent vorhanden ist, muss die neigungsorientierte Differenzierung im Dienste der Chancengleichheit ermöglicht werden. Auch, und gerade, wenn der Musikberuf nicht angestrebt wird (soziale Kompetenz, Führungsfähigkeit, Teamgeist, etc.). Exzellenz muss frühzeitig erkannt und gefördert werden. Um die Planung entsprechender standort- und schulartunabhängiger Programme, wie zum Beispiel des vom Regierungspräsidium Tübingen jüngst in Auftrag gegebenen COMES-Programms, zu optimieren, müssen alle hierfür zuständigen bzw. hiervon betroffenen Fachverbände angehört und einbezogen werden. Nur im flächendeckenden Schulterschluss lassen sich derartige gesellschaftliche Herausforderungen stemmen.

Einführung von Vokal- und Instrumentaleinzelunterricht im Kernfachbereich

Das in NRW erprobte so genannte Drehtürmodell“ könnte im Bereich des Vokal- und Instrumentaleinzelunterrichts praktisch ohne Schulversäumnisse folgendermaßen umgesetzt werden: Instrumentallehrer unterrichtet in Woche 1 Schüler A in der 1. Stunde; Instrumentallehrer unterrichtet in Woche 2 Schüler A in der 2. Stunde; etc. Damit betrifft der marginale Unterrichtsausfall jeden Schüler in jeder Woche in einem anderen Schulfach. Der Unterrichtsausfall beläuft sich auf weniger als eine Schulstunde pro Kalenderjahr. Das ist nichts zu den ansonsten durchschnittlich auftretenden Ausfallzeiten!

Weitere Modelle (z.B. das in Baden- Württemberg vom Landesmusikschulbeirat und vom Tonkünstlerverband vorgestellte Modulsystem „Integriertes Fach Instrumentalmusik“) können und sollten für entsprechende Planungen herangezogen werden.

Nach einem in Bayern erprobten Modell werden mit einer wohnortspezifischen Stundenplangestaltung bestimmte Jahrgänge an bestimmten Nachmittagen an allen örtlichen Schulen für außerschulische Aktivitäten vom Schulbetrieb freigestellt (wobei im Rahmen der Ganztagsschule ein Minimal-Betreuungsangebot für alle, die keine außerschulischen Angebote wahrnehmen möchten, aufrechterhalten wird). An diesen Nachmittagen können Ensembles unterrichtet werden, während etwa Jugendliche mit sportlicher Neigung den Vereinssport aufsuchen. Durch dieses Modell können Teams oder Ensembles schulübergreifend zusammengestellt werden.

Einführung der Möglichkeit, schulortferne Unterrichtsangebote zu besuchen

Schüler müssen zur Wahrnehmung schulortferner Unterrichtsangebote auch im Bereich Musik die Schule verlassen können, wie es im Rahmen des Sportunterrichts zum Aufsuchen schulortferner Sport- und Schwimmhallen immer schon möglich ist. Die versicherungsrechtliche Seite ist klärbar.

Anerkennung des Zertifikats des Tonkünstlerverbandes

Das Zertifikat des Tonkünstlerverbandes wird von den Schulen anerkannt. Die pädagogische Befähigung wird dadurch nachgewiesen. Im Zuge einer Akkreditierung außerschulischer Angebote durch das Ministerium wäre hier bereits ein qualifizierter Nachweis gegeben.

Freiraum für Exzellenz

Schulartunabhängige Freiräume für Hochbegabte müssen im Schulgesetz verankert werden, um eine Abwanderung an Bildungseinrichtungen mit flexibleren Rahmenbedingungen zu vermeiden.

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