Begegnung mit der „weiblichen“ Musik

Klaviermusik von Komponistinnen im Konzert


(nmz) -
Wie viele Komponistinnen kennen Sie? Auf diese Frage bekam ich immer die gleiche Antwort: Clara Schumann, Fanny Hensel und… An dritter Stelle kam für gewöhnlich ein überraschender Name oder ein überraschtes Schweigen, je nach musikalischen Kenntnissen der Befragten.
Ein Artikel von Claudia Bigos

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Komponisten und Dirigenten immer männlich sind. Es hat sich bei den Konzertveranstaltern oder bei den Verantwortlichen für Wettbewerbe oder Festivals noch nicht herumgesprochen, dass es auch hörenswerte und anspruchsvolle Musik aus weiblicher Feder gibt. Sie ist oftmals wenig bekannt oder stellt ein Risiko dar, zum Publikumsfiasko zu werden. Sie ist wie eine Unbekannte auf einer Party, die niemand anzusprechen wagt. Der Versuch in der Praxis beweist aber das Gegenteil. Zum Thema Musik von Komponistinnen kam ich auf Umwegen durch die Pianistin Claudia Meinardus, die in ihren Konzerten zum größten Teil Werke von Komponistinnen der Romantik aufführt. Nach einem ausverkauften Konzert in Braunschweig, das unglaublich positive Resonanz beim Publikum und in der Presse brachte, entstand die Idee, ein Schülerkonzert ausschließlich mit Werken von Komponistinnen aus allen Epochen, Stilen und in allen Altersgruppen meiner Klavierklasse zu veranstalten. Der Rahmen des Tastentaumel-Festivals im Braunschweiger Land und das einmalig schöne Ambiente der Jacob-Kemenate, des ältesten Gebäudes der Stadt, machte das Projekt perfekt.

Diese erste Begegnung mit der „weiblichen“ Musik kann man mit dem Gefühl der Liebe auf den ersten Blick vergleichen. Ich war geflasht, euphorisch, begab mich sofort auf die Notensuche. Im Hausarchiv gab es einen Sammelband vom Schott-Verlag: eine Schatzgrube. Dann bestellte ich einen großen Stapel von Noten bei den Verlagen Certosa und Furore, und die Suche nach dem maßgeschneiderten Stück begann. Ich fand viele unglaublich gute, musikalisch, technisch wie formal interessante Stücke, die in ihrem pädagogischen Wert einen hohen Anspruch zeigten. Ich verteilte die Stücke an die Schülerinnen und Schüler, erklärte das Vorhaben, klärte die Eckdaten wie beim Bau eines Hauses mit der Angabe der Fertigstellung am 12. März 2016. Es gab keinen Widerstand. Ich versuchte möglichst abwechslungsreiche Stücke zu finden, die in der Kürze der Zeit machbar wären. Sie sollen kurz sein, begeistern und vor allem gelingen. Es kam, was kommen musste: manche lernten das Stück in 2 Wochen, andere wechselten es mehrfach, denn es war zu schwer, zu lang oder zu kompliziert. Das Alter der Stücke ging von 1664 (Elisabeth Jacquet de Laguerre) bis 2016 (Komposition einer Schülerin), das Alter der Schüler von 7 bis 25 Jahre. Im Konzert war sogar die libanesisch- deutsche Komponistin Marie Awadis anwesend, deren Stück „November“ uraufgeführt wurde. Zu Gast war auch die Großnichte der Komponistin Anna Teichmüller (1861-1940). Das war etwas Besonderes für uns alle. Auch die Tatsache, dass die Zuhörer entlang der Wände standen und es viel fremdes Publikum gab, bestätigte mich in der Richtigkeit meiner Entscheidung. Diese Musik kann begeistern und findet sofort viele Fans. Den Schülern ist es egal, was sie spielen, solange die Musik ihre Herzen gewinnen kann. Dass dies möglich ist, zeigte das Konzert. Also muss die Musik von Komponistinnen nach all den Jahren der Verschwiegenheit ihre gleichberechtigte Stellung in der Musikgeschichte, wie in der Aufführungspraxis ohne Wenn und Aber bekommen. Diese Musik ist ein Schatz, der uns alle bereichert. Was für ein Glück, ihn gefunden zu haben!

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