Die Kunst des Quartettspiels

Ein Konzertabend mit dem Pelaar-Quartett


(nmz) -
Musik für Streichquartett zu schreiben, gilt manchen als Königsdisziplin. Dass sie diese Disziplin beherrschen, konnten beim letzten Konzert 2014 in der Reihe „Komponisten in Bayern“ vier Komponisten unter Beweis stellen.
Ein Artikel von Kristina Gerhard

Das Pelaar-Quartett, das sind Joe Rappapor t und Luciana Beleaeva (Violine), Gunter Pretzel (Viola) und Graham Waterhouse (Violoncello), präsentierte beim Konzert in der gut gefüllten Halle 4 des Kulturzentrums Einstein Werke von Dorothee Eberhardt, Helga Pogatschar, Bernhard Weidner und dem Cellisten Graham Waterhouse selbst. Klug zusammengestellt gab es so eine große musikalische Bandbreite zu erleben. Bei Weidners Quartett gibt der Titel „Bruckner-Schemen“ Aufschluss über die musikalische Tendenz: Romantisch anmutende Sequenzen entfalten sich stimmungsvoll, doch dann brechen – teils heftig und abrupt – daraus scheinbare Misstöne hervor und lösen die harmonisch-versöhnlichen Klänge ab und auf: ein spannungsreiches und schillerndes Spiel mit Klängen und Klangfarben.

Ein changierendes, sich langsam aufbauendes Klanggebilde einerseits und starke rhythmische Sequenzen andererseits verleihen dem ersten Satz von Dorothee Eberhardts „Streichquartett Nr. 3“ seine klare Struktur. Diese wird noch deutlicher durch das äußerst präzise Spiel der vier Musiker, die der Komposition eine ungeheure Leichtigkeit verleihen, luftig und transparent. Süß und melancholisch erklingt im zweiten Satz eine Art Zigeunermelodie in den Violinen, von den anderen Instrumenten ein „Windhauchecho“ als Antwort. Durch Überlagerungen ergeben sich Dissonanzen und Spannungen, die sich auftürmen und verdichten, bis sie im dritten Satz recht dramatisch und rasant enden.

Als „Erratischen Block“ bezeichnet man einen Findling, der durch Gletscherbewegungen an einen Ort getragen wurde, wo er geologisch nicht eingeordnet werden kann. Er ist also ein riesiger „verirrter“ Felsbrocken. Helga Pogatschar erschafft in ihrer gleichnamigen Komposition einen musikalischen Klangkörper, der nirgendwohin strebt, aber in sich deutlich bewegt ist. Beinahe unmerklich entwickelt er so eine ganz eigene innere Dynamik, die immer dramatischer und dichter wird, um sich dann wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzubegeben. Ebenso plastisch beschreibt Graham Waterhouse in seinem Werk „Alcatraz“ einzelne Facetten der unterschiedlichen historischen Stationen dieser Insel vor San Francisco und die widersprüchlichen Stimmungen, die er dort empfunden hat. Das wohl berühmteste historische Gefängnis Amerikas, ein Naturereignis mit Meeresrauschen und Vogelgezwitscher, für die Indianer ein heiliger Ort, heute Freizeitpark – all das verkörpert Alcatraz. In den vier Sätzen „The Rock“ (ein Synonym für das Gefängnis), „Solitary“, „Sioux“ und „Testimony“ beschwört Waterhouse nacheinander eine latent bedrohliche Atmosphäre des Gefängnisalltags, die zeremoniellen Handlungen der Indianer und den lärmigen Trubel des Freizeitparks herauf; und er macht deutlich, dass Einsamkeit leise oder ohrenbetäubend sein kann, aber auf Dauer immer enervierend.

Mit diesem eindrucksvollen Stück ging ein rundum gelungenes Konzert zu Ende – begeisterter Applaus für die Leistung der vier Musiker, die mit ihrem konzentrierten, harmonischen Spiel den Abend zu einem echten Erlebnis machten.

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