Die musikalischen Quellen zum Leben erwecken

Klaus Keil, der Leiter der Zentralredaktion des „Répertoire International des Sources Musicales“, im Gespräch


(nmz) -
Vor 60 Jahren wurde in Paris das „Répertoire International des Sources Musicales“ (RISM) gegründet. Als „Internationales Quellenlexikon der Musik“, so die in Deutschland geläufige Bezeichnung, erschließen seither Arbeitsgruppen in über 35 Ländern die musikalischen Quellen aus Bibliotheken, Musikmuseen, Musikarchiven oder kirchlichen und privaten Sammlungen Die Zentralredaktion, die seit 1987 in Frankfurt am Main beheimatet ist, fasst die von den Arbeitsgruppen erstellten Quellen-Dokumentationen in Buchpublikationen, auf CD-ROM und seit 2010 auch in einer kostenlosen Online-Datenbank zusammen. Mit Klaus Keil, dem Leiter der RISM Zentralredaktion, sprach Juan Martin Koch.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Klaus Keil

neue musikzeitung: Herr Keil, wie sind Sie zum RISM gekommen oder anders gefragt: Wie wird man Quellenforscher?

Klaus Keil: Ich habe keinen geraden Weg dahin genommen. Zunächst habe ich Theologie studiert, als Zweitstudium Musikwissenschaft, unter anderem bei Ludwig Finscher und Helmut Hucke, denen die Quellenforschung besonders wichtig war. So kam ich damit in Berührung. Besonders beeindruckend war, als wir Studenten bei einer Seminarexkursion in der Berliner Staatsbibliothek auch ein Beethoven-Autograph zu Gesicht bekamen. Später habe ich aus Handschriften von Graupner, Telemann und anderen Material für Aufführungen hergestellt und an den schönen Chorbüchern der Cappella Sistina in der Vatikanbibliothek gearbeitet. Zu RISM bin ich dadurch gekommen, dass ich das Angebot angenommen habe, zunächst im Rahmen eines Studentenjobs für ein halbes Jahr nach Kassel, wo damalig die RISM Zentralredaktion angesiedelt war, zu gehen. Daraus wurde 1987 eine Festanstellung, nachdem ich mich auch in Richtung EDV spezialisiert hatte. 1991 wurde ich dann Leiter der Zentralredaktion.

nmz: Seit wann spricht man eigentlich von musikalischer Quellenforschung im engeren Sinne?

Klaus Keil: In der deutschen Musikwissenschaft hat die Quellenforschung eine Tradition, seit es das Fach gibt, das sich bei seiner Begründung im 19. Jahrhundert ja an den Methoden der Philologie orientierte. Im Besonderen spielte das für die Gesamtausgaben eine wichtige Rolle: etwa die „Alte Bach-Ausgabe“, deren erster Band 1851 erschien, oder die Palestrina-Ausgabe von Franz Xaver Haberl.

nmz: Und dann kam um die Jahrhundertwende Robert Eitners Quellenlexikon…

Klaus Keil: Robert Eitner ist sozusagen unser Urahn, auf den wir uns immer wieder berufen. Er hat in eigener Initiative und weitgehend auf sich gestellt Bibliotheken angeschrieben und aus den Ergebnissen sein riesiges „Bio-grafisch-Bibliografisches Quellenlexikon“ erarbeitet. Das war eine Pionierleistung.

nmz: Wie kam es dann zur Gründung des RISM nach dem Zweiten Weltkrieg und wie hat sich dessen Arbeit entwickelt?

Klaus Keil: Bei Kongressen der Musikologen in Basel und der Musikbibliothekare in Florenz wurde das Dach dafür gegründet, die so genannte „Commision Mixte“, in der Vertreter aus beiden späteren Organisationen IAML (International Association of Music Libraries) und IMS (International Musicological Society) zusammenarbeiteten. Das Projekt war somit von vornherein von diesen beiden Richtungen her bestimmt. Die Organisationsstruktur geht von dem Gedanken aus, dass jedes Land, jede Bibliothek ein Interesse daran haben muss, Informationen zu den eigenen Quellen zugänglich zu machen. Deshalb muss jedes Land für die Finanzierung der eigenen Arbeit sorgen. Eine zentrale Redaktion sollte die Ergebnisse zusammenführen und zunächst in Buchform herausbringen, wie das dann unter anderem in der Serie A/I mit den Einzeldrucken zwischen 1600 und 1800 geschehen ist. Als dann in den 1980er-Jahren die Serie A/II mit den Handschriften initiiert wurde, setzte sich schnell die Erkenntnis durch, dass die zu erwartende Menge nur mit Hilfe der EDV zu bewältigen ist. Damals noch ein ziemlich revolutionärer Ansatz, der sich aber als sehr vorteilhaft erwiesen hat. Die Organisationsstruktur hat sich aber im Grunde so erhalten, mit dem Unterschied, dass wir keine Karteikarten mit Beschreibungen von Quellen von den Arbeitsgruppen in den Ländern bekommen, sondern die Meldungen digital direkt in unser Arbeitsnetz erfolgen.

nmz: Wo liegt der Schwerpunkt der derzeitigen Dokumentationstätigkeit?

Klaus Keil: Die Schwerpunkte liegen traditionell seit den 1980er-Jahren bei den Musikhandschriften von zirka 1600 bis 1850, aber wir sind offen, wenn Arbeitsgruppen auch jüngere Quellen einarbeiten. Doch haben wir vergangenes Jahr erstmals auch eine CD-ROM der Musikdrucke herausgegeben, die bisher nur in Buchform verfügbar waren. Damit verbunden ist das Ziel, die Daten sozusagen wieder zum Leben zu erwecken und die Arbeitsgruppen zu animieren, an dieser Serie weiterzuarbeiten.

nmz: Wie verteilen sich die Quellendokumentationen momentan auf die verschiedenen Medien?

Klaus Keil: Etwas über 800.000 Titel sind derzeit im Netz kostenlos abrufbar, auf der CD-ROM finden sich zirka 100.000 Titel an Musikdrucken, hinzu kommen bei den Buchpublikationen die zwei Bände zu Sammeldrucken und die systematischen Bände, die zu bestimmten Themen von externen Autoren zusammengestellt werden. In absehbarer Zeit werden auch die Serien A/I mit den Drucken und die Serien B/I und B/II mit den Sammeldrucken im Netz verfügbar sein. Kataloge in Buchform – abgesehen von Spezialrepertorien in Serie B –  veröffentlichen wir nicht mehr, die Flexibilität der digitalen Medien ist dem Gegenstand und der Arbeitsweise viel angemessener. Mittelfristig wird alles im Online-Katalog zusammenlaufen.

nmz: Das RISM bleibt also ein „Work in progress“ ohne zeitliche Limits; ist die Finanzierung entsprechend gesichert?

Klaus Keil: Die Zentralredaktion ist als Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz im Rahmen der Projekte der Union der Akademien der Wissenschaften relativ langfristig gesichert: bis 2023. Größere Sicherheit ist bei solchen Projekten kaum möglich. Die Trägerschaft war auch der Grund, warum wir unsere Jubiläumskonferenz im Juni in der Akademie in Mainz abgehalten haben. 

nmz: Gibt es Kooperationen mit Digitalisierungsprojekten oder speziellen Forschungsvorhaben?

Klaus Keil: Ja, zum Beispiel mit dem „Kompetenzzentrum Forschung und Information Musik“ (KoFIM) an der Berliner Staatsbibliothek. Hier soll der Kernbestand der Autographensammlung mit Kallisto, der Datenbank des RISM, wissenschaftlich erschlossen und über den RISM-OPAC recherchierbar gemacht werden. Vielversprechend sind auch Vereinbarungen mit der Richard Strauss Quellendatenbank, die ihre Ergebnisse mit uns austauschen will, und in Aussicht steht auch eine Kooperation mit dem Max Reger Institut. Wir machen also einen bedeutenden Schritt ins 19. und 20. Jahrhundert. Ein weiteres schönes Projekt, das auch bei der Konferenz in Mainz vorgestellt wurde, ist das Palestrina Werkverzeichnis, das jetzt leider erst einmal von der DFG abgelehnt wurde. Hier wollen wir einen Weg finden, wie man aus unseren Quelleninformationen effektiv ein Werkverzeichnis machen kann. 

nmz: Welche Perspektiven hat Ihre Konferenz noch aufgezeigt?

Klaus Keil: In einem Vortrag ging es zum Beispiel um das Erkennen und Vergleichen von Melodien. Wir geben zu den Quelleninformation ja auch Musikincipits (die Anfänge der Musikstücke) mit an. Diese sind bei uns im so genannten „Plaine & Easy“ Code eingegeben, der schon in den 1960er-Jahren entwickelt wurde. Das heißt, Schlüssel, Taktart, Tonhöhen, Pausen, Werte et cetera werden als Kombination von Buchstaben und Zahlen dargestellt. Das ermöglicht die Suche und den Vergleich der Incipits. Nun gibt es eine aussichtsreiche Möglichkeit, diese Suche und den Abgleich zu verfeinern, also auch Ähnlichkeiten und kleine Abweichungen festzustellen. 

nmz: Gab es in letzter Zeit kleinere oder größere Sensationsfunde, die auf die Arbeit an den RISM-Katalogen zurückgehen?

Keil: Wir hatten in letzter Zeit drei Fälle: Zunächst wurde ein Werk von Johann Christoph Friedrich Bach im Hessischen Musikarchiv in Marburg gefunden, dann tauchten in Stade Kantaten von Carl Philipp Emanuel Bach auf, und schließlich entdeckte unsere Mitarbeiterin im Museum in Reuthe/Tirol eine frühe Komposition Wolfgang Amadeus Mozarts. Besonders letztere hat natürlich über die Fachkreise hinaus Aufsehen erregt. 

nmz: Wie ist der Kontakt zu Wissenschaftlern und Musikern? Bekommen Sie unmittelbare Reaktionen?

Keil: Seit wir unseren Katalog kostenlos online verfügbar haben, also seit Sommer 2010, bekommen wir viele Rückmeldungen von den Nutzern. Sie melden uns oft Details, wenn etwa zusätzliche Informationen zu einer Quelle vorliegen oder – auch das kommt natürlich vor – Fehler gemeldet werden. Wissenschaftler nutzen unsere Daten für Werkkataloge und Ausgaben, darunter vor allem die Mitarbeiter von Editionsvorhaben aber auch Studenten, die eine Arbeit schreiben wollen. Unter den Musikern, mit denen wir in letzter Zeit Kontakt hatten, wären Christopher Hogwood, Reinhard Göbel und hier in Frankfurt Michael Schneider mit seinem Ensemble „La Stagione“ zu nennen. Sie stehen für unseren „Abnehmerkreis“: Die Musiker aus der Alten-Musik-Szene nutzen unsere Datenbank am stärksten und stoßen so immer wieder auf neues Repertoire. Auch bei unserer Tagung haben das Pleyel-Trio bei der Eröffnung und Felix Koch mit dem Neumeyer Consort Musik in einem Konzert aus Quellen gespielt, die zum Teil in unseren Katalogen nachgewiesen sind. Dieser Kontakt zur Praxis ist uns sehr wichtig, denn das Ziel unserer Arbeit ist ja, dass die Musik dann auch aufgeführt wird! 

 

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