Freischaffender Musiker

Der schönste Beruf der Welt, zu dem man aber keinem raten kann


(nmz) -
Die diesjährige D-A-CH-Tagung wird vom Deutschen Tonkünstlerverband im Kloster Banz, Bad Staffelstein, unter dem Thema „Freischaffende Musiker und Solisten im Spannungsfeld zwischen Berufung und Existenz“  vom 25. bis 27. September veranstaltet. Die Pianistin, Hammerklavierspezialistin und nmz-Autorin Stephanie Knauer recherchierte im Kreis ihrer Kollegen und zeigt in ihrem Hintergrundbericht die zahlreichen Facetten dieses Themas.
Ein Artikel von Stephanie Knauer

Drei Eigenschaften sind für einen Berufsmusiker wesentlich: Die erste ist eine gute Gesundheit, und die beiden anderen sind dasselbe“, sagte der Pianist Mark Hambourg Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Das gilt immer noch: Wer heute als freischaffender Musiker (über)leben will, braucht gute Nerven, einen festen Schlaf und einen robusten Magen. Denn der fahrende Sänger ist präsent wie im Mittelalter. Der norwegische Lautenist Thomas Boysen ist bis zu 280 Reisetage pro Jahr für Proben und Auftritte unterwegs. Wenn Wagner-Tenor Gerhard Siegel nach wochen- oder monatelangem Engagement in Chicago, Wien, Barcelona nach Augsburg zurückkehrt, muss er sich erst wieder an den Familienalltag gewöhnen. „Die einzige Voraussetzung ist, ohne Wenn und Aber da reinzugehen“, sagt Dirigent Bruno Weil – sofern sich der künftige Musiker nicht von seinem Weg abhalten lässt.

Musiker und insbesondere Dirigent zu sein „ist der schönste Beruf der Welt, zu dem man aber keinem raten kann.“ „Ich möchte es nicht missen“, betont Gerhard Siegel. Festangestellte im Orchester haben vielleicht mehr Geld, aber oft auch weniger Freude, beobachtet Axel Wolf. Der gefragte Lautenist und Kollege Thomas Boysens zog 2003 von Hannover nach Bayern und fand die Kunst mehr gefördert als im Norden: „Hier ist noch eine andere Mentalität.“ Allerdings erlebt er den Musikeralltag inzwischen als schwieriger. Die Honorare sind seit ungefähr 15 Jahren gleich geblieben, im Zuge der Inflation somit geschrumpft, die Veranstalter suchen vor allem große Namen.

Thomas Boysen: „Wirklich reich wird man nicht“.

„Am Klavier wird das 18-jährige Genie gesucht und der Dirigent muss aussehen wie Dudamel“, erregt sich Bruno Weil: Früher wollte man einen Dirigenten hören und nicht sehen. Heute gilt die visuelle Gesellschaft. Bewerbungsvideos sind die Regel geworden. Dazu kommt die Schnelllebigkeit: für langsame Reifeprozesse der Künstler scheint keine Zeit mehr, ebenso für ausgiebiges Proben. „Die Projekte werden kürzer“, weiß Axel Wolf: heute ist ein Probentag die Regel statt wie früher mehrere. Das macht die Arbeit stressiger.
Der Berufsmusiker, der sich vom Konzertieren nährt, unterliegt dem freien Markt. Die Kultur spürt es zuerst, wenn das Geld knapp ist. Dabei ist vom Sparen noch niemand reich geworden, zitiert Wolf mit einem Lächeln. In der letzten Saison erlebten Kollegen „ziemliche Durchhänger-Monate“, erzählt Gerhard Siegel: „viele Produktionen wurden wegen Geldmangels abgesagt.“ „Man merkt in Deutschland, dass es weniger Geld gibt“, erzählt Thomas Boysen. Die Musiker der Originalorchester etwa bekommen weniger Geld für Engagements. „Wirklich reich wird man nicht.“ In Norwegen dagegen werden auch Einzelpersonen und -projekte subventioniert, viele Jazzmusiker können sogar vom Konzertieren leben, während sich das Fördergeld hierzulande über Großprojekten ergießt und die Jazz-Gagen homöopathisch dosiert sind.

Axel Wolf: „In Deutschland kann man noch als freischaffender Musiker leben“

Dennoch „Deutschland ist immer noch ein Ort, in dem man als freischaffender Musiker leben kann“, so Axel Wolf. In Italien ist das ganz anders und Cecilia Sala kann ein Lied davon singen. Ein Fagottist aus ihrem Bekanntenkreis, der schon mit René Jacobs musizierte, ist heute Busfahrer in Rom, erzählt sie. Die Mailänderin studierte Barockmusik in ihrer Geburtsstadt und zog 2008 nach Berlin – ohne Kontakte oder Unterstützung. „Mein Glück“, sagt die Sopranistin heute: so musste sie „dranbleiben“ und „hart arbeiten.“ Mit Privatstunden, Fachübersetzungen und einem Lehrauftrag für Italienisch an der Musikhochschule Dresden hat sie mittlerweile ein Auskommen gefunden und plant, ihr Sprachcoaching-Angebot für Sänger auszuweiten. „Berlin ist sehr hart“, resümiert sie: „Alle sind in Berlin und die Konkurrenz ist groß.“ An ein Vorsingen zu kommen ist nicht leicht. Laienmusiker verlangen oft weniger Honorar als Profis und kommen so den Veranstaltern entgegen. „Die Leute wissen, es gibt immer jemanden, der es günstiger macht.“ Dabei dauert die Ausbildung eines Musikers lebenslang:  „Ich kenne Leute, die mit sieben Jahren ihre ersten Konzerte spielten. Das Publikum sollte unsere Professionalität respektieren“, wünscht sie sich. Trotzdem schätzt Cecilia Sala ihre Selbstständigkeit.
Sein eigener Herr sein zu können, Entscheidungen treffen, Wunschprojekte realisieren – das mag Axel Wolf an seinem Beruf. „Ich kann, und muss aber auch kreativ sein“, betont er. Wichtig sei es, „das Vertrauen zu haben, dass zur richtigen Zeit die richtigen Stücke kommen.“ Zu viel Angst hemmt. Ein ausübender Musiker sei „immer in Echtzeit unterwegs“, 100 Prozent präsent in den Proben, vor allem im Konzert und Tonstudio. Dabei sind die Umstände, Säle und Kollegen jedes Mal anders, enorme Flexibilität ist gefragt. Je nach Typ werden die vielen Reisen als anregend oder belastend empfunden. Axel Wolf mag den Wechsel: „In dem, was ich mache, sitze ich am rechten Fleck.“ Die Entspannung sollte dabei nicht zu kurz kommen, ausreichend Ruhe vor einem Konzert ist Pflicht. Aufgabe des Musikers ist es, „so zu leben, dass ich gut funktioniere.“

Wolfgang Wirsching: „Der Abend auf der Bühne ist der geringste Stressfaktor“

Wer krank wird, hat ein Problem. Das gilt besonders für Sänger. „Sage ich einmal eine Vorstellung ab, nimmt mich der Veranstalter vielleicht nie wieder“, betont Wolfgang Wirsching. Der Bariton feiert in Kürze sein 35-jähriges Bühnenjubiläum, singt Liederabende und in Oratorien, leitet Chöre und unterrichtet. „Die Auftragslage ist nicht schlechter als vor zwanzig Jahren, nur die Veranstalter sind angespannter“, findet Wirsching. Die populären Sommer-Operetten etwa sind zum Teil von der Bildfläche verschwunden. Dennoch liebt auch er seine Eigenständigkeit. So kann man Projekte auswählen, manchem ausweichen, während Opernensembles klarkommen und ungeliebte Partien singen müssen. Dafür müssen sie sich nicht um die Organisation kümmern. Der Freischaffende ist dagegen zugleich Sekretär, Agent und Buchhalter. Er muss Termine koordinieren, Akquise betreiben, stets erreichbar sein und trotz bestehender Engagements Kapazitäten für weitere Anfragen freischaufeln. „Der Abend auf der Bühne ist der geringste Stressfaktor“, betont Wirsching. Vom umfangreichen Dahinter weiß das Publikum nichts, soll es auch nicht. Etwa, dass Proben inzwischen oft gering oder gar nicht vergütet werden: „Gerade Musik ist auch Illusion“, resümiert Wolfgang Wirsching. An Älterwerden und Rente denkt er lieber nicht.

Trotzdem – „der Beruf ist freiwillig und mit Liebe“, betont Gerhard Siegel. Nach sieben Jahren am Theater Nürnberg begann er 2006 seine internationale Karriere als Charaktertenor. Siegel sang den Hauptmann im Wozzeck, Herodes und Mime, an der Metropolitan Opera und in Bayreuth, am Covent Garden und in Tokio. Terminplanungen berühren ihn nicht, denn das übernimmt seine Schweizer Agentur. Trotzdem sind die Nachteile der künstlerischen Selbständigkeit auf internationaler Ebene nicht unähnlich den regional Beschäftigten. Es gilt ebenso Fixkosten zu bezahlen, ohne Rückendeckung eines Monatsgehaltes. Im Gegenteil muss Gerhard Siegel nicht selten erst investieren, bevor das Honorar überwiesen wird. Findet eine Produktion in anderen Städten wie Barcelona oder Chicago statt, muss für diese Zeit Fahrt, Kost und Logis zum Großteil selbst vorfinanziert werden. Und „du weißt gar nicht, ob du gesund bist“, wendet Siegel ein: eine Kollegin wurde vor der Premiere krank, konnte keine Vorstellung singen und erhielt trotz der Proben, die sie mitgemacht hatte, kein Geld. Manche Kollegen leiden außerdem an der Hoteleinsamkeit, fürchten um ihre Stimme wegen des Wetters oder der Klimaanlage. „Das kommt auf den Typ an“, erklärt Siegel: „die meisten Kollegen im Wagner-Bereich sind sehr robust.“

Gerhard Siegel: Trotz allem: „der ganze Beruf ist toll“

Ein festes Engagement bietet da gewisse Sicherheit – zumindest bis zum Intendantenwechsel. Wer es länger schafft, wird spätestens vor dem 13. Beschäftigungsjahr entlassen. Denn sonst droht die Unkündbarkeit. Mit Mitte vierzig steht man dann auf der Straße und muss mit der Familie umziehen, wenn sich ein neues Engagement ergibt. Dabei verlieren auch die Theater: erfahrener Sänger etwa, die Charakterrollen wie den komischen Alten übernehmen könnten. Deutsche Spielopern wie Lortzings „Waffenschmied“ könne man dadurch an vielen Theatern nicht mehr spielen. Mehr noch: inzwischen übernehmen Sänger tendenziell Partien aus schwereren Fächern. Die Ensembles an den Häusern werden geschrumpft, Dramaturgie und Verwaltung dagegen aufgebläht. Die ausübenden Künstler scheinen immer unwichtiger zu werden, die Optik, die Wirkung auf der Bühne im Gegenzug wichtiger als der Inhalt. Die interpretatorische Freiheit von Regie und Szene steht in Diskrepanz zur textgetreuen Detailarbeit der Sänger und Orchester. Dabei kommen die Zuschauer doch wegen der Sänger und Tänzer, wendet Siegel ein. Auch die hochgeschätzte Souffleuse zählt zu den Kürzungsopfern. Dabei kann es selbst einem Gerhard Siegel trotz seines fotografischen Gedächtnisses passieren, dass er sich nach stundenlangem Singen „mal im Kopf verblättert“. Dennoch – „der ganze Beruf ist toll“, einer der schönsten überhaupt, betont Siegel. Trotz der Anforderungen, Monopolstellungen von Agenturen, des „Geklüngels“, das vor- wie nachteilig sein kann. Höhen und Tiefen liegen beieinander, wechseln „in einem Affentempo“. „Die nervliche Belastung kann sich keiner vorstellen“ – ebenso den Adrenalinstoß beim Schlussbeifall mit Standing Ovations.
  

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