Freude, Leidenschaft und Zusammenhalt

Opern-Uraufführung in Italien und Erstaufführung in Berlin durch großes Jugend-Ensemble


(nmz) -
Ein voller Erfolg war die einwöchige Uraufführungsreise einer knapp 100-köpfigen Truppe nach Italien, bei der die Oper für Kinder und Erwachsene „Der schwarze Schwan und das Mondsichelmädchen“ am 03.10.2011 in Foligno ihre Publikums-Uraufführung erlebte.
Ein Artikel von Anno Blissenbach

Ein voller Erfolg war die einwöchige Uraufführungsreise einer knapp 100-köpfigen Truppe nach Italien, bei der die Oper für Kinder und Erwachsene „Der schwarze Schwan und das Mondsichelmädchen“ am 03.10.2011 in Foligno ihre Publikums-Uraufführung erlebte. Bereits einen knappen Monat später folgte am 29. Oktober die Deutsche Erstaufführung in Berlin, welche von Deutschlandradio Kultur komplett nebst Probe mitgeschnitten sowie am 23. Dezember vollständig gesendet worden ist. Beide Aufführungen erfolgten konzertant und in italienischer Sprache. Der Potsdamer Komponist, Gisbert Näther, hat die Musik nach einer Textfassung der Regisseurin Andrea Conrad, welche nicht nur die Idee eingebracht sondern auch künstlerische Leitung und Produktion übernommen hatte, komponiert. Beide Künstler sind Mitglied des DTKV-Brandenburg.
Bei der von wiederholtem Szenenapplaus begleiteten Aufführung am Tag der deutschen Einheit im weit über den letzten Platz hinaus gefüllten 750 Sitze zählenden „Auditorium San Domenico“ aus dem 13. Jahrhundert wurden die jungen Musiker sowie die Initiatorin Andrea Conrad in Anwesenheit von Bürgermeister und staatlichem Fernsehen mit frenetischem Applaus gefeiert. Zwar ist solches bei einer zeitgenössischen Oper keine Selbstverständlichkeit, doch scheint in Foligno, welches als Zentrum moderner Kunst international bekannt ist, selbst das junge Publikum so gut auf Zeitgenössisches vorbereitet zu sein, dass Näthers Musik und Conrads Texte, ins Italienische übersetzt von Maria-Luise Döring, hier auf offene Ohren und Herzen stoßen konnten.
Dieser Publikums-Uraufführung vorausgegangen war die Franz von Assisi gewidmete Uraufführung vom Vortag, bei der die Musiker im Geiste von dessen Vogelpredigt statt für ein Publikum das Werk an sich darbrachten. Für diese dem metaphysischen Gehalt der Oper angemessene Darbringung war bewusst sowohl die Stadt Assisi gewählt worden als auch das intime Ambiente des säkularisierten Kirchenraumes von San Antonio (Domizil der Associazione Cantori di Assisi), welcher durch Orchester, Chor und Solisten fast vollständig ausgefüllt wurde. Ebenso bewusst blieb das Portal geöffnet, so dass die Vögel den Klängen lauschen konnten wie einst der legendären Predigt des Franz von Assisi und sich auch einige Menschen hinzugesellten, die somit den Vögeln beim Lauschen Gesellschaft leisteten.
Wiederum einen Tag zuvor war in Perugia, der Hauptstadt Umbriens, ein „Concerto in anteprima“ (Voraufführung) gegeben worden, zu der Kulturinteressierte in die altehrwürdige „Aula Magna“ der Agrar-Fakultät der Universität Perugia eingeladen waren. Neben der prachtvollen Architektur wies der Saal ebenso wie das „Auditorium San Domenico“ eine sehr gute, angenehm-natürliche Akustik auf.
Glücksgriffe
Für das Projekt war es gelungen, ein beeindruckendes Jugend-Ensemble zusammenzustellen: Die Solisten, Laila Salome Fischer (Sopran), Florian Hille (Bariton), Kai-Ingo Rudolph (Tenor), Michael Zehe, (Bass) studieren zwar noch an der Universität der Künste Berlin bzw. der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, können jedoch bereits auf zahlreiche Engagements zurückblicken. Die mit dem Komponisten verheiratete Gabriele Näther (Sopran) ist seit langem als konzertierende Künstlerin international bekannt, die Abiturientin und Nachwuchskünstlerin Amelie Conrad (Sprechrolle) war zehn Jahre Mitglied im Kinderchor der Staatsoper unter den Linden Berlin. Eben dieser Staats-opern-Kinderchor, und dessen exzellenter Leiter, Vinzenz Weissenburger, hatte für das Projekt gewonnen werden können, genau wie die Junge Philharmonie Brandenburg, welche unter Management von Thomas Falk und Trägerschaft des VdM-Landesverbandes quasi als Landesjugendorchester des Bundeslandes Brandenburg fungiert.
Ein weiterer Glücksgriff war die Besetzung der musikalischen Leitung mit dem vielversprechenden in Sri Lanka geborenen deutschen Nachwuchsdirigenten Leslie Suganandarajah. Erst sechs Wochen vor der Uraufführung hatte Leslie Suganandarajah die Partitur der Oper erhalten, denn schnell entschlossen war er kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Und ebenso schnell hatten ihn die Mitwirkenden ins Herz geschlossen, ob seiner hohen fachlichen Qualitäten, seiner stets ausstrahlenden guten Laune bei exzellent konstruktiver Arbeitsatmosphäre. Kein Wunder, dass die Deutsche-Bank-Stiftung ihn als Stipendiaten auserkoren und der Deutsche Musikrat (DMR) ihn in sein „Dirigentenforum“ berufen hat, innerhalb dessen er wiederum eine Auswahl gewann, wodurch er für die Spielzeit 2011/12 als „Conductor in progress“ beim „Staatsorchester Rheinische Philharmonie” in Koblenz wirkt.
Der Komponist
Der in der Brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam lebende Komponist, Gisbert Näther, wurde 1948 in der Oberlausitz geboren. An der Musikhochschule Dresden studierte er Horn sowie Komposition und wirkte nach dem Staatsexamen als Hornist in der Jenaer Philharmonie sowie am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Dort wechselte er 1981 zum DEFA-Sinfonieorchester, dessen Mitglied er immer noch ist (heute „Deutsches Filmorchester“). Gisbert Näther hat viel für verschiedene auch außergewöhnliche Kammermusikbesetzungen komponiert, sowie zahlreiche Stücke für Schulmusik. Nach 1992 entstanden Werke für großes Orchester mit und ohne Solisten, uraufgeführt unter anderem von der Deutschen Oper Berlin, den Berliner Symphonikern und dem Deutschen Filmorchester. Er wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet.
Zur konzertanten Produktion seiner ersten Oper schreibt Gisbert Näther:
„Auf der Suche nach Inhalten kam ich mit Andrea Conrad ins Gespräch und sie lieferte mir eine Stück-Idee, welche mich interessierte. Wohl wissend, dass die kompositorischen Möglichkeiten der Gattung Oper im wesentlichen ausgeschöpft sind, war es für mich reizvoll, diese Art Konzept: der Kampf zwischen Gut und Böse, das Verhältnis Mensch und Natur, umzusetzen. Ob das Stück wirklich für Kinder und Jugendliche rezipierbar sein wird, ist entscheidend von der Regie abhängig, und dieser Test steht noch bevor. Die Uraufführung war konzertant und fand in Assisi statt. Einen idealeren Ort hätte ich mir nicht wünschen können.
Da ich mich mit meiner Musik sehr auf die szenischen Vorgaben eingelassen habe, war ich sehr verunsichert, ob sich das Ganze auch ohne diese Szene trägt. Der Erfolg hat mich beruhigt und nun bin ich davon überzeugt, dass eine Bühnengestaltung die Grundidee noch viel besser wird vermitteln können. Ich lege diese Aufgabe vertrauensvoll in die Hände der Autorin Andrea Conrad, welcher als spiritus rector ohnehin für die große Leistung zu danken ist, was den langen Atem der Vorbereitung angeht und die organisatorische Arbeit insgesamt. Ohne sie hätte es die Aufführungen in Italien und den Rundfunkmitschnitt nicht gegeben.
Überhaupt kommt es bei einer Uraufführung ganz besonders darauf an, gute Mitstreiter zu haben. Diese hatte ich in den Solisten Laila Salome Fischer, Kai-Ingo Rudolph, Florian Hille und Michael Zehe, dem Kinderchor der Berliner Staatsoper und seinem Leiter Vinzenz Weissenburger sowie der Jungen Philharmonie Brandenburg mit dem Dirigenten Leslie Suganandarajah und dem Orchestermanager Thomas Falk. Dank auch an Maria-Luise Döring für die Übersetzung der deutschen Texte ins Italienische und last not least danke ich Herrn Professor Patrick Walliser, UdK, für die sicherlich nicht einfache musikalische Einstudierung.
Zu meiner Musik wäre noch zu sagen, dass ich sinfonisch freitonal mit schwebenden Klängen gearbeitet habe. Und zum besseren Verständnis mancher szenischen Vorgaben habe ich das Mittel der Leitmotivik gewählt. Die Instrumentation, mit Ausnahme der Zwischenspiele, ist sehr durchsichtig und farbig. Die Sängerpartien sind entsprechend der jeweiligen Aufgaben lyrisch-schwermütig oder auch skurril angelegt.“
Intentionen
Im Programmheft schreibt Andrea Conrad zu ihren Intentionen: „Die Oper Der Schwarze Schwan und das Mondsichelmädchen ist dem großen Baumeister, Maler und Planer Karl Friedrich Schinckel sowie Franz von Assisi gewidmet. Die Sonnengesänge des Franz von Assisi leiten die Oper ein und sie endet mit einer Betrachtung des universalen Denkers und Künstlers der Renaissance Leonardo da Vinci. Die Sonnengesänge sind Ausdruck der höchsten Form der Versöhnung mit sich, dem Leben, den anderen Menschen, der Natur, mit Gott und den Religionen der Welt. Franz von Assisi legte nicht nur allen irdischen Besitz ab, versuchte die Religionen miteinander friedlich zu vereinen; sein Lebenswerk würdigte 1980 Johannes Paul II., indem er ihn zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie ernannte.
Was verbindet unsere Kulturen, unsere Länder, unsere Städte, welchen gemeinsamen Auftrag haben wir für die junge Generation und deren Zukunft und welche Verantwortung am Ende für die Erde, die Menschheit in der Globalisierung, für den Fortschritt unter dem Primat von Wissenschaft und Technik? Es geht um eine Ethik und Moral mit humanistischem Anspruch; um Gesellschaftsmodelle, die sich immer wieder neu auf den Prüfstand begeben müssen; es geht um Liebe, als allumfassender Ausdruck von Brüderlichkeit und Nächstenliebe; um den alten Wertekatalog der Tugenden; es geht um Liebe als Ausdruck der Achtung vor der Schöpfung.“
Höchste Motivation
Leslie Suganandarajah betonte, als Dirigent sei es zunächst seine Aufgabe, die Partitur so umzusetzen, wie der Komponist es vorgegeben habe. Natürlich sei es wunderbar, wenn dieser bei der Einstudierung dabei ist, (was bei den viertägigen Gesamtproben in der Schinckelhalle, Potsdam, der Fall war). Voll des Lobes zeigte sich Suganandarajah für sein Ensemble: Die Solisten seien sängerisch hervorragend, höchst motiviert, setzten die Charaktere ihrer Rollen optimal um; Die Musiker der Jungen Philharmonie Brandenburg seien instrumental gut und mit solcher Leidenschaft bei der Sache, wie es insbesondere vorberuflichen Jugendorchestern zu eigen ist; Und die Mitglieder des von Vinzenz Weissenburger vorbildlich einstudierten Staatsopern-Kinderchors zeigten neben ihrer Semiprofessionalität eine unerschöpfliche Freude am Singen. Diese Kombination gebe dem Ensemble einen großartigen Zusammenhalt, ein inneres Band, dass alle miteinander vereine.
Individuelle Erfahrungen
Wirkung, Bedeutung und Stellenwert der einwöchigen Uraufführungsreise hatte im Kreise der Beteiligten individuell recht verschieden ausgeprägte Qualitäten auch innerhalb der jeweiligen Gruppen. Dies ist eine der zu berichtenden Wahrnehmungen, die der für Pressearbeit mitgereiste Autor vor Ort bei Gesprächen, Interviews und Beobachtungen gesammelt hat. Da Wesen und Wirkung von Musik weder materiell noch begrifflich ist, und deren Wahrnehmung insbesondere bezüglich der Wahrnehmungsebenen höchst individuell und subjektiv, ist es schwierig (eigentlich unmöglich) hierüber Begriffliches auszusagen. Dennoch kann unterm Strich konstatiert werden, dass wohl jedes Glied dieses „Organismus“ von knapp 100 Mitwirkenden gerade auch, weil sie einen neuen Organismus: nämlich die neue Oper haben entstehen lassen, eine individuelle Erfahrung gesammelt und ein Stück persönliche Entwicklung genommen hat, welche den künftigen Lebensweg prägt. Ohne die Oper und ohne die Uraufführungsreise wäre dies so nicht möglich gewesen!
Dass bei 15- bis 25-jährigen Orchester- und 9- bis 18-jährigen Chor-Mitgliedern unterschiedliche Schwerpunkte bestehen, mehr noch bei Solisten und Dirigent (Mittzwanziger), wundert nicht. Und wenn eine Elfjährige mit Berufsziel Opernsängerin, die erst wenige Wochen zuvor die Chor-Aufnahmeprüfung bestanden hatte, im Interview  – wie geschehen – mitteilt, sie habe den Staatsopernchor deshalb gewählt: „weil ich mal berühmt werden will”, dann zeigt das, wie wichtig es wäre, diese Oper auch auf Deutsch zu spielen. Denn dann erhielte das junge Mädchen, welches zugab, den italienischen Text: „eigentlich nicht verstanden“ zu haben, die Chance, den Geist der Opernfigur „Mammon“ auch intellektuell zu erkennen und sich gegen ihn zu entscheiden. So geläutert gewönne sie die ethische Voraussetzung, später eine „gute“ ja vielleicht sogar „große“ Opernsängerin zu werden, – „berühmt“ würde ihr dann nicht mehr wichtig sein.
Kraftakt
Ein solch großes Projekt zu stemmen, erfordert von Ehrenamtlichen fast übermenschliche Kräfte. Als Träger fungierte die Vereinigung für genreverbindende Kunstprojekte e.V. (VgK), Geschäftsführung Andrea Conrad, welche zusammen mit Ihren Kooperationspartnern, Deutscher Tonkünstlerverband (DTKV) Landesverband Brandenburg e.V. – der u.a. eine Projektdokumentation im Saal der IHK-Potsdam veranstaltete sowie Pressearbeit übernahm – und Il Ponte Gesellschaft der Freunde Italiens e.V. – welche unter anderem die Einbindung von Gioventù Musicale Foligno-Società dei concerti organisiert hat – über mehrere Jahre an der Vorbereitung gearbeitet hat.
Das Projekt stand unter Schirmherrschaft des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Rom, des Botschafters der Italienischen Republik in Berlin sowie des Vizepräsidenten des Europäischen Musikrats, Christian Höppner. Es wurde gefördert von: Auswärtiges Amt und Goethe Institut, Gioventù Musicale Foligno-Società dei concerti, Landeshauptstadt Potsdam, Mittelbrandenburgische Sparkasse Potsdam, Stadtmarketing Potsdam sowie Unternehmerverbund pro Potsdam e.V.. Auch trug die freundliche Unterstützung von A.B.Musikhandel, Big Image Systems, Deutschlandradio Kultur, Großhandel Terra Naturkost, Industrie- und Handelskammer Potsdam, Jesus Christus Kirche Berlin-Dahlem, Landesverband der Brandenburgischen Imker e.V. und Universität der Künste Berlin zur gelungenen Durchführung des Projekts bei.

Das könnte Sie auch interessieren: