In Lettland gehört Singen zum täglichen Leben

15 lettische Kinderchorleiterinnen zu Gast in der Region Hannover


(nmz) -
Seit vielen Jahren engagiert sich der Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ) im binationalen fachlichen Austausch von Chorleiterinnen und Chorleitern. Im Herbst 2008 war eine Delegation lettischer Kinderchorleiterinnen auf Initiative des AMJ zu Gast in der Region Hannover, um sich ein Bild vom Stand der Musikpädagogik in Deutschland zu machen. Ziel war es, vom Kindergarten bis zur Hochschule alle Stufen der Musikerziehung kennenzulernen. Dank der Unterstützung aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der zahlreichen privaten Quartiergeber aus Reihen des Knabenchores Hannover und der Cappella St. Crucis Hannover war diese Programmplanung überhaupt erst möglich geworden.
Ein Artikel von Benjamin Reinhard

Das einwöchige Fachprogramm begann mit einem Besuch im Matthias-Claudius-Gymnasium Gehrden. Klaus-Jürgen Etzold unterrichtet an dieser mit 1.100 Schülern sehr großen Schule seit vielen Jahren als Musiklehrer und ließ die lettischen Teilnehmerinnen an einer typischen Schulchorprobe teilhaben. Etzold berichtete von der Schwierigkeit, nach täglichen mindestens sechs Stunden Unterricht noch Vitalität und Begeisterung für den Schulchor zu wecken. Zwar wollten heutzutage viele Schülerinnen und Schüler aufgrund von Sendungen wie „DSDS“ oder „Popstars” das Singen erlernen, „doch fehlen vielen heute einfach die Zeit und die Energie um zu singen oder zusätzlich in der Freizeit noch ein Instrument zu erlernen.“

Dies konnte auch Hans-Dieter Lubrich bestätigen. Sein Kehrwieder-Kinderchor in Hoheneggelsen setzt sich aus jungen Sängerinnen und Sängern aus einem Umkreis von 30 Kilometern zusammen. Im Hauptchor besteht eine Altersspanne von sieben bis 19 Jahren. Ältere SängerInnen unterstützen durch altersmäßig gemischte Aufstellung die jüngeren.

Der Kehrwieder-Kinderchor ist ein Familienbetrieb: Leiter Hans-Dieter Lubrich ist hauptberuflich Lehrer in Hildesheim, seine Frau unterrichtet ebenfalls. Tochter Anna, die als Kind selbstverständlich auch Mitglied des Chores war, übernimmt heute die Stimmbildung und die Registerproben. Die Arbeit mit dem Kehrwieder-Kinderchor ist ehrenamtlich. Die lettischen Kinderchorleiterinnen konnten alle Altersstufen bei der Probenarbeit erleben und waren hinterher sehr begeistert: „So viel Engagement ohne finanzielle Unterstützung durch Staat oder Kommune kann man nicht genug loben.“

Am zweiten Tag des Fachbesuchs stand die Chorklassen-Arbeit im Fokus. Hans-Dieter Reinecke, Mitglied im Bundesvorstand des AMJ, zeigte in einer 5. Klasse, was eine Stunde zusätzlicher Musikunterricht ausmachen kann. Die Schülerinnen und Schüler fielen nicht nur durch eine ausgeprägte Motorik auf, sondern überzeugten die Besucherinnen aus Lettland mit sicherem dreistimmigen Satzgesang.

Im Anschluss an den Unterrichtsbesuch sprach die lettische Delegation mit Prof. Franz Riemer in der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Sein Fachbereich begleitet die Chorklassenarbeit wissenschaftlich und evaluiert derzeit die ersten bis vierten Klassen, die am Projekt der Chorklassenarbeit teilnehmen. Prof. Riemer berichtete, dass gerade der Start der Chorklassen schwierig gewesen sei: „Den Lehrerinnen und Lehrern müssen wir das Projekt nicht schmackhaft machen. Aber diese müssen zuerst ihre Schulleitung begeistern. Die Schulleitung muss dann die Lehrerkonferenz von dem Projekt überzeugen.” In Hannover erhalten die MusiklehrerInnen in den Chorklassen zusätzlich Unterstützung durch Studenten der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Im Rahmen dieses Fachgespräches wurden dann Unterschiede in der Ausbildung der Musikpädagogen deutlich. So gibt es in Lettland nur einen Musikpädagogik-Studiengang für alle Schularten. Und: „In Lettland herrscht die gängige Meinung, dass im Kindergarten die besten Musikpädagogen arbeiten sollen, weil spätestens hier der Samen für ein weiteres musikalisches Interesse gesät wird”, so eine Teilnehmerin. Umso überraschter war die lettische Delegation, als sie erfuhr, wie oberflächlich Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland musikalisch ausgebildet werden und wie viel Nachholbedarf auf diesem Gebiet besteht.
In Lettland schöpft man aus einem schier unendlichen Fundus an Volksliedern, die von klein auf wie selbstverständlich gesungen werden.

Das Singen an sich ist aus dem lettischen Leben nicht wegzudenken.
Prof. Franz Riemer erläuterte die Situation in Deutschland: „Nach zwei Weltkriegen und dem Missbrauch des deutschen Volkslieds für propagandistische Zwecke haben die Deutschen ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Liedgut.” Doch auch in Lettland scheint eine Veränderung stattzufinden. Die Jugend interessiert sich für Neues, andere Faktoren gewinnen im Zuge der Öffnung nach Europa an Einfluss.    Noch ist es zu früh festzustellen, ob das Singen an Bedeutung verlieren wird.
Am folgenden Tag konnten die lettischen Kinderchorleiterinnen die Arbeit beim Mädchenchor Hannover kennenlernen. In zwei Gruppen, getrennt nach Altersstufen, werden die jungen Mädchen auf das Singen im Konzertchor vorbereitet. Prof. Gudrun Schröfel, Leiterin des Mädchenchores Hannover, sparte im anschließenden Gespräch auch nicht mit Kritik: „In Deutschland wird viel zu oft kritisiert, was man nicht kann, statt dort zu fördern, wo schon Potential besteht.“

Prof. Jörg Breiding, Leiter des Knabenchors Hannover, wies nach einem Probenbesuch beim Konzertchor auf ein weiteres Problem der Musikpädagogik hin: „Die Streichung des 13. Schuljahres ist für unsere Chöre, die nachmittags proben, eine enorme Barriere. Da der Unterrichtsstoff nicht weniger und damit in den Nachmittag verschoben wird, können einige Sänger unseres Chores die Proben nicht mehr besuchen!”

Das könnte Sie auch interessieren: