Inklusion, ernst gemeint, braucht Ressourcen

Austausch mit den Ausschüssen des Deutschen Städtetages


(nmz) -
Ulrich Rademacher, Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen, und Bundesgeschäftsführer Matthias Pannes waren kürzlich sowohl in den Bildungs-, als auch in den Kulturausschuss des Deutschen Städtetages eingeladen, um den Mitgliedern aktuelle Aspekte der Musikschularbeit zu erläutern und anschließend mit ihnen zu diskutieren. Es kam zu einem regen Austausch, der auf die Kommunen wiederum positiv zurückwirken soll.
Ein Artikel von N.N.

Bildungsausschuss

Vor dem Bildungsausschuss sprach Ulrich Rademacher zunächst über das Thema Inklusion, das im Verband schon lange eine zentrale Rolle spielt und dem sich, so Rademacher, die Musikschulen nicht verweigern dürften. „Wir sollen und wir wollen Teilhabe ermöglichen, mit oder ohne  Verankerung im Grundgesetz!“, lautet das eindeutige Bekenntnis zur Inklusion. Teilhabe zu ermöglichen, könne nur inklusiv gemeint sein, „aus einer Haltung heraus, die von Anfang an Alle mit denkt, auch die, die als ‚Bildungsferne‘ ohne eine Idee vom Wert der Bildung gar nicht wollen können!“ Rademacher erläuterte den Ausschussmitgliedern den Inklusionsbegriff des Musikschulverbandes, wie er vor allem in der Potsdamer Erklärung des VdM niedergeschrieben ist. Er bezog sich auch auf die vielen „Musikalisierungsprogramme“, die – meist in Kooperation mit allgemeinbildenden Schulen – vielerorts aufgelegt werden: „‚Jedem Kind‘ – so heißt es so schön in vielen Programmen. Jedem Kind, dem wir mit dem Anspruch auf Inklusion einen Zugang, eine Tür zur Musikschule geöffnet haben, sind wir eine anschließende individuelle Förderung nach dem ‚state of the art‘ schuldig. Wir dürfen Kinder nicht erst mit Musik ‚anfüttern‘ und dann ‚aushungern‘. Nicht heiß machen und dann im Kalten stehen lassen. Schon Saint-Exupérys Kleiner Prinz wusste: ‚… Du bist für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast!‘“

Anschließend sprach sich Rademacher gegen eine zu starke einseitige Fokussierung auf die MINT-Fächer aus, die auch eine Folge der PISA-Untersuchungen sei. „Wir“, so Rademacher im Hinblick auf die öffentlichen Musikschulen in Deutschland, „bauen auf ein anderes Menschenbild, das den ganzen Menschen sieht, mit Geist, Körper und dem, für das es in der deutschen Sprache das schöne und noch nicht so pädagogisch verbrauchte Wort ‚Gemüt‘ gibt.“ Gegen den MINT-Stress an den allgemein bildenden Schulen setzte Rademacher in seinen Erläuterungen die Forderung nach Entspannung. Eine gute Musikstunde vor Mathe wirke wie ein Katalysator.

Der Bundesvorsitzende erklärte auch, wie ernst es dem Verband mit einer offenen Musikschule für alle ist. „Inklusion ist als Anspruch radikal. Inkludieren gibt es nicht. Alle gehören grundsätzlich und von Anfang an dazu. Inklusion heißt auch Partizipation und kann auch das Steuern von Prozessen an Musikschulen ganz schön auf den Kopf stellen. Im Prinzip ist nichts wie vorher.“

Mit dem an sich selbst gestellten Anspruch seien die Musikschulen vielleicht einer politischen Bevormundung zuvorgekommen, vermutet Rademacher. „Wir sind nicht fremdbestimmt durch Quoten. Keines unserer Ensembles muss Benchmark-mäßig eine bestimmte Mindestzahl von Blinden, Migranten, Dementen, Syrern, Männern oder Frauen aufnehmen. Wir müssen nichts mit Lehrkräften erzwingen, die darauf (noch) nicht vorbereitet sind. Wir müssen nur das tun, was wir können. Und das ist viel!“

Kulturausschuss

„Was kann Kultur und was muss Kultur?“ Mit dieser Frage leitete der Bundesvorsitzende seinen Vortrag im Kulturausschuss des Städtetages ein, um anschließend ausführlich das neue Leitbild des VdM zu erörtern. Dort findet sich auch ein Bekenntnis zum musikalisch-kulturellen Erbe einerseits, zur Öffnung gegenüber Innovation und musikalischer Vielfalt andererseits. „Kulturelle Vielfalt als Schatz, als Reichtum zu begreifen, ist nicht selbstverständlich. Wir sollten uns aber darauf besinnen, dass Entscheidendes in der Entwicklung der Musik – auch unserer abendländischen – angestoßen wurde, gewachsen und aufgeblüht ist durch die Befruchtung. Kulturelles Erbe überlebt nur durch kulturelle Bildung und kulturelle Praxis!“

Dort, wo es um das Thema „Partnerschaften“ geht, erklärte Rademacher: „Wenn sich öffentliche Musikschulen als kommunales Kompetenzzentrum für musikalische Bildung sehen, dann nicht, weil sie sich für alle Aufgaben selbst als die Besten oder Einzigen empfehlen wollen, sondern um in kommunalem Auftrag und in kommunalem Interesse das Potential aller Player in Sachen musikalischer Bildung der Stadtgesellschaft zu erschließen. Hier wollen Partnerschaften geschlossen und Netzwerke gepflegt werden.“

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