Junges Musikleben braucht Freiräume

Mitglieder von mu:v – musik verbindet! im Gespräch


(nmz) -
Die Jeunesses Musicales Deutschland für Jugendliche noch interessanter zu machen, das ist das Hauptanliegen der neu gegründeten Initiative mu:v – musik verbindet! Ursula Gaisa unterhielt sich mit vier der Initiatoren.
Ein Artikel von Ursula Gaisa

neue musikzeitung: Wie kam es zur Entstehung von mu:v?

Julia Sinnhöfer: Martha, Toni und ich kommen alle ursprünglich aus Jena. Unser Orchesterleiter hatte den Jeunesseskurs – „Mitverantwortung im Jugendorchester“ – während der Probe vorgestellt. Wir haben uns entschieden, mitzumachen. Das war das erste Mal, dass wir zusammen nach Weikersheim gefahren sind. Florian und Nils haben zu der Zeit bei der JMD ihren Zivildienst gemacht, und dann kamen noch Malte, Martha, Veronika und Cornelius dazu. Wir waren also eine Gruppe von sieben bis acht Leuten, die sich an einem Wochenende zusammengesetzt haben.

Martha Vogel: Wir haben überlegt, was die JMD für noch mehr Jugendliche attraktiv machen kann. Auf die Idee, ein Camp zu organisieren, sind wir gekommen, als wir uns gefragt haben, welches Angebot der Jeunesses wir persönlich super fänden. Es gibt ja schon viele Kurse, wie den Kammermusikkurs, Vorspieltraining oder andere, an denen man in der Regel aber erst dann teilnimmt, wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat. Für mich stand immer fest, dass ich nicht Musik studieren will, aber ich mache trotzdem gerne Musik und treffe mich gerne mit anderen Musikbegeisterten.

nmz: Im Juni 2009 habt ihr eine Resolution formuliert, die auch über die Presse kommuniziert wurde. Wie kam es dazu?

Toni Rack: Die mu:v-Initiative und der Plan, sie mit einem musikalischen Jugendcamp zu starten, wurden erst einmal nur intern diskutiert. Wir hielten dann die Mitgliederversammlung der Jeunesses für den passenden Zeitpunkt, unsere Sache im großen Stil offiziell zu machen. Um dem Ganzen den richtigen Rahmen zu geben, haben wir eine Resolution formuliert. Damit wollten wir deutlich machen, dass wir es ernst meinen. Resolution ist ein großes Wort. Aber ich denke, wir haben damit ein Zeichen gesetzt und nach außen getragen.

nmz: Jeunesses Musicales beinhaltet ja die Jugend als Programm, warum muss man das dann extra betonen?

Julia Sinnhöfer: Im Moment wissen viele Jugendliche leider überhaupt nicht, dass ihr Orchester Mitglied der Jeunesses ist. Die JMD legt in ihren Kursen und Angeboten viel Wert drauf, ein sehr hohes musikalisches Niveau zu haben. Das hat manche Jugendliche vielleicht auch abgeschreckt.

Toni Rack: Unsere Motivation ist, das, was wir bei der Jeunesses erleben, und was uns selbst persönlich musikalisch unglaublich weitergebracht hat, auch anderen Leuten zu ermöglichen. Viele Jugendliche sollen diese tollen Erfahrungen bei der Jeunesses machen können, sei es in einem Kurs oder auch, dass man einfach nur Kontakte knüpfen, Freundschaften aufbauen und seinen Horizont erweitern kann.

nmz: Was oder wen soll mu:v verbinden?

Florian Bosse: In Deutschland gibt es „Jugend musiziert“ im klassischen Bereich, „Jugend jazzt“, „Jugend musiziert“ hat auch noch eine „Ethnosparte“ und eine „Popsparte“. Wir finden es reizvoll, wenn die einzelnen Sparten nicht nur nebeneinander existieren, sondern man auch mal gemeinsame Projekte veranstaltet oder sogar die Rollen tauscht. Ich selbst komme aus dem Jazz-Bereich und habe viel freie Improvisation gemacht. Dann habe ich angefangen, mich mehr mit klassischer Musik zu beschäftigen. Ich finde, das Eine geht nicht ohne das Andere.

nmz: Für den Sommer 2010 organisiert ihr ein großes musikalisches Jugendcamp in Weikersheim. Welche Idee steht hinter diesem mu:v-Camp, und was können junge Musiker dort erleben?

Toni Rack: Jeder, der zum Camp kommt, kann etwas lernen und erleben, was über das hinausgeht, was er oder sie im Musikschulunterricht oder im eigenen Ensemble erlebt. In den Kursen und Workshops, die wir anbieten, kann man mal über seinen Tellerrand hinausgucken: Wir ermöglichen vielleicht jemandem, der lange Zeit im Orchester gespielt hat, den Zugang zu einer Big Band oder einfach mal den Perspektivwechsel von „aus dem Orchester“ zu „vor dem Orchester“, nämlich ans Dirigentenpult. Oder jemand, der lange klassische Musik gemacht hat, lässt sich vielleicht auf Popmusik ein. Es gibt Salonorchester, Beatboxing, Kulturmanagement, Improvisation oder Percussion.

nmz: Wer ist alles dazu eingeladen? Welche Voraussetzungen muss oder soll man mitbringen?

Martha Vogel: Das Besondere am mu:v-Camp ist, dass es für alle Jugendlichen von 16 bis 25 Jahren offen ist. Einzige Voraussetzung ist, dass man Interesse und Spaß an Musik hat. Das Programm ist so breit gefächert, dass für jedes Interessensgebiet ein Workshop oder ein Kurs dabei ist, von Jazz bis Pop und Klassik, wie man Musik organisiert oder dirigiert – das gehört alles dazu.

nmz: „Musik lässt sich auch anders gestalten und ausleben als ihr es bisher getan habt …“, schreibt ihr auf eurer Internetseite – was meint ihr damit?

Florian Bosse: Manche Grenzen scheinen durch die Instrumente vorgegeben zu sein. Wer Fagott spielt, fühlt sich in einer Rockband vermutlich fremd. Man kann aber auch über Grenzen hinweg schauen. Man muss sich nicht mit der Halb-/Ganztonleiter im Jazz beschäftigen oder einen komplizierten Funkrhythmus lernen. Wir bieten zum Beispiel einen Improvisationskurs an. Improvisieren kann man auf allen Instrumenten und zwar unabhängig von dem Idiom, von der Sprache, in der man improvisiert. Im Percussionworkshop kann jeder in ein paar Stunden lernen, wie ein guter grooviger Sound entsteht. So hat man mit wenig Aufwand und ohne groß ins Schwitzen zu geraten einen großen Effekt erzielt.

nmz: Was genau ist der „Weikersheim-Effekt“?

Martha Vogel: Wer einmal in Weikersheim war, der möchte unbedingt wieder hinfahren, weil es ein wunderschöner idyllischer Ort ist, wo die Jeunesses ihren Hauptsitz hat. Ich selbst fand es gleich, als ich das erste Mal da war, richtig toll dort – das Schloss und der wunderschöne Schlosspark. Es ist einfach eine unglaublich schöne Landschaft, und auch die Räume in der Musikakademie sind gut. Insgesamt ist es eine super Atmosphäre dort, und deshalb: Jeder, der einmal in Weikersheim war, muss einfach immer wieder hinfahren. Das ist der „Weikersheim-Effekt“.

nmz: mu:v soll eine Plattform für Musiker ohne Grenzen bieten. Was genau ist damit gemeint?

Toni Rack: Unsere Idee ist, musikalische Grenzen, die künstlich hergestellt werden, sei es nun die Trennung von E- und U-Musik, die ja an sich schon ein Paradoxon ist, oder seien es andere Trennungen nach Jazz, Rock, Pop und Klassik zu überwinden. Wir glauben, dass es gar nicht so unterschiedlich ist, ob man nun im Orchester oder in einer Band spielt.

Florian Bosse: Was jetzt aber nicht heißt, dass alle Jazzmusiker Geige lernen und ins Jugendorchester gehen sollen. Uns ist wichtig, sich darauf einzulassen und nachvollziehen zu können, was andere Leute musikalisch antreibt und bewegt. Spannend ist, wenn musikbegeisterte Jugendliche gemeinsam überlegen und bestimmen, was wollen wir selber für uns in unserem eigenen „Musikleben“? Wenn sich einige, genau wie unsere Gruppe jetzt für das mu:v-Camp, zusammensetzen, um ein Chortreffen zu planen oder irgendeine andere Art von Kurs, und man so neue Kontakte knüpft und neue Freunde findet, also eine Vernetzung entsteht – das fänden wir ganz klasse.

nmz: „Mehr Freiraum für Musik!“ fordert ihr. Was heißt das?

Julia Sinnhöfer: Mehr Möglichkeiten zu haben, Musik aktiv zu leben wie etwa bei mu:v. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, dieses Camp zu organisieren. In dem Sinne ist es auch keine Arbeit, wenn wir dafür sorgen, dass man vom 31. Juli bis zum 4. August 2010 etwas Unvergessliches erlebt. Es ist ein tolles Gefühl, dass uns die Jeunesses Freiraum für unsere Ideen gibt und uns zugleich bei der Organisation unterstützt. Ich kann zum Beispiel Dozenten für die Workshops engagieren, ohne dass das erst umständlich durch 1.000 Gremien geht. Das ist auf der einen Seite eine große Verantwortung, auf der anderen Seite einfach super!

nmz: „Die Initiative mu:v-Musik verbindet! fordert, dass das musikalische Engagement der Jugendlichen auch von Politik und Medien unterstützt wird“, heißt es in eurer Resolution unter anderem. Was tut ihr dafür, dass dieser Wunsch auch in Erfüllung geht?

Toni Rack: Wir haben eine eigene Website, www.muv.jmd.info, auf der wir uns mit Texten und vielen Fotos vorstellen, und wo man mit uns Kontakt aufnehmen kann. Da wird im Laufe des nächsten halben Jahres bis zum Camp kontinuierlich immer wieder was Neues dazukommen. Demnächst kann man auch einen Trailer auf unserer Website anklicken, der schon mal einen kleinen Eindruck vermittelt, wie bunt das Ganze wird, was wir vorhaben, und was einen erwartet.

Julia Sinnhöfer: Zu möglichst vielen Orchestern werden wir auch direkt hinfahren und unser Projekt präsentieren. Vermutlich ist es etwas unrealistisch, dass wir bis zum Start unseres mu:v-camps die großen Politikhöhen erreichen. Aber wenn sich im Sommer 300 junge Musiker treffen, dann ist das etwas, was Interesse und Aufmerksamkeit weckt. Warum sollte das nicht der Auslöser sein, dass Musik auch in der Politik wieder ein größeres Thema wird.

Toni Rack: Mit einem Kurs zum Thema Musikjournalismus bieten wir musikinteressierten Jugendlichen die Möglichkeit, das Camp journalistisch zu begleiten. So soll es etwa eine Camp-Tageszeitung geben, eine Dokumentation in Form einer Broschüre, natürlich Fotos und, wenn alles klappt, auch einen Film. Die Redakteure der neuen nusikzeitung, die wir angesprochen haben, ob sie uns als Profis uns dabei unterstützen, waren sofort begeistert von dieser Idee. Wir freuen uns sehr, dass die nmz nun offizieller Medienpartner des mu:v-Camps ist.

nmz: Warum spielt die Musik eurer Meinung nach eine so wichtige Rolle im kulturellen Leben? Oder tut sie das vielleicht gar nicht mehr? Und warum nicht?

Toni Rack: Zunächst einmal halte ich die Musik oder besser das Musizieren für eine unglaublich wichtige Sache für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Jugendlichen. Internet oder Handy, wo man sich schnell irgendwelche Sachen hin- und herschreibt oder simst oder chattet, sind letztendlich doch sehr unpersönlich. Ich glaube, dass die Musik einen unglaublichen Vorteil gegenüber solchen Kommunikationsformen bietet, nämlich dass sie die Menschen tatsächlich zusammenbringt.
Mit unserem Credo „Musik verbindet“ und einer Videokamera haben wir uns auch hinausbegeben und Leute, die im Musikleben aktiv sind, befragt. Für uns stellt sich nicht die Frage, ob Musik verbindet, sondern die Frage, wie Musik verbindet.

Ausführliche Informationen zu mu:v und zum mu:v-Camp im
Internet unter www.muv.jmd.info

  • Toni Rack spielt Schlagzeug und Akkordeon und studiert Kulturmanagement in Weimar und Kommunikationswissenschaften in Jena.
  • Julia Sinnhöfer spielt Geige und studiert Musikwissenschaften und Kulturmanagement in Weimar, z.Zt. in Helsinki.
  • Florian Bosse singt, spielt Klavier und Querflöte und studiert Schulmusik in Köln.
  • Martha Vogel spielt Klarinette und Cello und studiert Umweltwissenschaften in Zürich.
Martha Vogel.
Toni Rack
Julia Sinnhöfer

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