Konkurrieren in der Königsklasse

Zum ersten Mal widmete sich der Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel dem Violoncello


(nmz) -
Seit 40 Jahren, so erzählt die ältere Dame, verfolgt sie den Concours Reine Elisabeth. Nicht so sehr um des Wettbewerbs selbst willen, sondern wegen der vielen jungen Musiker, die man da erleben kann. Und das Cello in diesem Jahr, das war eine echte Entdeckung – so viel neues Repertoire! Natürlich kennt sie die großen Konzerte, Saint-Saëns und Schostakowitsch und wie sie alle heißen, aber all die Sonaten, die sie vorher noch nie gehört hat! Einen Favoriten hat sie schon: den Weißrussen, Ivan Karizna. Aber die anderen sind auch sehr gut, sie hat gerade nochmal ihre Notizen durchgeschaut, dieser Chinese zum Beispiel, das ist ein echter Kammermusiker, und der Amerikaner, der mit der Prokofjew-Sonate eine richtig spannende Geschichte erzählt hat …
Ein Artikel von Eva Blaskewitz

Es ist der erste Abend des sechstägigen Finales, kurz vor acht. In den weitläufigen Fluren des Palais des Beaux-Arts de Bruxelles herrscht dichtes Gedränge, die mehr als 2.000 Plätze der Salle Henry Le Boeuf sind restlos ausverkauft, lange Schlangen an den Sicherheitskontrollen – die Anschläge der jüngeren Vergangenheit haben ihre Spuren hinterlassen. Drinnen erinnert die Fotoausstellung „Das Unsichtbare sichtbar machen“ an die Schicksale von Flüchtlingen; Spuren einer anderen, seltsam fernen Welt.

Der Königin-Elisabeth-Wettbewerb ist in Belgien ein gesellschaftliches Groß­ereignis: Schon die ersten Auswahlrunden sind gut besucht, ab dem Halbfinale übertragen Radio und Fernsehen live, Zeitungen berichten täglich, via Internet ist das Geschehen weltweit mitzuerleben, und wen auch immer man in Brüssel fragt, Taxifahrer oder Hotelangestellte, jeder kennt den Concours Reine Elisabeth. Königin Mathilde, die Schirmherrin des Wettbewerbs, wird fast alle Finalabende persönlich besuchen und mit strahlendem Lächeln aus ihrer Loge dem Publikum zuwinken.

Von Anfang an war die Geschichte des Wettbewerbs mit der königlichen Familie verbunden. Gegründet hat ihn einst die künstlerisch veranlagte Königin Elisabeth, auf Anregung ihres Lehrers, des großen belgischen Geigers Eugène Ysaÿe. In politisch und finanziell schwierigen Zeiten setzte sie sich beharrlich für das Projekt ein – und wurde mit einem glanzvollen Ergebnis belohnt: Den ersten „Concours Ysaÿe“ gewann 1937 David Oistrach, den zweiten, ausgeschrieben für Klavier, Emil Gilels – Arturo Benedetti Michelangeli wurde damals Siebenter. Nach einer kriegsbedingten Unterbrechung knüpfte Leonid Kogan 1951 an die glorreichen Anfänge des Wettbewerbs an, der nun den Namen seiner Gründerin trug. Zu den Laureaten in jüngerer Zeit zählen Vadim Repin, Baiba Skride, Markus Groh, Anna Vinnitskaya, um nur einige wenige zu nennen.

Im Laufe der Zeit kamen neue Kategorien hinzu: Komposition – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und in den 1980er-Jahren zeitweise ebenso unbemerkt entschlummert; 1988, auf Betreiben namentlich von Gérard Mortier, seinerzeit Chef des Brüsseler Théâtre de la Monnaie, Gesang: ein Publikumsmagnet, aber an Renommee nicht mit den Instrumentalkategorien zu vergleichen.

Erstaunlich, dass die Cello-Wertung bis jetzt auf sich warten ließ, war doch Königin Elisabeth gut mit Pablo Casals, dem Altmeister des modernen Cellospiels, befreundet. Aber was lange währt, wird endlich gut: Die hohe Zahl von 202 Bewerbungen – 70 Kandidaten ließ die Vorauswahljury anhand von Videoaufnahmen zum Wettbewerb zu – und das durchwegs hohe Niveau der Finalisten lassen erwarten, dass sich der Cello-Wettbewerb künftig gleichberechtigt neben den beiden anderen Ins­trumentalkategorien behaupten wird.

Inzwischen ist es kurz nach acht: Die Brüsseler Philharmoniker haben auf dem Podium Platz genommen, sie werden die beiden Kandidaten dieses ers­ten Abends und alle weiteren auf Händen durch das zeitgenössische Pflichtstück und ihr selbst gewähltes Solokonzert tragen. Die 16-köpfige Jury, illuster besetzt mit Namen wie Natalia Gutman, Mischa Maisky, Gautier Capuçon, Truls Mørk und Marta Casals Istomin, ist feierlich in den Saal eingezogen und wurde mit stürmischem Applaus empfangen, die Moderatorin hat dreisprachig, auf flämisch, französisch und englisch, gemahnt, die Mobiltelefone auszuschalten. Bühne frei für den Chinesen Sihao He. Die Anspannung ist ihm deutlich anzumerken, beeindruckend aber seine glühend intensive, leidenschaftliche Interpretation des Auftragswerks von Toshio Hosokawa: „Sublimation“, eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Natur, ein weitgespannter Klangbogen, schillernd in zahllosen Ausdrucksnuancen, mit Anspielungen an buddhistische Gesänge und einer Pizzicato-Passage, die von den Klängen der japanischen Koto inspiriert ist, ein Wechselspiel, in dem das Soloinstrument sich mal aus den Klangwogen des Orchesters erhebt, mal in ihnen versinkt. Das neu komponierte Pflichtstück, bis zum letzten Moment geheim gehalten, ist ein Markenzeichen des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs: Die Kandidaten studieren es in einwöchiger Klausur ein, abgeschirmt von der Außenwelt, ohne Kontakt zu Professoren, Familie, Freunden, ohne Handy, Fernsehen, Internet. Sihao He hat, so wird er später erzählen, die Zeit genossen: Die Finalisten hätten über das Werk diskutiert, Tischtennis und Billard gespielt, doch, es war richtig nett. Andere gestehen, dass sie sich etwas einsam gefühlt haben, man ist es ja gewöhnt, jederzeit über Social Media und iPhone vernetzt zu sein; aber von der freundschaftlichen Atmosphäre schwärmen alle.

Für die Jury ist die Interpretation des Pflichtstücks besonders aufschlussreich. Er sei sehr beeindruckt, wie die Finalisten die Aufgabe gemeistert hätten, sagt der Juror Frans Helmerson, „alle haben das fantastisch geschafft“. Auch sonst ist aus den Reihen der Jury viel Positives über die 12 Auserwählten zu vernehmen. Wie bei jedem Wettbewerb fällt die eine oder andere kritische Äußerung, was den musikalischen Ausdruck betrifft; aber der oft geäußerte Vorwurf, ein Wettbewerb bringe stromlinienförmige Interpretationen ohne Ecken und Kanten hervor, verfängt hier ganz gewiss nicht: Viel Eigenwilliges und Persönliches ist auf der Bühne zu erleben, bei manchen freilich auch ein ausgeprägter Hang zur Selbstdarstellung – „Ich habe oft das Gefühl, dass die jungen Leute jetzt vor allem gesehen werden wollen, etwa durch große Aktionen auf der Bühne“, meint Antonio Meneses, ebenfalls Jury-Mitglied – und lacht. Stupend ist jedenfalls das technische Niveau: Die Herausforderungen des kräftezehrenden ersten Cello-Konzerts von Schostakowitsch, für das sich die Hälfte der Finalisten entschieden hat, oder die berüchtigten Doppelgriff-Passagen des Dvorák-Konzerts meistern fast alle scheinbar ohne Anstrengung. Spannend also die Ergebnisbekanntgabe. Samstagabend, kurz nach Mitternacht, anderthalb Stunden nach dem letzten Auftritt. Der Saal ist noch immer gedrängt voll, auch Königin Mathilde ist noch da, flüsternd werden Vermutungen über das Ergebnis ausgetauscht. Die Jury hat an einem langen Tisch auf der Bühne Platz genommen, seitlich lauert schon ein Pulk von Journalisten, um sich gleich auf die frisch gekürten Sieger zu stürzen.

Die Sympathien des Publikums galten in den vergangenen Tagen vor allem den spektakulären Auftritten. Der Saal hat getobt nach dem Schlusston der in Seoul und Berlin ausgebildeten Koreanerin Seungmin Kang, die das Dvorák-Konzert keineswegs makellos, aber mit ungeheurem Köpereinsatz und dramatischer Wucht gespielt hat. Der Franzose Aurélien Pascal, vor einigen Jahren Sieger beim Berliner Emanuel-Feuermann-Wettbewerb, fand für seine beklemmend-düstere Version des Schos­takowitsch-Konzerts einen Fanclub. Immerhin gab es aber auch einige Standing Ovations für den zurückhaltend auftretenden Japaner Yuya Okamoto, der das Konzert von Dvorák mit Noblesse und unerschütterlicher Ruhe zelebrierte; für ihn wäre durchaus auch mehr als der zweite Preis denkbar gewesen.

Den Kandidaten, dem die Jury den mit 25.000 Euro dotierten „Grand Prix International Reine Elisabeth“ zuspricht, dürften nur wenige Zuhörer ganz oben auf dem Siegertreppchen gesehen haben: Der Franzose Victor Julien-Laferrière, für eine Kammermusik-Aufnahme bereits mit dem Schallplattenpreis „Diapason d’or“ ausgezeichnet, spielte das Schostakowitsch-Konzert mit souveräner Überlegenheit, solide und technisch tadellos, aber ohne besonders persönliche Note – dafür mit betörend schönen Kantilenen im langsamen Satz.

Die Öffentlichkeit hat einen anderen Favoriten: Der von den Rundfunksendern gestiftete Preis, den die Radiohörer, Fernsehzuschauer und Internetnutzer vergeben, geht an den Weißrussen Ivan Karizna: ein kraftstrotzender Vollblutmusiker, der mit erheblichen Intonationsproblemen zu kämpfen hat, manchmal schlampig mit der Tongestaltung umgeht – und das Publikum doch vom ersten Ton an in seinen Bann schlägt. Dass die Jury ihm den fünften Preis zuerkannt hat, wird im Internet und auf Facebook entrüstet kommentiert. Ein Wettbewerbssieg, das lehrt die Erfahrung, ist kein Garant für eine Karriere; die Zahl der Gewinner, von denen man nie wieder etwas hörte, ist Legion. Letzten Endes entscheidet nicht eine Goldmedaille, sondern neben dem Können auch die Persönlichkeit über den Erfolg eines Solisten. In diesem Sinne dürfte es spannend werden, den Weg der Preisträger dieses ers­ten Cello-Wettbewerbs in Brüssel weiter zu verfolgen.  
  

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