Lobbying in komplexer Wertschöpfungskette

Geschäftsführerin Birgit Böcher führt den Traditionsberufsverband DMV durch die Corona- und andere Krisen


(nmz) -
In der Nachfolge von Heinz Stroh ist Birgit Böcher seit dem 4. Juli 2019 neue Geschäftsführerin des Deutschen Musikverlegerverbandes (DMV). Mit dem folgenden Interview will die nmz sowohl die Geschäftsführerin Birgit Böcher, die seit 15 Jahren für den DMV tätig ist, als auch den Verband selbst porträtieren und natürlich im Gespräch aktuelle und drängende Themen beleuchten. Das Gespräch führte Chefredakteur Andreas Kolb.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Frau Böcher, wie beschreiben Sie den DMV und seine Aufgaben aus heutiger Sicht?

Birgit Böcher: Wir sind ein klassischer Berufsverband und vertreten die Interessen der Musikverlage, unabhängig davon, welcher Stilrichtung sie angehören. Der Verband ist der zweit­älteste Berufsverband seiner Art in Deutschland, nur der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist noch älter. Auch wenn wir auf eine sehr lange Tradition zurückblicken, sind wir nicht im Gestern verhaftet, sondern blicken nach vorne. Der DMV hat in den letzten Jahren viele neue Mitglieder dazubekommen. Wir vertreten rund 320 Verlage und damit 90 Prozent des in Deutschland erwirtschafteten Musikverlagsumsatzes.

nmz: Unter den Mitgliedern finden sich Majors genauso wie Mittelständler?

Böcher: Wir haben von den großen Major-Verlagen bis zum kleinen Ein-Mann- oder Eine-Frau-Verlag alles dabei. Der klassische Notenverlag mit dem sogenannten Papiergeschäft macht derzeit nur noch etwa 13 Prozent des Umsatzes der Musikwirtschaft aus. Der Rest wird mit Lizenzvergaben erwirtschaftet. Dafür stehen Namen wie Breitkopf & Härtel, Schott Music, Bärenreiter, Boosey & Hawkes/Bote und Bock, der Carus Verlag oder Henle und die Edition Peters. Im DMV sind sowohl E- als auch U-Verlage zu Hause. Der überwiegende Umsatz wird mit Einnahmen aus den Verwertungsgesellschaften wie der GEMA und Lizenzvergaben erwirtschaftet, was vorwiegend in das Aufgabenfeld der U-Musikverlage wie Sony Music, Universal Music, Budde oder Peermusic fällt, um nur wenige zu nennen.

nmz: Frau Böcher, Sie sind seit 15 Jahren für den DMV tätig, seit April 2019 als Geschäftsführerin. Was hat Sie zum Verband geführt?

Böcher: Ich habe eigentlich Kunstgeschichte studiert mit dem Ziel, Journalistin zu werden. Vor meinem Einstieg bei den Musikverbänden sammelte ich unter anderem Erfahrungen bei BMG Entertainment und war auch einige Zeit im Künstlermanagement tätig. Im Sommer 2004 stieß ich zu den Bonner Musikverbänden und übernahm dort im November 2007 den Posten der stellvertretenden Geschäftsführerin des Deutschen Musikverleger-Verbandes (DMV) und des Gesamtverbandes Deutscher Musikfachgeschäfte (GDM).

nmz: Von der Krisenbranche Plattenindustrie in den sicheren Hafen Musikverlage? Seit der Corona-Pandemie stimmt das auch nicht mehr, oder?

Böcher: Halb im Scherz, halb im Ernst hatte ich meinem geschätzten Vorgänger Heinz Stroh und manchem Mitglied gesagt: „Es wird Einiges anders, wenn ich dran bin.“ Dass es gleich mit dieser Konsequenz erfolgt, habe ich nicht erwartet. Kurz vor der Corona-Krise hatten wir die Geschäftsstelle umstrukturiert. Das Ganze vor dem Hintergrund, dass wir nicht nur die Musikverleger betreuen, sondern auch den Gesamtverband der deutschen Musikfachgeschäfte und seit Ende 2019 auch die internationale ISMN-Agentur – all das betreuen wir in der Berliner Geschäftsstelle in der Hardenberg­strasse. Dann kam die Corona-Krise. Die Folge für mich persönlich: Der Arbeitsaufwand hat sich enorm erhöht. Die erste Folge der Krise für den DMV: Obwohl die Mitglieder derzeit alle ihre Ausgaben auf den Prüfstand stellen, inklusive ihres Mitgliedsbeitrags für den Verband, stellt bislang kein Verlag die Mitgliedschaft in Frage. Im Gegenteil, so viele Anfragen wie 2020 gab es in den ganzen letzten Jahren nicht. Das Sammeln und Bündeln der Informationen über neue Entwicklungen und Hilfen, die Interessenvertretung gegenüber der Politik, die jetzt immer wichtiger wird, all das kann ein einzelner Verlag neben seiner eigenen Arbeit nicht leisten. Auch eine psychologische Komponente unserer Verbandsarbeit wurde wichtig: Wir haben im DMV einen „After Work Online Club“ installiert – alle konnten sich zuschalten und allein dieses Wissen darüber‚ nicht allein zu stehen und sich gegenseitig zu unterstützen, hat vielen geholfen.

nmz: Eine Studie im Auftrag des Dachverbandes der europäischen Verwertungsgesellschaften GESAC (The European Author’s Societies) „Rebuilding Europe: Die Kultur- und Kreativwirtschaft vor und nach COVID-19“ kommt zu dem Ergebnis, dass während der Corona-Pandemie kaum eine Branche ähnlich hohe Verluste wie die Kultur- und Kreativwirtschaft zu verzeichnen hat. Gleichzeitig schreiben die Autoren, könnte ihre gezielte Förderung auch ein Schlüssel für die Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft sein.

Böcher: Wenn die Förderung gezielt wäre, wäre das schön. Die Lage ist sehr schwierig: Etwa wenn man sieht, dass anfangs bei der Kulturmilliarde der Bundeskulturministerin Monika Grütters Musikverlage im Gegensatz zu Buchverlagen gar nicht erst vorkamen. Das Problem liegt darin, dass sich die negativen Folgen der Krise beim Großteil unserer Mitglieder erst in diesem Jahr zeigen werden. Unter anderem deshalb, weil die GEMA zeitverzögert ausschüttet. Bis in den Sommer wird vieles nicht stattfinden, das wird sich dann auch 2022 in den Ausschüttungen der GEMA bemerkbar machen. Es geht nicht anders, als dass wir Unterstützung vom Staat bekommen. Wir hoffen, dass wir bei der zweiten Milliarde berücksichtigt werden.

nmz: Bisher gab es zwei Förderprogramme, die auf Ihre Klientel zugeschnitten waren: Erstens das Programm E-Musik und Sprechtheaterverlage mit fünf Millionen Euro Fördersumme und zweitens die vier Millionen für Musikfachgeschäfte, die über den Deutschen Musikrat vergeben werden. Was wollen Sie noch erreichen?

Böcher: Wir, also die Geschäftsstelle und unser ehrenamtlicher Vorstand mit Patrick Strauch und Clemens Scheuch an der Spitze, arbeiten sehr gut zusammen. Aber gemeinsam ist man stärker. Daher lag es nahe, das Forum Musikwirtschaft mitzugründen: Das Forum Musikwirtschaft besteht aus den sieben Verbänden des Wirtschaftsbereichs Musik. Im Einzelnen sind dies der BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft), der BVMI (Bundesverband Musikindustrie), der DMV (Deutscher Musikverleger-Verband), IMUC (Interessenverband Musikmanager & Consultants), LIVEKOMM (Verband der Musikspielstätten in Deutschland), SOMM (Society Of Music Merchants) und der VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen). Das Forum versteht sich als Diskursraum, in dem zentrale Themen der Musikwirtschaft identifiziert und erörtert werden, um sie an die Politik und die Öffentlichkeit zu adressieren. Es umfasst damit die wesentlichen Sektoren der Musikwirtschaft, die durch ihre komplexen Wertschöpfungsstrukturen eng miteinander verzahnt sind. Wenn es der Live-Musik gut geht, geht es den Verlagen gut, wenn es den Urheber*innen gut geht, geht es den Verlagen gut und so weiter.

Unsere erste Forderung war eine Erhöhung der Künstlerförderung bei der Initiative Musik auf zehn Millionen Euro. Das ist erfolgt. Im Verlagsbereich forderten wir das bereits erwähnte Programm für E-Musikverlage, denn das Aufführungsmaterial wurde nicht mehr gebraucht und lag wie Blei in den Regalen. Jetzt geht es uns um eine Intensivierung der Nothilfe. Wir wissen, dass die GEMA deutlich weniger ausschütten kann 2021 und 2022. Wir wollen eine Kompensation dieses Minus, das ist das Wichtigste für die Musikverlage. Weiter fordern wir essentielle Mittel aus der zweiten Kulturmilliarde des Bundeskulturministeriums.

nmz: In einer Pressemeldung sehen Sie eine Pleitewelle in der Kulturbranche voraus. Wer ist betroffen?

Böcher: Vielleicht zunächst das Positive: In den Monaten der Pandemie mit ihren Einschränkungen haben die Menschen gemerkt, Musik ist wichtig, selber Musikmachen, das Anschauen von Wohnzimmerkonzerten – Musik hilft der Bevölkerung durchzukommen.

Wer aber hilft denen, die diese Musik schreiben, produzieren, herstellen? Bei Livestreams werden die Urheber*innen nicht oder nur minimal vergütet. Es verdient keiner wirklich daran, außer den großen Plattformen. Bei den Notenverlagen wurde zwar Hausmusik verstärkt nachgefragt, aber beispielsweise Musik für Kinder in der Schule, Musicals, Chöre  – das alles wird seit einem Jahr nicht mehr nachgefragt.

Mit „drohender Pleitewelle“ sind in erster Linie die Musikfachgeschäfte gemeint, um die ich mir Sorgen mache. Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben alle noch recht gut verkraftet. Aber jetzt wird es eng, denn es ist eine Branche, der es schon vorher nicht gut ging. Zumal die ganzen Hilfen nicht passen oder zu spät kommen. Was Musikverlage angeht, bin ich zuversichtlicher.

nmz: Derzeit wird verstärkt das Thema EU-Urheberrechtsnovelle und deren Umsetzung in deutsches Recht diskutiert. Es ist eine Uraufgabe des Deutschen Musikverleger-Verbandes, den Ausbau des Urheberrechts voranzutreiben. Wie positioniert sich der Verband in dieser Frage?

Böcher: Worüber wir enttäuscht sind, ist, dass alle Statements aus der Praxis von der Politik anscheinend kein Gehör gefunden haben. Die Politik ist – aus Angst vor einem Shitstorm – beim deutschen Urheberrechtsentwurf drei Schritte hinter den Brüsseler Kompromiss zurückgegangen. Das ist inakzeptabel. Dabei haben die Musikverleger ganz andere Schwerpunkte als etwa die Filmindustrie, deren Geschäftsmodell auf der Vergabe von Exklusivrechten beruht. Wir wollen gerne an alle Nachfragenden lizenzieren, aber dann bitte gegen eine gerechte Vergütung. Der Gesetzgeber mischt sich zudem in bereits bestehende und gut funktionierende Lizenzpraxen ein, indem er Bagatellschranken einführt. Mit einem Anbieter wie TikTok, auf dessen Seiten Millionen Schnipsel in 20-Sekunden-Länge stehen, erreichte die GEMA nach zähen Verhandlungen einen Lizenzvertrag, und jetzt kann TikTok kommen und sagen: Verlängert wird der aber nicht, weil 20 beziehungsweise 15 Sekunden dürfen ja frei genutzt werden. Damit sind unsere jahrelangen Bemühungen um faire Vergütung ad absurdum geführt. Gerade in der Urheberrechtsdiskussion hätte man zudem die Rechte der durch Corona gebeutelten Urheber*innen stärken müssen. Das hätte keine Steuergelder gekostet.

nmz: Was tun?

Böcher: Wir glauben, dass im Laufe des parlamentarischen Prozesses bis zum Juni 2021 noch an ein paar Stellschrauben gedreht werden kann. Einer unserer Schwerpunkte wird sein, dass die Verlegerbeteiligung festgeschrieben wird. Es muss sichergestellt werden, dass Musikverlage an den Einnahmen durch die Verwertungsgesellschaften direkt beteiligt werden können und dazu müsste nur eine kleine redaktionelle Änderung im Gesetzestext erfolgen.

nmz: Seit 1991 vergibt der DMV den Preis „Bestes Konzertprogramm der Spielzeit“. Wie sieht das 2021 aus?

Böcher: Den Preis haben wir dieses Jahr ausgesetzt. Als Streaming-Format machte das keinen Sinn. Damit wären wir unseren Qualitätsansprüchen nicht gerecht geworden.

nmz: Seit vielen Jahren vergibt der DMV den „Deutschen Musikeditionspreis“. Ausgezeichnet werden Notenausgaben und Musikbücher von herausragender Qualität.

Böcher: Diese Auszeichnung dagegen wollen wir auch in diesem Jahr durchführen. Wir wissen nur noch nicht genau wie: Im Moment ist das Problem die Durchführung der Jurysitzung unter Corona-Bedingungen. 150 einge­reichte Werke müssen gemeinsam in Berlin begutachtet werden. Das kann man nicht via ZOOM-Konferenz machen. Ein möglicher Termin für die Verleihung ist die Musikmesse im Oktober 2021. Wir planen es ein – aber wie alle anderen können auch wir nur auf Sicht fahren.

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