Mit den Fingern sehen

Das Duisburger Institut für Pianistik lehrt auch Blinden das Klavierspiel


(nmz) -
Mit festem Anschlag spielt Cassie (10 Jahre) auf dem Flügel in ihrem Unterrichtsraum. Halbe. Achtel. Punktierte. Eines der üblichen Menuette von Bach. Hier und da stockt es leicht oder es erklingt die „Nachbar- Taste“. So weit – so gut! Alles normal! – Alles normal? Ja, soweit es sich um Cassie handelt, denn Cassie ist blind und erhält seit drei Jahren Klavierunterricht von Angelika Ruckdeschel im Duisburger „Institut für Pianistik“.
Ein Artikel von Heinz-Peter Helmer

Mit festem Anschlag spielt Cassie (10 Jahre) auf dem Flügel in ihrem Unterrichtsraum. Halbe. Achtel. Punktierte. Eines der üblichen Menuette von Bach. Hier und da stockt es leicht oder es erklingt die „Nachbar- Taste“. So weit – so gut! Alles normal! – Alles normal? Ja, soweit es sich um Cassie handelt, denn Cassie ist blind und erhält seit drei Jahren Klavierunterricht von Angelika Ruckdeschel im Duisburger „Institut für Pianistik“.

Das Besondere: Cassie erlernt die Stücke nach Noten – nicht über das Gehör, also nicht nach der „berühmten Papageien-Methode“, in der normalerweise blinde Schüler durch „vorspielen und nachspielen“ unterrichtet werden.
Doch wie lernt ein blinder Mensch „nach Noten“ Klavier spielen? Mit der Braille-Schrift. Mit einer sehr speziellen und ausgeweiteten Braille-Schrift. Denn anders als in der Übertragung von Sprach-Texten benötigt die Musik viele zusätzliche Informationen: Notenschlüssel, Tonhöhen, Intervalle, Notenwerte und -gruppierungen, Fingersätze, Zeichen für Lautstärke, Artikulation und Agogik usw. – alles, was wir „Sehenden“ mit einem Blick erfassen, muss der „Blinde“ über viele Einzelinformationen ertasten, im Gehirn abspeichern, in Bezug zueinander setzen und auf das Instrument übertragen. Beim einstimmigen Melodiespiel kein Problem – aber intellektueller „Hochleistungssport“, wenn beide Hände gleichzeitig in Aktion treten.
Hier kommt der Klavierschule eine ganz besondere Bedeutung zu. Martin Rembeck – Klavierlehrer aus Hannover und selbst schwer sehbehindert – hat im Laufe der Jahre eine Klavierschule „aus Sicht des Blinden“ geschaffen und veröffentlicht, die ganz auf die Anforderungen blinder Menschen eingeht und deren Bedürfnisse berücksichtigt. Dies ist das wirklich Besondere – denn es handelt sich nicht um eine bestehende Klavierschule, die für blinde Menschen „umgeschrieben“ wurde. (Martin H. Rembeck: „Klavier lernen Punkt für Punkt“, Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte, www.sbs.ch)
Zusätzlich wurden in der Konzeption auch die Bedürfnisse der Lehrkraft berücksichtigt. Sie muss natürlich keine Braille-Schrift lernen. Für sie gibt es einen gesonderten Band, in dem alle Musikstücke in üblicher „Schwarzschrift“ (Noten) zusammen mit dem „Punkt- Bild“ der Braille-Schrift abgebildet. Während so der Schüler in einem speziellen didaktisch-methodischen Aufbau Noten, Musik und Notenschrift erlernt, erlernt die Lehrkraft nach und nach zu verstehen, wie ein blinder Mensch über seine Fingerspitzen „sieht“. Dieser kontinuierlich wachsende Austausch ist die Grundlage für das gegenseitige Verstehen und für einen erfolgreichen Unterricht.
Es war ein Zufall, dass sich Martin Rembeck und Angelika Ruckdeschel „über den Weg liefen“: Er hatte die Klavierschule geschrieben – sie suchte adäquates Unterrichtsmaterial für eine blinde Schülerin. Und so begann eine ausgesprochen – inzwischen drei Jahre andauernde – fruchtbare Zusammenarbeit, in der die Klavierschule komplett „runderneuert“ wurde, weil die gesammelten Erfahrungen aus dem praktischen Unterricht vollständig einzuarbeiten waren.
Das Bach’sche Menuett ist verklungen. Es gehört zum Repertoire, war quasi das „warm-up“ für die bevorstehenden 45 Unterrichtsminuten. Vier neue Takte sind zu erlernen. Zunächst die rechte Hand. Cassie legt sich den dicken Schülerband auf den Schoß. Die Fingerspitzen der linken Hand fahren leicht über das das Papier. Welche Bilder mögen in ihrem Kopf entstehen? Sie hat nie gesehen, wie eine Note aussieht oder Notenlinien. Dann noch einmal – schon etwas flüssiger – und beim dritten Mal orientiert sich die rechte Hand in die richtige Lage – das Stück beginnt mit g‘‘ – und los geht’s: Die rechte Hand spielt die Melodie, die linke Hand liest die Noten – ups! Das war „c“ statt „cis“ – die Punkte für das Vorzeichen waren „ungetastet“ geblieben – also übersehen worden. Dreimal das Ganze – dann auswendig und dann das gleiche Spiel mit der linken Hand – dann auswendig den ersten Takt mit beiden Händen. Höchste Konzentration! Das Gehirn arbeitet zweigleisig: steuert sowohl die Finger der rechten als auch der linken Hand. Es gibt ein paar Probleme! Für Probleme ist „Pinky“ da!! „Pinky“ ist ein Stoffpinguin. „Pinky“ erklärt der Lehrerin, warum Cassie in dieser Woche nicht so viel üben konnte – die Lehrerin erklärt „Pinky“, warum diese „blöde A-Dur- Tonleiter – entgegengesetzt“ so wichtig ist.
Die Stunde neigt sich dem Ende. 35 Minuten höchster Konzentration sind vorbei. Entspannung ist angesagt. „Improvisieren“ – vierhändig – steht auf dem Plan. Jazzig fetzt es los – und hier bekommt der Ausspruch, dass man sich „blind versteht“, eine völlig neue Dimension!
Als ich den Unterricht verlasse, bin ich tief beeindruckt: von der Leistungsfähigkeit eines blinden Mädchens und der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns!

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