Mit Musik zusammen wachsen

50 Jahre Bundesakademie Trossingen: ein Gespräch mit Anja Schlenker-Rapke


(nmz) -
Anja Schlenker-Rapke ist Vorstandsmitglied der Bundesakademie Trossingen und Mitglied im DTKV Baden-Württemberg.
Ein Artikel von Stephanie Schiller

neue musikzeitung: Prof. Peter Vierneisel wurde 2021 als Nachfolger von René Schuh zum Direktor der Bundesakademie Trossingen gewählt. Er hat sein Amt am 1. Oktober 2021 angetreten. Was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem verändert?
Anja Schlenker-Rapke: René Schuh, der die Bundesakademie von 2006 bis 2021 geleitet hat, hat bahnbrechende Entwicklungen vorangebracht, was die bauliche Seite des Hauses anbelangt. Von ihm wurde von 2010 bis 2015 die Akademie generalsaniert und ein akustisch differenziertes Raumkonzept für die Seminarräume entwickelt. Die Zimmer wurden topmodernisiert und das Haus um einen 370 Quadratmeter großen Proben- und Konzertsaal erweitert – und dies alles während des laufenden Lehrgangsbetriebs. Damit hat er die Voraussetzungen geschaffen, die sein Nachfolger jetzt zugute kommen. Mit Prof. Peter Vierneisel wurde dann ein Nachfolger ausgewählt, der als Musikpädagoge und Dirigent sowohl eine künstlerisch-pädagogische Ausrichtung hat, als auch einen Master of Business Administration mit dem Schwerpunkt Organisationsentwicklung. Mit ihm an der Spitze ist das Haus im Moment bestens aufgestellt, um der hohen dynamischen Entwicklung in der Gesellschaft gerecht zu werden. Unsere Zeit ist ja wie selten im Umbruch. Corona-Folgen oder der Krieg – da ändert sich natürlich auch der Bedarf an Weiterbildungen. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass nicht mehr alles so läuft wie vorher. Von Vorteil für uns ist, dass Prof. Vierneisel aus den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf allen Ebenen ein Team formt. Er ist ein großer Teambilder, der in den Menschen immer die individuellen Fähigkeiten sieht und sie so einsetzt, wie  sie am besten wirken können.
nmz: Der DTKV ist einer der zahlreichen Mitgliedsverbände der Bundesakademie Trossingen – was bedeutet das konkret?
Schlenker-Rapke: Die Bundesakademie hat 36 Mitgliedsverbände. Davon ist der DTKV als größter deutscher Verband für alle Musikberufe ein sehr wichtiger. Die Bundesakademie ist der wichtigste Weiterbildungspartner für den DTKV. Die wiederum nutzen das Haus auch, um interne Fortbildungen und Meisterkurse zu veranstalten. 2018 zum Beispiel fand hier auch die DTKV-Bundesdelegiertenversammlung statt.
nmz: Sie sind Mitglied im Vorstand der Akademie. Was sind Ihre Aufgaben? Inwieweit vertreten Sie in dieser Arbeit den DTKV bzw. die Interessen des DTKV?
Schlenker-Rapke: Als Vorstandsmitglied der Akademie vertrete ich weniger die Interessen des Verbandes – etwa unser Kernthema Existenzsicherung für Musikerinnen, das ist ja auch mein großes Thema – vielmehr ist meine Funktion in diesem Gremium die eines Bindegliedes zwischen der Akademieleitung und allen Mitgliedsverbänden. Vorrangig geht es um die Eruierung des Bedarfs an Weiterbildung, die etwa in unserem Verband, dem DTKV, viele musikalische Berufsbilder abdecken muss. Diesen Bedarf übermittele ich an die Akademieleitung. Daraus ergeben sich dann Ideen für das Seminarangebot der Akademie, das aber in oberster Priorität dem Kinder- und Jugendplan des Bundes untergeordnet ist. Wir können also kein Wunschkonzert veranstalten. Das liegt daran, dass wir ein institutionell gefördertes Haus sind, in dem hauptsächlich Multiplikator*innen  ausgebildet werden, die in  Musikschule, Schule, Kindergarten oder Verein tätig sind.
nmz: Im Juni wird die Akademie 50 Jahre alt. Seit 1972 sieht sie es als ihre Aufgabe, sich der Weiterbildung in der musikalischen Jugendbildung zu widmen. Nun sind die letzten 50 Jahre auch an der musikalischen Bildung – methodisch wie medial – nicht spurlos vorübergegangen. Wie wirkt sich das auf die Arbeit, das Angebot und die Aktivitäten der Akademie aus? Und wie fing alles an?
Schlenker-Rapke: Lassen Sie mich mit der letzten Frage beginnen, wie alles anfing. Die Bundesakademie wurde 1972 gegründet. Gründungsdirektor war Prof. Dr. Walter Berg, der sich sehr für die Amateurmusik, insbesondere für das Blasmusikorchesterwesen einsetzte und das Haus entsprechend als Aus- und Fortbildungszentrum für die Amateurmusik konzipierte. Im Lauf der Jahre hat sich aber durch die enormen gesellschaftlichen Prozesse der Bedarf entscheidend erweitert. Themen wie Integration, Diversität oder Inklusion sind mittlerweile hochrelevant. Neue Medien kommen dazu, was während der Corona-Pandemie etwa dazu führte, dass neue Onlineformate entwickelt wurden, aber auch Seminare zum Umgang mit Notationssoftware, zum Einsatz von Musik-Apps im Unterricht. Wir sind da immer am Puls der Zeit. Diese Zeitgemäßheit war schon bei Herrn Schuh wichtig und ist durch Herrn Vierneisel noch einmal stärker ausgeprägt worden in Richtung tragfähige Strategie für die Zukunft. Aber auch hier gilt, bei allen Angeboten im Profi- und Amateurbereich: es geht um Persönlichkeitsbildung, basierend auf der Bildung für Kinder und Jugendliche. Die Kinder und Jugendlichen sind das Zentrum unserer Gesellschaft, und von ihnen ausgehend gilt es, die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.
nmz: Das Jubiläumsjahr steht auch unter den Vorzeichen des Krieges gegen die Ukraine. Das Motto „Mit Musik zusammen wachsen“ steht auch einem Aufruf voran, in dem die Akademie Musikangebote veröffentlicht, die sich Geflüchteten öffnen. Was bedeuten Ihnen Aktionen wie diese?
Schlenker-Rapke: Es gibt in der Tat Initiativen zum Thema Ukraine. Das ist zum einen die Aktion Netzwerkhilfe in Musikvereinen, Orchester und Chor: »Geflüchtete sind bei uns willkommen«, das finden Sie auf der Startseite der Webseite der Bundesakademie. Wenn man da draufklickt, gelangt man zu dieser Netzwerkkarte, auf der man sich als Verein oder Institution eintragen kann. Mit Freude nehmen wir zur Kenntnis, dass sich die Karte bundesweit zunehmend füllt. Das ist eine tolle Sache. Ich leite ja einen Philharmonischen Chor in Baden-Baden. Wir sind auch sofort Mitglied der Aktion geworden, das war ganz im Sinn unserer Chorsängerinnen und Chorsänger.
nmz: Wie erfahren Geflüchtete aus der Urkraine von diesem Angebot?
Schlenker-Rapke: Wenn ich mich als Verein entscheide, Mitglied der Initiative zu werden, dann tue ich das vor Ort natürlich kund an den entsprechenden Stellen. Vor Ort wird alles koordiniert, das haben wir in Baden-Baden auch so gemacht. Es gibt dort eine Anlaufstelle, sowie eine Facebook-Gruppe. Wenn jemand Interesse hat, sich dem Chor anzuschließen oder wenn es irgendetwas gibt, was wir für die Menschen tun können, also auch mit der Vermittlung von Unterkünften zum Beispiel, dann helfen wir. So funktioniert das in ganz Deutschland.
nmz: Das heißt, zunächst ist es kein vorrangig musikalisches Angebot, sondern eine grundlegende Hilfe im Alltag?
Schlenker-Rapke: Beides! Erst einmal geht es um das Grundlegende, und wenn jemand Lust hat, Musik zu machen und in den Verein zu gehen, ist er dort willkommen. Und die Akademie unterstützt die Vereine dabei: Wenn es zum Beispiel darum geht, Kinder in ein Jugendblasorchester zu integrieren, auch wenn sie kein Instrument spielen – dafür gibt es jetzt im Juni ein Seminar in Trossingen. »Integration von Geflüchteten in Musikverein, Orchester, Chor« findet vom 16. bis 19. Juni mit hochkarätigen Dozent*innen aus Deutschland und Österreich statt. Und Prof. Vierneisel wird selbst als Dozent auch dabei sein. Dann öffnen wir die Familienmusikwoche im Sommer für Geflüchtete aus der Ukraine. Diese Familienmusikwoche, die eigentlich dazu dient, Familien zum Musizieren zu animieren und anzuleiten, ihnen praktische Tipps zu geben, ohne dass die Familie gleich ein Instrument lernen muss, wie kann man zusammen singen – das wird jetzt eben auch ukrainischen Familien geöffnet.
nmz: Trossingen ist nicht nur ein Ort der Weiterbildung für Musikpä­da­gog*innen, sondern umfasst vieles mehr, etwa die Datenbank Neue Musik oder das Bundes-Bigband-Archiv. Könnten Sie uns die Welt der Akademie einmal (kurz) beschreiben?
Schlenker-Rapke: Die Welt der Akademie – ja, die ist sehr bunt und vielfältig. Die Akademie umfasst ja neben Seminarräumen in allen möglichen Größen und dem neuen Konzertsaal auch ein hochwertiges digitales Tonstudio für professionelle Aufnahmen, das ist noch gar nicht so bekannt, obwohl es schon unter Herrn Schuh ins Leben gerufen wurde. Dann gibt es eine umfangreiche Bibliothek, die allen Seminarteilnehmer*innen zur Verfügung steht, die dort Material finden für ihre Interessensgebiete. Sie steht aber auch allen Interessierten von außerhalb offen, man kann sich hier anmelden und zu bestimmten Themen recherchieren. Die Datenbank Neue Musik wird stetig aktualisiert und stellt etwa für den Bundeswettbewerb Jugend musiziert bei Werken aus der Kategorie Neue Musik das für die Jury notwendige Notenmaterial zur Verfügung. Ich denke, auch dieses Angebot ist vielen noch nicht präsent. Es gibt einen Online-Katalog, in dem man sich von überall her aus Deutschland über den Präsenzbestand und die Archive vorab informieren kann. Es ist eine Präsenzbibliothek, das heißt, man kann ausleihen, muss aber vor Ort lesen. In der Akademie in Trossingen sind alle Menschen gut aufgehoben, die sich im Profi- und im Amateurbereich mit der musikalischen Bildung von Kindern und Jugendlichen befassen, und die auf diesem Gebiet neue Impulse suchen.
nmz: Von wo reisen diejenigen an, die das Angebot der Akademie annehmen?
Schlenker-Rapke: Das Angebot des Hauses deckt natürlich ein großes bundesweites Interesse ab. Gerade der B-Lehrgang im Blasorchesterwesen, den gibt es nicht so häufig. Das Angebot in Trossingen stellt eine gute Ergänzung zu den Angeboten der Landesakademien dar.
nmz: Gibt es eine Zusammenarbeit  mit anderen Akademien – etwa der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel?
Schlenker-Rapke: Eine Zusammenarbeit findet natürlich bundesweit mit allen Hochschulen und Akademien statt, da gibt es immer einen Austausch, auch zum Beispiel im Verband der Bundes- und Landesmusikakademien, wo sich die Akademieleiter treffen. Trossingen ist allerdings das einzige institutionell geförderte Haus in Deutschland, das sich explizit und ausschließlich der musikalischen Bildung widmet. Es gibt daneben noch die Akademie der kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid. Deren Portfolio umfasst dann aber auch Angebote aus anderen Sparten, also Theater, Architektur, Kunst. Da ist Musik ein Teil der kulturellen Bildung, aber nicht das Einzige. Deshalb hat Trossingen hier ein Alleinstellungsmerkmal.
nmz: Welche Ziele hat sich die Akademie Trossingen für die nächsten 50 Jahre gesetzt?
Schlenker-Rapke: Die Bildung von Kindern und Jugendlichen als Zentrum unserer Gesellschaft ist und bleibt das übergeordnete Ziel der Bundesakademie. Natürlich bedeutet Musik Kommunikation. Musik lehrt Zuhören und ein respektvolles Miteinander, Grundlagen also des menschlichen Umgangs miteinander. Daher ist diese Einrichtung, wie ich finde, von unschätzbarem Wert für die Bundesrepublik Deutschland und das Land Baden-Württemberg. Gerade in diesen unsicheren, von Pandemie, Krieg, Klimawandel und globalen Krisen geprägten Zeiten ist die Akademie in dieser Hinsicht so wichtig wie noch nie. Einfach, weil Musik Kommunikation ist. Und das ist auch das Ziel für die nächsten 50 Jahre. Die Bereitschaft junger Menschen, Musik zu machen, ist nach wie vor ungebrochen. Man sieht das allein am Wettbewerb Jugend musiziert, der nach wie vor gefragt ist. Aber man sieht es auch an den Jugendchören und Orchestern. Nach der Pandemie scheint es sogar so zu sein, dass noch mehr von ihnen sich danach sehnen, live und miteinander Musik zu machen. Wir bilden die Kinder und Jugendlichen über die Multiplikatoren musikalisch weiter und schaffen dadurch eine Basis für unsere Gesellschaft. Musik bleibt gesellschaftsrelevant. Genau darin liegen die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.
nmz: Wie feiert die Akademie das Jubiläum?
Schlenker-Rapke: Wir feiern unter dem Motto „Mit Musik zusammen wachsen“. An der Vorbereitung ist das ganze Haus beteiligt. Der Festakt findet am 24. Juni statt. Nachmittags können sich dann Interessierte durch das Haus führen lassen.
Das Interview führte Stephanie Schiller

Informationen zum aktuellen Programm finden Sie auf der Internetseite der Bundesakademie Trossingen: https://www.bundesakademie-trossingen.de/weiterbildungen

Anja Schlenker-Rapke ist freiberuflich künstlerisch und pädagogisch als Sängerin und Chorleiterin tätig. Nach Studium der Musikwissenschaft in Tübingen, Gesangsstudium in Karlsruhe und Winterthur gründete sie 2012 ein eigenes Unterrichtsstudio in Baden-Baden. Seit 2015 ist sie Vorstandsmitglied des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg, derzeit stellvertretende Vorsitzende, Präsidiumsmitglied des Landesmusikrates Baden-Württemberg und Vorstandsmitglied der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen.  

 

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