Musikalische Bildung ist lebensrelevant

Hauptarbeitstagung und Bundesversammlung des VdM in Koblenz


(nmz) -
Ganz analog trafen sich Anfang Oktober zirka 200 Musikschulleiterinnen und -leiter, Lehrkräfte und Verwaltungsmitarbeiter/-innen in Koblenz zur Hauptarbeitstagung (HAT) des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM). Die Verschiebung von Mai auf Oktober hatte großen organisatorischen Aufwand bedeutet, ebenso das rigide Hygienekonzept, das die Aufteilung der Plenumsveranstaltungen auf drei große Säle erforderte und natürlich Maskenpflicht, Abstandsregeln und Desinfektion. Ganz analog also die Begegnung, digital aber war das Schwerpunktthema der Tagung, das lange vor Ausbruch der Pandemie festgelegt worden war, jetzt aber zusätzliche Aktualität gewann und den Austausch über die Erfahrungen der letzten Monate ermöglichte. In der sich anschließenden Bundesversammlung des VdM ging es um aktuelle Verbandsthemen; außerdem wurde turnusgemäß ein neuer Bundesvorstand gewählt.
Ein Artikel von vdm

Fast wie ein Mantra durchzog die gesamte Veranstaltung die Überzeugung: „Online ist kein Ersatz für Präsenzunterricht!“ Dies vorausgesetzt wurde im Lauf der zwei Tage deutlich, wie engagiert und ideenreich Musikschulen von Anfang an auf Pandemie und Lockdown reagiert, wie schnell viele Lehrkräfte sich digitale Formate unterschiedlichster Art angeeignet hatten. Deutlich wurde auch, dass eine ganze Reihe dieser Erfahrungen in ein „normales“ Leben Eingang finden werden. Andere Formate waren eher Notlösungen, um überhaupt den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu halten. „Viele fürchten den Verlust des Zaubers der Musik“, so Ulrich Rademacher, Bundesvorsitzender des VdM in seiner Begrüßung. „Andere sehen die Digitalisierung als einen faszinierenden Werkzeugkoffer, den wir selbstbestimmt dann einsetzen, wenn er neue und zusätzliche Chancen eröffnet – im Sinne von ‚vieles geht, nix muss‘, wie es mein Vorstandskollege Volker Gerland letztens so treffend formulierte. Wenn wir Digitalität gestalten, werden wir von nichts überrollt, wird uns nichts aufgedrückt.“

In ihrem informativen Eingangsvortrag zeigte Angela Schmitz-Axe vom Beratungsunternehmen Deloitte aus einer Außensicht – allerdings auch als Mutter eines Musikschulschülers –, Aspekte der Digitalisierung, auf die wir uns einstellen müssen oder dürfen. Die technologische Entwicklung werde sich exponentiell entwickeln, so Schmitz-Axe. Sie sprach über Angst, die viele Menschen dieser sie scheinbar überholenden Entwicklung entgegenbringen, aber auch über Möglichkeiten, die Musikschulen aufgreifen können. In Sachen Kommunikation, so wurde klar, hinken viele Schulen hinterher und eröffnen so Tor und Tür für kommerzielle, nicht unbedingt qualifizierte Anbieter auf dem „Markt“ der musikalischen Bildung. In der sich anschließenden Podiumsdiskussion zeigte Schmitz-Axe ihr großes Erstaunen über die teilweise dürftige Ausstattung der Musikschulen mit Hard- oder Software. Oft gibt es nicht einmal ein akzeptables WLAN. Solche Defizite waren ein Dauerthema in Koblenz. Die Forderung, dass sich an dieser Stelle etwas verändern muss, war immer wieder laut und deutlich zu hören.

Diskutiert wurde die Frage, wie Lehrkräfte mithalten können mit der rasanten digitalen Entwicklung. Regelmäßige Fortbildungen sind hier nötig. Dem werde im VdM mit einer Fortbildungsoffensive bereits seit zwei Jahren Rechnung getragen, so Friedrich-Koh Dolge, Stellvertretender Bundesvorsitzender und Leiter der Stuttgarter Musikschule. Eine Führungsaufgabe ist es, Neugier auf digitale Chancen zu leben und bei den Mitarbeiter/-innen zu wecken. Führungskräfte werden hier auch zu Lernenden. Wichtig, so Schmitz-Axe, sei außerdem eine angemessene Fehlerkultur. Der Angst vor der Unsicherheit könne man begegnen, indem man Fehler zulasse und aus ihnen lerne. 

Arbeitsgruppen und Präsentationen

Der Nachmittag des ersten Tages war der Arbeit in kleineren Gruppen gewidmet. Dabei ging es zunächst um Musik-Apps, Tutorials oder Plattformen. Unter anderem präsentierten Sven Reisch, Projektmanager am Landeszentrum „Musik – Design – Performance“ der Musikhochschule Trossingen, und Philipp Vandré, Komponist und Lehrer für Hörerziehung und Musiktheorie an der Stuttgarter Musikschule, Möglichkeiten der Nutzung digitaler Formate für einen neuartigen und kreativen Umgang mit Musik und Musikunterricht. Der Studiengang in Trossingen ermöglicht es den Studierenden, mit Klängen zu experimentieren, Musik digital zu schaffen und interdisziplinär zu arbeiten. Hier eröffnen sich auch neue Berufsperspektiven. Philipp Vandré zeigte, wie er Schülerinnen und Schüler zu eigenen digitalen Formaten animiert. Nicht nur der fast spielerische Umgang mit den neuen Medien, sondern auch eigenständiges Lernen und Arbeiten werden hier unterstützt.

Drei Arbeitsgruppen beschäftigten sich im Anschluss mit verschiedenen Aspekten der Digitalisierung: „Bedarfe, Chancen und Herausforderungen im Unterrichtskontext angesichts digitaler Veränderungen“ wurden diskutiert, ebenso das Thema „Führungsaufgaben und digitale Arbeits- und Kommunikationsformen“ sowie die Frage: „Musikschule in Zeiten von Corona – nicht mehr für alle?“. Hier wurde insbesondere deutlich, welche Grenzen die Pandemie der musikpädagogischen Arbeit gesetzt hat und immer noch setzt, insbesondere im Zusammenhang mit Großgruppen, EMP und der musikalischen Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Alle Arbeitsgruppen nutzten im Übrigen digitale Formate für die Diskussion und Ergebnissicherung: Mindmap, Mentimeter oder eine eigens geschaffene Software für eine Online-Beteiligung des Plenums.

Digitale (An)Forderungen

Der zweite Tag der HAT widmete sich einer Diskussion über „Bildungsmanagement und Transformationsprozesse“. Im Mittelpunkt standen hier die Bedarfe der Musikschulen. Im Gespräch mit Vertreter/-innen der Kommunalen Spitzenverbände (Jörg Freese für den Deutschen Landkreistag und Michaela Stoffels für den Deutschen Städtetag) artikulierten Musikschulleiter/-innen ihre Erfahrungen, Fragen und Erwartungen. Musikschulen müssten stärker in den Transformationsprozess eingebunden werden, so Dolge. Tobias Meinen, Leiter der Musikschule Lahr, erklärte, angesichts der schnellen Entwicklungen seien intuitiv einsetzbare Apps notwendig. Fortbildungen brauche man dann vor allem für die Frage, wie solche Apps im pädagogischen Kontext umzusetzen seien. Schließlich wurde auch die Frage diskutiert, ob und in welcher Form Tarifregelungen an die zunehmenden Anforderungen an Musikschullehrkräfte und -leitungen angepasst werden könnten. Sowohl Freese als auch Stoffels zeigten sich hier offen. Die Diskussion laufe, so war zu hören. Die Forderung nach besserer Bezahlung, so Stoffels, müsse an das Wachsen von Komplexität der Aufgabenbereiche gekoppelt sein. Diese aber, so ist die wohl einhellige Meinung der Betroffenen, ist in den letzten Jahren – gerade auch im Hinblick auf die Digitalisierung – bereits so stark gewachsen, dass eine Anpassung mehr als berechtigt ist.

Bundesversammlung

Angesichts des Datums dieser Bundesversammlung, dem Tag der Deutschen Einheit, verwies Rademacher in seinen Eingangsworten auf die Leis-tung der Musikschulen, die es nach der Wende schnell geschafft haben zusammenzuwachsen, und auf das „Orches­ter der deutschen Einheit“, die Deutsche Streicherphilharmonie, die drei Tage zuvor ein fulminantes Konzert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gespielt hatte. Margit Theis-Scholz, Dezernentin für Bildung und Kultur der Stadt Koblenz, erklärte in ihrer Begrüßung, Corona habe gezeigt, welchen Stellenwert kulturelle Bildung habe. Christoph Kraus, Abteilungsleiter Kultur im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, forderte eine Marketingkampagne für Kultureinrichtungen, damit das Vertrauen der Menschen zurückgewonnen werden könne. Theater und Konzertsäle gehörten aufgrund der Hygienekonzepte zu den sichersten Orten, so Kraus. Und: Musik sei weniger „systemrelevant“, eher „lebensrelevant“.

Ein weiteres Podium diskutierte über Beschäftigungsverhältnisse an Musikschulen. Hier wurde die Not deutlich: Nachwuchskräfte im Beruf des/der Musiklehrers/-lehrerin fehlen. „Wenn nicht bald etwas passiert, finden wir keine Lehrkräfte mehr“, stellt Kristin Haas, Leiterin der Musikschule Meißen, fest und moniert insbesondere die nicht angemessene Bezahlung. Wichtig seien auch Strukturveränderungen, sagt Stoffels, und Jörg Freese stellt in Frage, ob der Lehrkräftemangel tatsächlich nur an der schlechten Bezahlung liege. Beide bekräftigten aber erneut die Bereitschaft, über eine bessere Vergütung zu sprechen.

Verbandsinterna

Im verbandsinternen Teil der Versammlung wurde zunächst Robert Wagner, Leiter der Musikschule Fürth, mit der Goldenen Stimmgabel des VdM geehrt. Ulrich Rademacher in seiner Laudatio: „Robert Wagner bleibt wachsam und redet uns ins Gewissen, wenn es beispielsweise um ‚Inklusion und Corona‘ oder ‚Inklusion und Digitalisierung‘ geht. Er bleibt Wachmacher und Wachhalter.“

Berichtet wurde über verschiedene Arbeitsfelder des VdM, unter anderem die Arbeitsgruppe Digitale Chancen, über Führungsforum und Fortbildungen, über den GEMA-Gesamtvertrag und über „Musikleben 2“ im Rahmen des Programms „Kultur macht stark“.

Einstimmig angenommen wurden – nach reger Diskussion – zwei Papiere zu aktuellen Themen des VdM. Die „Koblenzer Erklärung“ fordert „Musikschulen gegen Corona-Folgen sichern – Strukturen und Zukunftsfähigkeit stärken!“. Ein Positionspapier beschäftigt sich mit der Personalentwicklung und Nachwuchsgewinnung und fordert, dem Fachkräftemangel entgegenzutreten (s. Auszüge aus beiden Papieren auf der linken Seite). Schließlich wurde der Bundesvorstand neu gewählt. Im Amt bestätigt wurden Ulrich Rademacher als Bundesvorsitzender und Friedrich-Koh Dolge als stellvertretender Bundesvorsitzender. Als weitere Vorstandsmitglieder ebenfalls wiedergewählt wurden Klaus-Dieter Anders, Volker Gerland, Sigrid Neugebauer-Schettler und Friedrun Vollmer. Neu im Vorstand ist  Ellen Valerius (Musikschule Sigmaringen). Jörg Freese, Beigeordneter des Deutschen Landkreistages, wurde von der Bundesversammlung als Vertreter der Kommunalen Spitzenverbände im Bundesvorstand bestätigt. 

Das könnte Sie auch interessieren: