Neue Ideale und Tatkraft

Die Anfänge der „Musikalischen Jugend“


(nmz) -
Mitstreiter gewinnen für eine große Idee. Mit diesem Ziel reiste Marcel Cuvelier nach Deutschland. Fünf Jahre zuvor, 1945, war er in Brüssel einer der Mitbegründer der „Fédération Internationale des Jeunesses Musicale“ (FIJM) gewesen, die sich die internationale Verständigung junger Menschen durch die Musik zum Ziel setzte. Die Idee der jungen Organisation, die Cuvelier im Sommer 1950 beim 1. Internationalen Musikstudententreffen in Bayreuth vorstellte, fand begeisterte Resonanz.
Ein Artikel von JMD

Und auch, als er den Studenten vorschlug, sie sollten auch in Deutschland eine Jeunesses Musicales-Sektion gründen und ihr Engagement damit in einen größeren, internationalen Kontext stellen, stieß er damit auf offene Ohren. Der Belgier, der zugleich Generalsekretär des Musikrats der UNESCO war, überzeugte nicht nur durch sein prominentes Amt, sondern entfachte den Funken insbesondere durch sein großes Charisma und persönliche Verbindlichkeit. So kam er nur wenige Monate später erneut nach Bayreuth, wo am 28.12.1950 Delegierte aus 20 Städten in seiner Anwesenheit die „Musikalische Jugend Deutschland e.V.“ gründeten. Am 22.3.1951 wurde die MJD offiziell ins Vereinsregister eingetragen und ebenfalls im März 1951 wurde sie auf dem IV. Weltkongress der FIJM in Lissabon als neuntes Land in die Internationale Föderation der Musikalischen Jugend aufgenommen, die heutige Jeunesses Musicales International mit Mitgliedsorganisationen in ca. 50 Ländern der Erde. Erster Veranstaltungshöhepunkt des frisch gegründeten Vereins war im August 1951 die „1. Festwoche der Musikalischen Jugend Deutschland“ und das 2. Internationale Musikstudententreffen, nun in München, mit etwa 1000 Jugendlichen aus 20 europäischen und überseeischen Ländern.

Neues Gemeinschaftsgefühl

Dass hier nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs ein Anfang im Geist der Humanität gemacht wurde und die Welt wieder offen stand, war für die junge Generation hoch attraktiv. Und insbesondere die internationale Ausrichtung erregte in der öffentlichen Wahrnehmung einiges Aufsehen. „Hierauf gestützt“, analysierte die Wochenzeitung die ZEIT in einem Artikel vom 13. September 1951, „entwickelt die … musikalische Jugendorganisation, losgelöst von allen konfessionellen und parteipolitischen Bindungen, ein neues Gemeinschaftsgefühl“, eine Solidarität, die dabei eben keineswegs unpolitisch sei. Ermutigt durch diesen gelungenen Auftakt und starken Impuls wurde der Vereinssitz 1953 von Bayreuth nach München verlegt mit Klaus Bieringer als dem ersten Generalsekretär und dem Münchner Komponisten Fritz Büchtger als 1. Vorsitzenden.

Doch mit welchem Programm sollte die MJD aktiv werden und um Mitglieder werben? In Belgien, Frankreich oder Österreich konzentrierte sich das Engagement darauf, junge Menschen zum Besuch von Konzerten zu animieren. Tatsächlich wurde die Jeunesses Musicales in diesen Ländern in der weiteren Entwicklung zu einer Konzertorganisation. Sollte das auch der Weg für Deutschland sein? „Nach vielen Diskussionen kristallisierte sich etwas anderes heraus“, so Eckart Rohlfs, Gründungsmitglied und späterer Generalsekretär (1959–1974) in einem Interview mit der neuen musikzeitung 2011. „Wir wollten junge Menschen selbst zum Musizieren bringen, wollten sie anregen zusammen zu spielen.“ Damit war eine entscheidende Weiche für ein eigenes Profil gestellt, mit dem die deutsche Sektion auch innerhalb des Weltverbands ein erstes selbstbewusstes Ausrufezeichen setzte. Auch Klaus Bernbacher, ebenfalls Mitstreiter der ersten Jahre, sagt in der Rückschau: „Das Besondere, das Deutschland hineinbrachte, war, den Nachwuchs zu fördern, was den frankophilen Ländern völlig fremd war.“ Er selbst legte als Vorsitzender von 1963 bis 1983 mit dem anspruchsvollen Aufbau der Internationalen Sommerkurse, die seit 1956 von der MJD quasi als ein drittes Semester für Musikstudierende in Weikersheim organisiert wurden, den Grundstein für die Kursarbeit der JMD.

Die Anfangsjahre waren geprägt von dem übergroßen Bedürfnis, Musik wieder frei von ideologischer Überhöhung oder Missbrauch zu erleben. „Die Menschen freuten sich über jedes Konzert in einem der Ruinensäle“, erzählt Klaus Bernbacher. Mit dem Mitgliedsausweis der JMD konnte man verbilligten Eintritt bekommen.

In großen und kleinen Städten wurden nun Gruppen ins Leben gerufen. 1955 waren es bereits 40 bundesweit, und es kamen weitere dazu. Die wenigen „Jeunessesler“ dachten groß, zu groß, um die Umsetzung ihrer Ideen flächendeckend leisten zu können. Das Vereinsmodell wurde deshalb dahingehend angepasst, dass man sich auf die Betreuung bereits bestehender Gruppierungen konzentrierte. So wurden ab 1957 Orchester und in den Anfangsjahren auch noch viele Chöre als korporative Mitglieder in die Musikalische Jugend aufgenommen.

Gründergeist allerorten

München und Regensburg – in den Unterlagen aus den 1950er-Jahren treten unter anderem diese Ortsgruppen immer wieder als besonders engagiert hervor. In der weiteren Entwicklung war Nord­rhein-Westfalen ein Zentrum der Jeunesses-Aktivitäten, wo ein reger Landesverband Schwerpunkte im Bereich Jazz und Neue Musik setzte, und unter der Ägide von Hans Josef Menke die deutsch-französischen Musikferien initiiert und die Gründung eines Landesjugendorchesters vorangebracht wurde. Viele dieser frühen Projekte markieren den Beginn bis heute prägender Linien und florierender „Geschäftsbereiche“ der JMD. An vielen beispielhaften Projekten und Initiativen der musikalischen Jugendförderung, die man heute nicht mehr unmittelbar mit der JMD in Verbindung bringt, haben „Jeunesseler“ mit ihrem Unternehmer- und Gründergeist ihren Anteil. Und heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung und mit zwar vervielfachten Ressourcen, aber schwierigeren gesellschaftlichen Bedingungen rückt auch der Wunsch nach lokalen Jeunesses-Gruppen wieder in die Diskussion des JMD-Präsidiums.

Erstes Manifest

In der Findungsphase der jungen Gründer ging es jedoch zunächst darum, den inhaltlichen Kern dessen zu formulieren, wofür sie sich einsetzen wollten. Erste Leitlinien für den jungen Verband wurden 1953 auf einer Generalversammlung in Kitzingen festgelegt. Im „Kitzinger Manifest“ bekannte sich die MJD zum „Menschen als dem Mittel- und Ausgangspunkt aller Musik“, zur „Verständigung der musikalischen Jugend aller Völker“, zur „Musik unserer Zeit“, sowie zur „Aktivität und Selbstverantwortung der musizierenden Jugend“. Benannt wurde auch die Haltung, mit der alle Initiativen ins Werk gesetzt werden sollten: „Sie (die MJD) will offen sein für alles Neue, auch dem Experiment Raum geben.“ Bis heute sind dies die Grundpfeiler für die Arbeit der Jeunesses Musicales Deutschland, die sich, freilich in angepassten Formulierungen und mit etwas veränderter Schwerpunktsetzung, auch in ihrem aktuellen Mission Statement finden. Und diese Ideale sind es, die die JMD auch 2021 für junge Menschen attraktiv macht und sie motiviert, selbst aktiv zu werden, und ihre eigenen Vorstellungen einzubringen und umzusetzen. In diesem besten Sinne ist die JMD das, was man einen „Idealverein“ nennt. Dass sie sich diesen Idealismus, auch in ihrer Funktion als Lobbyverband, erhalten hat, ist wohl die größte Leistung, die sie ihren Mitgliedern bietet. Doch damit der stolze Blick zurück in die Geschichte nicht zu kurz greift, lohnt es sich, auch in diesem Punkt genau hinzuschauen: Die Gründer der JMD, tatsächlich waren es überwiegend Studenten und nur wenige Studentinnen, waren selbstbewusst, sie vertraten streitbare Positionen, und hatten mit ihrer Mitgliederzeitung, der vom jungen Verleger Bernhard Bosse herausgegebenen „Musikalischen Jugend“, deren erste Ausgabe Ende 1951 erschien, der späteren neuen musikzeitung, ein wirkstarkes eigenes Sprachrohr. Die Anfangszeit war durchaus geprägt von einer Skepsis gegenüber dem Eintreten für Ideale, erinnerte sich Bosse später. Die Jeunessesler gaben der kritischen Auseinandersetzung den Vorzug vor der Formulierung letztgültiger Ideale. Worum es ihnen vor allem ging, war, sich nicht ausbremsen zu lassen, anzupacken, auszuprobieren, etwas ins Werk zu setzen. „Wenn es etwas gab, das wir für gut hielten, dann haben wir es eben einfach gemacht.“ 

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