Rolle des Körpers in der Lehrerausbildung

körper bewusst – Reflexionen zu Körperlichkeit und ästhetischer Erfahrung – Tagungsbericht


(nmz) -
Vom 21. bis 22.3. 2019 fand an der Universität Bielefeld eine Tagung statt, auf der nach der Rolle des Körpers in der Musik- und Kunstlehrerbildung gefragt wurde. Als Initiatorinnen zeichneten die Kunstpädagoginnen Petra Kathke (Bielefeld) und Christina Griebel (Karlsruhe) sowie die Musikpädagogin Constanze Rora (Leipzig) verantwortlich. Unsere Tagung hatte das Ziel, Ansätze und Konzepte in der Kunst- und Musiklehrerbildung zu thematisieren, die den Körper als Bezugspunkt ästhetischer Erfahrungsprozesse fokussieren. Dass auf einer Tagung beide künstlerischen Lehramtsfächer vorkommen, obgleich doch auf den ersten Blick gerade hinsichtlich der Einbeziehung des Körpers Musik und Kunst eine hohe und voneinander abweichende Spezifik aufzuweisen scheinen, mag verwundern. Auch könnte eingewendet werden, dass die Thematisierung körperlicher Erfahrungsprozesse die Reflexion hochschulischer Lehre auf einen abwegigen Seitenpfad führt.
Ein Artikel von Constanze Rora

Beide Einwände erweisen sich im Nachhinein als unbegründet. Die intensiven Diskussionen brachten eine Vielfalt an erhellenden Bezügen zwischen den Fächern hervor, und die Thematisierung leiblicher Erfahrungen in der Lehre gab Anlass, Konstellationen des Lehrens und Lernens im ästhetischen Bereich von ihren grundlegenden Voraussetzungen her zu reflektieren.

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die in den Vorträgen verhandelten Themen und Fragestellungen gegeben werden. Die Vorträge wurden ergänzt durch drei Workshops, die von Anna Bella Eschengerd (Bielefeld) zu performativen Resonanzübungen, von Julia Rheingans (Bielefeld) zur Körperwahrnehmung durch Yoga und von Stefan Roszak (Berlin) zum Körperbezogenen Musizieren mit experimentellen Instrumenten durchgeführt wurden. Musikalisch eingeleitet wurde die Tagung mit der Performance „Begegnungen“ für Cello, Klavier und audiovisuelle Medien von Carolin und Stefan Ehring.

Den Eingangsvortrag hielt der Philosoph Matthias Vogel (Gießen). Er fragte nach der Erfahrung von Sinn in Musik und Bildender Kunst und stellte die Ges-te als vermittelndes Element heraus. Als Teil unseres kinästhetischen Wissens  trägt sie den strukturierenden Nachvollzug von Musik und Bild und ermöglicht die Erfahrung musikalischen und bildkünstlerischen Sinns.

Der Musikpädagoge Christoph Khittl (Wien) skizzierte ausgehend von Günther Anders’ Theorie der musikalischen Situation eine Perspektive der „Ent-Bildung“, deren Aufmerksamkeit auf dem kritischen Befragen scheinbar festgefügter Konstellationen und Wissensbestände liegt. Mit Blick auf den Musikunterricht als Ent-Didaktisierung  weitergeführt setzt sie den Schwerpunkt auf „Unbestimmtheitsstellen“ im pädagogischen Prozess und wendet sich gegen Überregulierung.

Sara Hornäk (Siegen) setzte sich in kunstpädagogischer Blickrichtung mit dem Phänomen von Plastizität auseinander. Sie zeigte, wie gerade die zeitgenössische Skulptur Wahrnehmungen des Tastsinns integriert und bei den Betrachtern aktualisiert. Hieraus entwickelte sie einen didaktischen Zugang, der die sinnliche Erfahrung mit verform-baren Materialien in den Mittelpunkt stellt.

Der Instrumentalpädagoge Wolfgang Lessing (Dresden/Freiburg) problematisierte in seinem Beitrag anhand eines Beispiels die Differenz zwischen dem Bedürfnis von Kindern, ein Musikinstrument als Teil körperbetonter, performativer Selbstdarstellung spontan anzueignen und den Anforderungen eines geregelten Lehr-Lern-Settings. Als Leitbild für eine Herangehensweise, die den spontanen Zugriff des Lernenden einbeziehen will, verwies Lessing auf das „Navigieren“ des beobachteten Schülers, der auf die Affordanz der Gitarre reagiert und Spielmöglichkeiten durch ein „Reagieren im Fluss“ erkundet. Dieses Bild entzieht sich allerdings dem direkten didaktischen Zugriff und erinnert daran, dass Lehrende sich offenhalten müssen für die Zufälle des Augenblicks.

Notburga Karl (Bamberg) hatte ihre Studenten in einem Projekt angeregt, sich zeichnerisch mit einer Arbeit der Performance-Künstlerin Joan Jonas auseinanderzusetzen. In ihrem Beitrag spürte sie der Ebene des körperlichen Verstehens im Prozess der zeichnerischen Aneignung nach.

Der Fotograf Pietro Pellini (Karlsruhe) stellte aus dem von ihm aufgebauten internationalen Fotoarchiv zur Performance-Kunst seine Fotodokumentation einer Reihe von Performances des Künstlers Gustav Kluge vor und thematisierte dabei das Phänomen der Präsenz physisch abwesender Personen in Objekten.

Christina Griebel (Karlsruhe) wandte sich anlässlich eines Projekts mit ihren Studierenden und obdachlosen Frauen der Frage nach dem unbestimmbaren Moment zwischen Passivität und Aktivität zu. Dieser Punkt wurde bei dem Experimentieren mit dem Mittel der Doppelbelichtung zum Thema, da durch diese beim Fotografieren eine Unterbrechung entsteht, in der Fotografierte und Fotografierende gleichermaßen weniger handeln als zum Teil eines Geschehens werden.

Performance als Situation der Sinnverschiebung bildete den Bezugspunkt von Marie-Luise Lange (Dresden). In der Performance rückt der Körper in den Vordergrund, wobei zutage tritt, dass dieser nie ganz zum Material werden kann. Diese Erfahrung vermittelt sich den Studierenden in den von Marie-Luise Lange angeregten Projekten auf deutliche Weise, indem sie die Herausforderungen der Performance-Gestaltung annehmen und ihre Körper jenseits alltäglicher Routinen in ungewohnten Konstellationen bewegen und ausstellen.

Um die Herausforderung ungewohnter, den alltäglichen Habitus überschreitende Bewegungen ging es auch in dem Beitrag der Sportwissenschaftlerin Uta Czyrnick-Leber (Bielefeld), die in ihrem Vortrag Fremdheitserfahrungen  von Sportstudierenden thematisiert, die mit tänzerischen Gestaltungsaufgaben konfrontiert werden. Von Bedeutung sind hier genderspezifische Zuschreibungen und Selbstbilder, die in der Auseinandersetzung mit einer von den Studierenden als weiblich konnotierten Bewegungsform explizit und problematisch werden.

In anderer Weise aber gleichfalls sehr nahe an der körperlichen Bewegung war Petra Kathke (Bielefeld) in ihrer Bezugnahme auf ein studentisches Projekt, bei dem es um die Erforschung und grafische Aufzeichnung von Handbewegungen ging, die Kinder beim bildkünstlerischen Gestalten ausführen. Mit dem Fokussieren der Handbewegungen wird eine Dynamik der tätigen Hände auf dem Arbeitstisch sichtbar, die eine Verbindung zwischen Bewegung und Denken als Form „leiblicher Teilhabe“ zur Anschauung bringt. Bewegung ist zentrales Thema im Fach Rhythmik, das Lehramtsstudierende der UdK Berlin  im Rahmen ihre Profilbildung belegen können. Die Rhythmikerin Dorothea Weise (Berlin) zeichnete in ihrem Beitrag die historische Entwicklung des Faches nach und erläuterte den engen Zusammenhang zwischen Bewegung, Wahrnehmung und Handlung als mentale und körperliche Dimensionen unseres Erlebens.

Auch in dem Beitrag von Constanze Rora, der das Unterrichtsfach Chordirigieren für Lehramtsstudierende in den Fokus rückte, ging es um den Zusammenhang von Musik und Bewegung. Als Form des Zeigens ist das Dirigieren in die Dynamik der ‚deiktischen Differenz‘ zwischen Zeigen und Sich-Zeigen eingebunden, woraus sich für die Lehre die Forderung ergibt, das Ineinander von dirigentischer Geste und klanglicher Umsetzung zu fokussieren.

Der Beitrag des Künstlers Wolfgang Sautermeister (Mannheim) verließ die Ebene wissenschaftlicher Vorträge zugunsten einer Performance, in der Sautermeister gehend, sprechend und Bilder präsentierend ein facettenreiches Feld an Assoziationen zum Thema „Was den Körper angeht/Mit Haut und Haar“ öffnete.

Lutz Schäfers Vortrag im Anschluss fragte nach der inneren Bedeutung, die das Gehen im Prozess der Bildgestaltung – um räumlichen Abstand von der Staffelei herzustellen oder um Materialien heranzuholen – für den Schaffensprozess hat. Unterstützt es die Entwicklung der gestalterischen Absicht oder dient es der Herstellung eines Rhythmus’ zwischen Konzentration und Zerstreuung?  

Der Musikpädagoge und -vermittler Johannes Voit erläuterte die Reflexion körperlicher Dimensionen von Musik in historischer Perspektive und unter Bezugnahme auf die Gegenübersetzung von Zeit und Raum. Mit einer den Gesamtzusammenhang der Beiträge reflektierenden Diskussion endete die zweitägige Tagung. 

  • Eine Veröffentlichung der Tagungsbeiträge in der Zeitschrift für Ästhetische Bildung (www.zaeb.net) ist geplant.

Das könnte Sie auch interessieren: