„The School I’d Like“

Musikunterricht und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen


(nmz) -
Von 15. bis 18. Mai 2019 trafen sich im schwedischen Malmö Musikpädagoginnen und -pädagogen aus ganz Europa zur 27. Konferenz der European Association for Music in Schools (EAS).
Ein Artikel von Gabriele Puffer

Dieses internationale musikpädagogische Netzwerk bringt seit mehreren Jahrzehnten Lehrkräfte, Studierende, Künstlerinnen und Künstler sowie Akteurinnen und Akteure aus Lehrerbildung, Wissenschaft und Politik zusammen. Die Mitglieder der EAS tauschen regelmäßig Wissen und Erfahrungen aus ihren verschiedenen Berufsfeldern und Ländern aus und denken gemeinsam darüber nach, wie man aktuellen Herausforderungen an schulischen Musikunterricht am besten begegnen könnte. Allen gemeinsam ist der Einsatz für eine qualitativ hochwertige musikalische Ausbildung, die allen Menschen offen stehen soll – nicht nur einer privilegierten Minderheit.

Die diesjährige Konferenz stand unter dem Thema „The School I’d Like. Music Education Meeting The Needs Of The Children And Young People Of Today.“ Anlass dazu waren übereinstimmende und seit zweieinhalb Jahrzehnten weitgehend stabile Befunde aus Forschungsprojekten zu Stellenwert und  Akzeptanz schulischen Musikunterrichts: Schülerinnen und Schüler in ganz Europa sind gegenüber schulischem Musikunterricht überwiegend skeptisch bis negativ eingestellt. Lehrkräfte versuchen normalweise, dieser Problematik zu begegnen, indem sie nach Möglichkeiten suchen, Lehrplananforderungen unter einen Hut zu bringen mit den musikalischen Vorlieben, Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen, die sie bei ihren Schülerinnen und Schülern vermuten. Erklärtes Ziel der EAS-Konferenz war es nun,  die Perspektiven der Lernenden in den Mittelpunkt zu rücken und deren Wünsche an und Vorstellungen von „gutem“ Musikunterricht genauer zu erkunden. Kinder und Jugendliche in ganz Europa wurden auf verschiedene Weise direkt nach ihren Ideen, Wünschen und Vorschlägen zum Musikunterricht in der Schule gefragt. Im Vorfeld der Konferenz besuchten Vertreterinnen und Vertreter der EAS in ihren jeweiligen Ländern jeweils mehrere Schulen und kamen dort mit Jugendlichen ins Gespräch. Zudem erging die Aufforderung an Musiklehrkräfte, Forschende, Studierende und andere Akteurinnen und Akteure, die täglich an Schulen musikalisch arbeiten, Ansichten, Reflexionen, Erfahrungen, Wünsche und Visionen „ihrer“ Schülerinnen und Schüler zu sammeln und auf einer Internetplattform einzureichen. Eingesandt werden konnten Videos, Bilder, Fotos, Gedichte, Zeichnungen, Architekturpläne, Collagen, Essays, Songs usw.

Die Ergebnisse dieser „Sammelaktionen“ wurden während der Konferenz in verschiedener Weise präsentiert: Kinder und Jugendliche trugen ihre Statements persönlich vor und nahmen an Diskussionsrunden teil. Andere Beiträge wurden als Poster und Collagen ausgestellt, in kurzen Video­sequenzen präsentiert oder als Lied vorgetragen. Deutlich wurde dabei unter anderem, in welch hohem Ausmaß sich junge Menschen in ganz Europa für Musik interessieren und aktiv mit Musik beschäftigen möchten – bevorzugt gemeinsam mit anderen. In vielfacher Variation vorgetragen wurden insbesondere Wünsche nach mehr Autonomie, beispielweise in Form freier Instrumentenwahl, nach einem respektvollen wechselseitigen Umgang miteinander und einer entsprechenden Feedback-Kultur, und nach mehr Zeit zum Üben sowie für das Erkunden neuer Möglichkeiten.

Aus der Perspektive der Erwachsenen nahmen Themen wie Lernmotivation und musikalische Entwicklung breiten Raum ein. So wurde unter anderem deutlich, wie wichtig die Fähigkeit, sich selbst möglichst konkret als erfolgreichen Musiker oder erfolgreiche Musikerin zu imaginieren, für eine gelingende künstlerisch-musikalische Biografie ist – gepaart mit dem Wunsch und der Zuversicht, dieses Ziel auch zu erreichen. Musiklehrkräfte können musikalisches Lernen am besten fördern, indem sie Lernumgebungen schaffen, in denen Kinder und Jugendliche einerseits sozial gut eingebettet sind und andererseits über Autonomie und Entscheidungsspielräume verfügen. Dabei ist wertschätzendes und punktgenaues Feedback unverzichtbar, das es den Lernenden ermöglicht, sich als kompetent zu erleben und eigene Lernfortschritte ebenso wahrzunehmen wie noch bestehende Defizite. Eindrucksvoll illustriert wurde dies anhand der musikalischen Biografie der tschechisch-finnischen Singer-Songwriterin Lucie Niemelä. In Worten und Liedern machte sie deutlich, wie wichtig es für eine Jugendliche sein kann, von den Erwachsenen in ihrer Umgebung nicht nur in organisatorischer Hinsicht gefördert zu sein. Von Eltern und Lehrkräften „gehört“ und ernst genommen zu werden mit ihren persönlichen Bedürfnissen und Lernwünschen, und als Konsequenz aktive, punktgenaue fachliche Unterstützung zu bekommen: diese Möglichkeit sollte auch Kindern und Jugendlichen aus eher „musikfernen“ Elternhäusern offen stehen.  
Einen inhaltlichen Strang der Konferenz bildeten folglich Überlegungen dazu, welche Möglichkeiten sich Lehrenden an Schulen und Hochschulen bieten, individuelle Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler wahrzunehmen und zur Grundlage ihrer Unterrichtsarbeit zu machen. Diskutiert wurden diagnostische Herangehensweisen ebenso wie verschiedene Ansätze zu adaptivem Unterrichten im Einzel- und Klassenunterricht. Auch die Frage nach unterstützenden Angeboten in diesem Bereich für Lehrkräfte im beruflichen Alltag, in Aus- und Fortbildung wurde thematisiert. Praxisworkshops zum Singen und Musizieren mit Schulklassen sowie zum produktiven Umgang mit neuen Technologien im Musikunterricht ergänzten das Tagungsprogramm. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete dabei der Bereich „Musik erfinden/ Kreative Zugänge zu Musik“.

Die Stadt Malmö erwies sich in vieler Hinsicht als ein besonders gut geeigneter Tagungsort: Sie wächst rasch, mehr als 50% der gut 310.000 Bürgerinnen und Bürger haben einen Migrationshintergrund. Fast die Hälfte der Stadtbevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Die Stadtführung unternimmt zahlreiche und offensichtlich erfolgreiche Anstrengungen, um den daraus resultierenden Herausforderungen gerecht zu werden – auch und gerade im Bereich der Bildung. Für „Kultur und Freizeit“ gibt es eine eigene Bürgermeisterin. Ausgaben in diesem Bereich haben hohe Priorität, sie werden als wichtige Investitionen in die Zukunft und in ein friedliches Zusammenleben verstanden. Unmittelbar wahrnehmbar wurden Erfolge dieses Ansatzes für die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer unter anderem bei einem Konzert, in dessen Rahmen Kinder aus dem Malmöer „El Sistema“-Projekt beeindruckend und musikalisch ansprechend gemeinsam mit dem Symphonieorchester der Musikhochschule Malmö musizierten. Besuche in verschiedenen Schulen Malmös boten Gelegenheit, verschiedene Varianten von Musikunterricht vor Ort kennen zu lernen; das Spektrum reichte von der Unterrichtshospitation in einer Grundschule bis zur Führung durch ein Gymnasium mit Ausbildungsschwerpunkt auf Rock-/Pop-Musik.
Die nächste EAS-Konferenz wird von 10. bis 13. Juni 2020 in Padua stattfinden. Informationen zur Organisation, ihren Aktivitäten und Beitrittsmöglichkeiten sind zu finden unter https://eas-music.org.  
  

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