Ungeahnte Konzentration und Disziplin

Spektakuläres neues Projekt: Straßenchor Berlin


(nmz) -
In der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche erklingen seit dem Herbst 2009 außergewöhnliche Klänge – es sind junge und alte, rauhe und noch gebrochene, unsichere, zu laute und zu verhaltene Stimmen von ungeübten Chorsängern unter der Leitung eines engagierten Profis.
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler

Normalerweise ist dies in der Laienchorszene nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht dieses unkonventionelle Projekt, initiiert durch die Ufa Entertainment Filmgesellschaft, die die Geschichte eines Straßenchores von der Gründung bis zum ersten Konzert dokumentieren wollte. Eine ähnliche Projektaufzeichnung gab es bereits vor Jahren erfolgreich in Australien, dort wurde ein Gefängnischor gegründet und dessen Fortbestehen begleitet.

Stefan Schmidt, der Berliner Tonkünstler und Pianist, sagte spontan zu, das Abenteuer zu wagen. Und so begann er im September 2009 in den Berliner Bezirken und Szenen, wo sich Obdachlose aufhalten, nach Sängerinnen und Sängern zu suchen.

Mit großer Skepsis wurde sein Vorhaben von Drogenberatern und Suppenküchenleitern begleitet, doch schon nach kürzester Zeit war eine ausreichende Schar von sangeslustigen Chorsängern gefunden. Eine kuriose Gruppe hatte sich gebildet – von Obdachlosen, Alkoholikern, Drogenabhängigen und Prostituierten, daneben einige langzeitarbeitslose und behinderte Menschen: Der Aufbau des Straßenchores konnte beginnen.  Das vorgesehene Ziel – ein Weihnachtskonzert in der UdK-Berlin.

Juliane Inozemtsev hatte die Chorarbeit einige Tage für die Berliner Zeitung begleitet und Stefan Schmidt interviewt: „Die ersten Chorproben im September waren chaotisch – ich habe mehr als einmal gedacht, was mache ich hier eigentlich? Das kann doch nichts werden …“, erzählt Stefan Schmidt.

Ständig sei jemand aus dem Saal gerannt, um zu rauchen oder um sich abzureagieren, erinnert er sich: „Viele hatten große Mühe, sich länger als zehn Minuten zu konzentrieren, manche waren angetrunken, wieder andere wollten alles hinschmeißen, weil sie die englischen Liedtexte nicht gleich verstanden, oder weil sie mit den Emotionen nicht umgehen konnten, die die Musik in ihnen hervorrief. Ich habe früh gemerkt, dass ich allein nicht die Kraft hätte, den Chor zusammenzuhalten.“

Schmidt, der als erfolgreicher Pianist gewohnt ist, mit Disziplin und Ausdauer zu arbeiten, der in der Staatsoper unter den Linden auftritt und Konzerte in Rio de Janeiro oder Madrid gibt, sah sich hier mit einer völlig anderen Welt konfrontiert.

Er beschloss, intensiv weiterzuarbeiten, sich jedoch Hilfe zu holen – seitdem wird er unterstützt durch Ricarda Ulm, der Stimmbildnerin (die sonst mit Profis wie Yvonne Catterfield zusammenarbeitet), von der Sozialarbeiterin Asgard Niemeier (die Erfahrung mit Wohnungslosen hat) sowie von fünf Mitgliedern seines Kammerchores.

Der wichtigste Schritt zur gemeinsamen, erfolgreichen Arbeit war die Aufstellung von „goldenen“ Regeln zum Beispiel: Wir halten zusammen, damit wir ein Team werden – oder: Wir wollen den Chor und die Musik – Drogen, Alkohol, Missgunst und Neid bleiben draußen.

Und nun, nach dreimonatiger Arbeit mit zwei Chorproben in der Woche singt dieser Straßenchor mit Überzeugung und unglaublicher Ausstrahlung: „Wunder geschehn“ von Nena  mit den Zeilen: „Auch das Schicksal und die Angst kommt über Nacht, ich bin traurig, gerade hab ich noch gelacht …“

Allein das Auftreten der bunten Chorgruppe fasziniert, und wenn die 14-jährige Cookie gefühlvoll und mit klarer Stimme ihre Soli vorträgt, sind nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Mitsänger begeistert.

Die Arbeit mit dem Straßenchor, die lediglich durch eine Aufwandsentschädigung bezahlt wird und nach Beendigung der Fernsehdokumentation ehrenamtlich weiterläuft, ist nicht nur für die beteiligten professionellen Musiker eine neue Erfahrung. Sie beweist abermals, was Pädagogen und Kulturpolitiker nicht müde werden zu wiederholen: dass die Beschäftigung mit Musik, zumal in einer Gruppe, zu den positivsten gesellschaftlichen Ergebnissen führt. Neben dem Spaß an der Sache, der Freude am Aufbau eines Teams, dem man angehört und in dem man akzeptiert wird, steht das selbstverständliche Training von Ausdauer, Konzentration und Aufmerksamkeit.

Für viele der Straßenchorsänger eine erste Erfahrung dieser Art und damit eine Schulung für ein besseres, sinnvolleres Leben. Durch den engagierten Einsatz eines beherzten Pianisten ist für viele Menschen in Berlin ein Traum wahrgeworden – da bleibt noch zu wünschen, dass sich ein neuer Sender oder Filmemacher findet, der Interesse an diesem Projekt bekommt und es großzügig sponsert.
 

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