unüberhörbar 2019/05

Empfehlungen von Joly Braga Santos über Igor Levit zu Kurt Weill


(nmz) -
Joly Braga Santos: Symphonische Ouvertüren, Klavierkonzert. Goran Filipec, Klavier; Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Ltg.: Álvaro Cassuto. Naxos +++ Quasi morendo. Johannes Brahms, Gérard Pesson, Salvatore Sciarrino. Reto Bieri and Meta4. ECM +++ Life. Busoni, Bach, Schumann, Rzewski, Liszt, Evans. Igor Levit, Klavier. Sony +++ Kurt Weill: Mahagonny. Ein Songspiel/Chansons des Quais/Kleine Dreigroschenmusik. Ensemble Modern, HK Gruber, Ltg.; Ute Gferer, Sopran; Winnie Böwe, Sopran; amarcord. Ensemble Modern Medien
Ein Artikel von Andreas Kolb, Hanspeter Krellmann, Mátyás Kiss, Wolf Loeckle

Joly Braga Santos: Symphonische Ouvertüren, Klavierkonzert. Goran Filipec, Klavier; Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Ltg.: Álvaro Cassuto. Naxos

Wer kennt schon portugiesische Komponisten? Das könnte ein Fehler sein: Wenn nämlich eine klingende Resterampe wie diese, welche alle noch nicht eingespielten Orchesterwerke von Joly Braga Santos (1924–88) vereinigt, Stücke solch unbezweifelbarer Qualität aufbietet, wie mögen dann erst dessen symphonische Hauptwerke klingen? Die Antwort liefern die früheren, auf Marco Polo und Naxos vorgelegten Produktionen unter Stabführung von Álvaro Cassuto, die es schleunigst nachzuholen gilt. Hier jedenfalls ist das reife, aufs Wesentliche verknappte Klavierkonzert der von Prokofjew inspirierte, perkussive „Ausreißer“ unter weitgehend wohltönenden, aber nie langweiligen Einsätzern der frühen Schaffensperiode Braga Santos’. [Mátyás Kiss]

Quasi morendo. Johannes Brahms, Gérard Pesson, Salvatore Sciarrino. Reto Bieri and Meta4. ECM

Dass das Leben zuweilen anders verläuft, als der menschliche Geist es gerne hätte, bringt Vor- wie Nachteile. Im Fall Brahms gäbe es – wär’s nach ihm alleine gelaufen – eines seiner wesentlichsten Werke nicht. Das späte h-moll-Klarinettenquintett nämlich, das eher zufällig durch kommunikative zwischenmenschliche Prozesse angestoßen wurde. Nachdem Brahms als Endfünfziger eigentlich beschlossen hatte, als Komponist fertig zu sein. Hier holte er als Denker und Theoretiker und purer Musiker noch einmal zur Überhöhung seiner fortschrittlichen Variationen-in-Permanenz-Konzeption an. Endzeitlich gestimmt als Melancholie in Reinkultur. Als ein Stück Psycho­analyse in Musik. Dem exponierten finnischen Streichquartett Meta4 gelingt zusammen mit dem ebenso der Gegenwart zugewandten Schweizer Klarinettisten und Würzburger Kammermusikprofessor Reto Bieri, eingebettet in Sciarrinos „Let Me Die Before I Wake“ und Pessons „Nebenstück“ eine exemplarische Verknüpfung musikalischer Endzeitassoziationen unter dem Titel „Quasi morendo“. [Wolf Loeckle]

Life. Busoni, Bach, Schumann, Rzewski, Liszt, Evans. Igor Levit, Klavier. Sony

Die selbstportraitartige Manifestation des bewundernswerten Klavier-Künstlers Igor Levit führt, wie auf Traumspuren, in eine quasi-transfigurale Aura. Sie wird getragen durch Musik Bachs, vielfältig umgesetzt von Busoni, Brahms, Liszt (der, noch weitergehend, zu Vorlagen Meyerbeers und Wagners gegriffen hat), und Levit ergänzt seine persönliche Vortragsfolge mit klang-illuminatorischen Momenten von Rzewski und Bill Evans. Das Ergebnis: Alle Werke umschließen – illusionär – eine Mitte, die Schumanns wundersame „Geister-Variationen“ aufnimmt und mit ihnen ins Transfigurative zu entschweben scheint. Hinaus über Levits glanzvolle Darstellung der von ihm bestimmten kompositorischen Vorstellungswelten, mit denen er eines toten Freundes gedenkt, verwirklicht er eine hochkünstlerisch erblühende, nicht endende Klang-Epik. Als ein sozusagen nie endendes „Leben“ – wie Levit sein Album betitelt hat. [Hanspeter Krellmann]

Kurt Weill: Mahagonny. Ein Songspiel/Chansons des Quais/Kleine Dreigroschenmusik. Ensemble Modern, HK Gruber, Ltg.; Ute Gferer, Sopran; Winnie Böwe, Sopran; amarcord. Ensemble Modern Medien

Ganz Weill-selig und Chanson-kompetent gibt sich das Ensemble Modern unter der Leitung von HK Gruber mit einem singulären Salonorchesterprogramm. Aus der Masse an Bearbeitungen von Weills Liedschaffen ragt das Original, dargeboten von Ensemble Modern, den Sopranistinnen Ute Gferer und Winnie Böwe sowie dem Leipziger Vokalensemble amarcord, unerreicht und daher wohltuend heraus. Zwei der drei Werke sind Erst­einspielungen: Sie beruhen auf revidiertem Urtext und sind abgesegnet von der Kurt-Weill Foundation for Music. Authentischer geht‘s nicht. [Andreas Kolb]

 

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