Zwei Blicke auf ein Festival unter dem Orkan

ECLAT 2020 in Stuttgart: Tendenzen, Uraufführungen und Rituale · Von Andreas Kolb und Rainer Nonnenmann


(nmz) -
Das Festival ECLAT erinnerte dieses Jahr an „40 Jahre neue Musik in Stuttgart“. 1980 als „Tage für Neue Musik“ von Musikern der Stadt gegründet, sprach es damals Publika in ganz diversen Spielorten Stuttgarts wie dem Planetarium, der Alten Reithalle oder dem früheren Theaterhaus in Stuttgart-Wangen an. Das ECLAT-Festival selbst gab es dann seit 1998. Seine endgültige Heimat fand ECLAT 2003 im neuen Theaterhaus am Stuttgarter Pragsattel.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Rainer Nonnenmann

Wer sich mit der Jubiläumsausgabe eine sentimentale Retrospektive erhofft hatte, der wurde enttäuscht. Den beiden Leiterinnen Christine Fischer und Lydia Jeschke geht es um die Musik von heute, um die ,jetzt musik‘, wie eine Konzertreihe des SWR sinnigerweise heißt. Auch 2020 stand mit 43 Werken und 26 Uraufführungen erneut die Musik von heute im Zentrum. Turntables, Laptops, Synthesizer, Sampler, Elektronik, Lautsprecher, mikrophonierte Geräusche – die Komponistinnen und Komponisten der Jetztmusik bedienten sich dieser Palette von Klangerzeugern ebenso virtuos wie ihrer Counterparts, den Ensembles aus Fleisch und Blut. Zuerst zu nennen wäre hier das Arditti Quartett, dessen Mitglieder im gesamten Festival in und mit unterschiedlichen Formationen zu hören waren, einschließlich ihrer originalen Quartettgestalt; dann die Neuen Vocalsolisten, der SWR Chor und das SWR Symphonieorchester unter Michael Wendberg, das sich redliche Mühe gab, den musikalischen Anforderungen der Gegenwartsmusik abseits von Currentzis-Glamour und Auslandstourneen gerecht zu werden.

Mensch und Maschine

Die gegenwärtige Komponistengeneration hat sich weder vom Instrumentalisten emanzipiert, noch strebt sie ein zurück zur Akustik an. Sie bedient sich vorurteilslos aus den Angeboten moderner Klangerzeugung und bastelt virtuos Elektronik mit klanglichem Geigenspiel und maschinenhafte Perfektion mit menschlichem Ausdruck zusammen. Cyborg-Musik wäre vielleicht eine ästhetische Kategorie, unter die einige Erzeugnisse der insgesamt 26 Uraufführungen zu subsumieren wären. Paradigmatisch für die Begegnung von Mensch und Maschine in der Musik war das Synthesizer-Trio von Sebastian Berweck mit Silke Lange und Martin Lorenz. Bereits das Klavier an und für sich ist eine weit vom Körper des Interpreten losgelöste Apparatur. Dementsprechend fantastisch mutet oft die Gestik des Pianisten an, mittels der er Atem und Seele in die Mechanik hineinzwängen will. Noch stärker entsteht dieser Eindruck bei einem Synthesizer-Trio. Die Gesten der Interpreten scheinen seltsam unmotiviert, da bei der Bedienung der Keyboardtastaturen und Synthesizer-Drehknöpfe ein Ursache-/Wirkungszusammenhang nicht erkennbar ist. Davon abgesehen sind die Möglichkeiten, die ein derartiges Elektronik-Trio für den Komponisten bietet, schier unendlich. Das Berweck-Trio brachte zwei Stücke aus jüngerer Zeit von Bernhard Lang, dem Großmeister der Loops, zur Aufführung. „DW30, loops for Klaus Schulze“ ist eine Hommage an den Pionier der elektronischen Popmusik. Eindringlicher wird Lang in seiner „Cheap opera #1 ‚Repetition`“, einem gruseligen Gewaltmarsch durch die Slogans populistischer Politiker und Politikerinnen von1926 (!) bis 2018. Beklemmend, wie nahtlos Vorurteile, Hetze und Demagogie über Jahrzehnte und politisches Zeitläufte hinweg ineinander übergehen. „…where foreigners meet“ nannte Karen Power ihr Stück für drei Synthesizer, die einzige Uraufführung des Berweck Trio-Konzerts. Ihre Musik löste sich ganz von ihrer Instrumentaltechnologie und ihren Bedienern, sie atmete und gab großflächige und aufregende Musiklandschaften frei. Power schuf eine Pastorale der Elektroakustik.

Neue Partner

Einen ähnlichen musikalischen Sog erzeugt im Nachtkonzert der libanesische Künstler Raed Yassin mit seinen zwei Turntable-Tellern: Er gehört zu der bereits vor der Zeit des WWW weltweit vernetzten Improvisationsszene und hatte eine Metaimprovisation im Flight Case: Yassin improvisierte zu und mit aufgezeichneten Improvisationen von Ingrid Schmoliner, Mazen Kerbaj oder Ute Wassermann.
Das nächste Klang-Raum-Konzert für mit Ohrstöpseln ausgerüstetes Publikum gab es 24 Stunden später. Maximilian Marcoll und sein Gitarrenduo samt Synthesizerspieler und Live-Tontechniker bespielten zirka 50 hochgestapelte Marshall-Verstärker. Mit diesem Equipment hätte man herab vom Pragsattel den Stuttgarter Talkessel bedröhnen können.

Das Festival 2020 war explizit ein Festival der Kooperationen: Traditionell die Verzahnung mit SWR Chor und SWR Orchester in der SWR-Reihe „Jetzt musik“ unter Lydia Jeschkes Leitung. Neu dagegen eine Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart. Intendantin Christine Fischer hatte aus der Not des Stuttgarter Überangebots an Neuer Musik – Sergej Newskis Oper „Secondhand Zeit“ erlebte just zur Festivalzeit ihre Uraufführung – eine Tugend, besser eine Kooperation gemacht und Newski zu einem Kammermusikabend ins Theaterhaus geladen.

Ebenfalls ein Novum war die Kooperation mit dem Stuttgarter freien Theater Die Rampe. Hier brachte das Fes­tival ECLAT die finnische Performergruppe Oblivia und die Performerin Annika Tudeer mit zeitgenössischer Musik zusammen. Die chinesische Komponistin Yiran Zhao entwickelte im Team mit den Performern das Musiktheater „Verdrängen, Verdrängen, Verdrängen“ oder „ Cellars, Ghosts and the demise of Heimat“. Die minimalistische Groteske für drei Darsteller stand ganz in der Tradition der experimentellen ECLAT-Musiktheater-Inszenierungen vergangener Jahrzehnte und widmete sich exzessiv dem Verdrängten, eben dem, was auf der Bühne nicht zu sehen war. Eine theatralische Ellipse, die sich auf keine Seh- und Hörerfahrungen einließ und dennoch einen deftigen Unterhaltungswert nicht leugnen konnte.

Im vierzigsten Jahr des Festivals war noch ein weiterer 40-Jähriger zu Gast: das Ensemble Modern, das ein sensationelles Preisverleihungskonzert im Rahmen des Kompositionspreises der Stadt Stuttgart spielte. Der konnte 2020 zwar nicht mit einem runden Jubiläum aufwarten, ist aber mit seinen 64 Jahren der dienstältes­te deutsche Kompositionspreis und hat seit 1978 – also seit 42 Jahren – mit Vivienne Olive und Renate M. Birnstein erstmals – und dann immer häufiger – auch Frauen unter den Ausgezeichneten.

Um den 64. Kompositionspreis 2019 haben sich 17 Komponistinnen und 53 Komponisten mit insgesamt 124 Werken beworben. Mit den Werken „Noise is a common sound – I“ (2018) von Andreas Eduardo Frank und „Bound to the Bow“ (2016) von Ashley Fure hat die Jury 2019 unter dem Vorsitz von Mike Svoboda eine gute Wahl getroffen. Man hatte entschieden, den mit 12.000 Euro dotierten Kompositionspreis in zwei gleichen Teilen von jeweils 6.000 Euro zu vergeben und so ging der Preis 2019 an die US-amerikanische Komponistin Ashley Fure und an den deutschen Komponisten Andreas Eduardo Frank. Letzterer arbeitet in seinen Werken an der Schnittstelle zwischen real und virtuell, zwischen Musik, Performance, Video und Theater. Den nmz-Leser*innen dürfte er als Preisträger des JukeBoxx NewMusic Awards 2017 bekannt sein, den die neue musikzeitung zusammen mit der Christoph und Stephan Kaske Stiftung ins Leben gerufen hat.

Aus einem Preisverleihungsritual wurde ein abendfüllender Konzert­abend mit dem Jubilar Ensemble Modern unter der Leitung von Enno Poppe. Abendfüllend auch deshalb, weil ECLAT-Leiterin Christine Fischer den beiden Kompositionen die deutsche Erstaufführung von Zeynep Gedizlioglus Stück „Nacht“ für Ensemble vorangestellt hatte. Die Musikerinnen und Musiker des Ensemble Modern zeigten an diesem Abend ihre Kompetenz nicht nur am Instrument, sondern auch in szenischen Klangaktionen (bei Fure) oder im theatralen, trimedialen Einsatz bei Franks „Lautsprecher-Musik“. Bei Gedizlioglu mussten sie dagegen Flüstern nach Noten. Von einem Neue-Musik-Klischee konnte bei dieser Übung jedoch nicht die Rede sein, eher von einem paradigmatischen Klangmotiv des Werks. Gedizlioglu verlangte ein dramatisches, rhythmisch-drängendes, flirrendes Flüstern – gemischt mit Klangattacken der Ensemble Modern-Solisten. Gemessen am Beifall fast schon der Publikumspreis des Abends.

Andreas Kolb

Entdeckungen am Abschlusstag

Den letzten Tag von ECLAT überschatteten Warnungen vor Orkantief Sabine. Da am Abend sämtliche Fernzüge eingestellt wurden und nicht absehbar war, wann wieder welche fahren würden, reis­ten manche Festivalbesucher vorzeitig ab. Sie verpassten drei der besten Konzerte.

Zu einer Entdeckung wurde das Deutschland-Debüt des ausgezeichneten Ensemble C Barré aus Marseille. Die von Sébastien Boin geleitete Formation verfügt neben üblichen Instrumenten auch über Akkordeon, Mandoline, Theorbe, Gitarren und Cimbalom. Für die Uraufführung von Birke Bertelsmeiers „sunnūntag“ verband sich das Ensemble mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, deren dunkel raunende Gesänge wie bei einer kultischen Handlung von geriebenen Weingläsern grundiert wurden und sich zu ekstatischer Sonnenanbetung steigerten. An Programmmusik erinnerten auch Mikel Urquizas launige „Songs of Spam“ über Trump-Tweets, Phishing- und Werbe-Mails, deren dritter von vier Sätzen plötzlich eine schwungvolle Canzone mit Schlagerqualitäten präsentierte. Anna Korsun beschränkte „Vertigo“ auf leise Glissandi der Sopranistinnen in wechselseitiger Durchdringung mit gleitenden Linien von Klarinette, E-Gitarre, Singender Säge und Theremin. So entstand eine spannende Mischung aus sirenenhaften Warnsignalen und einlullenden Lockrufen.

Das Arditti Quartet konzertierte mit zwei weiteren Solisten. Der 1987 in Nürnberg geborene Andreas Eduardo Frank – neben Ashley Fure zweiter Preisträger des Stuttgarter Kompositionspreises 2019 – verband in „intruder integer“ das Streichquartett mit Pianist Sebastian Berweck an drei verschiedenen Analog-Synthesizern. Der Parallellauf beider Parts blieb jedoch weitgehend beziehungslos. Eng ins Quartett integrierte dagegen Sven-­Ingo Kochs „Amichais Trost“ den Bassklarinettisten Gareth Davis. Neben wiederkehrenden B-Dur-Dreiklängen zieht sich ein achteltöniges Viertonmotiv – Vielheit aus Einheit generierend – durch alle wahlweise polyphonen, homophonen, repetitiven und kantablen Formteile.

Ein paradoxes Material-Form-Verhältnis zeitigten Ostinato-Modelle in Silvia Borzellis „after-image“, die wie im Hamsterrad auf der Stelle traten und dennoch prozessuale Entwicklungen hervortrieben.

Sich drehender Bestand

Das Abschlusskonzert bestritt das SWR Vokalensemble unter Leitung von Peter Rundel in dramaturgisch gelungenem Wechsel mit zwei neuen Solostücken für Akkordeonist Teodoro Anzellotti. In Anna Korsuns zerbrechlichem „Hauchdünn“ schraubte sich das Balginstrument zu elektronisch sirrenden Spitzentönen hinauf. In Georges Aperghis’ „Merry go round“ nahmen karussellartige Wiederholungsmuster stets geringfügig andere Wendungen. Marina Khorkovas „Not me“ behandelte das großartige Vokal­ensemble wie einen einzigen Organismus, der atmet, flüstert, singt. Samir Odeh-Tamimis „Timna“ platzierte die dreiunddreißig Sängerinnen und Sänger dagegen blockweise als vier Chöre im Raum, die gleichmäßig pulsierende Silben eines Phantasie-Altarabisch zu einem orgiastischen Ritual steigerten.

Rainer Nonnenmann

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