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Alle Artikel kategorisiert unter »Albrecht Dümling«

Zurückschauen, um Fortschritt zu erkennen

01.10.02 (Albrecht Dümling) -

Musikzeitschriften beginnen, wie die Beispiele von Robert Schumanns „Neuer Zeitschrift für Musik“ oder Hermann Scherchens „Melos“ belegen, häufig als Idee eines einzigen Mannes, bevor sie sich auf einen größeren Kreis von Mitarbeitern ausweiten. Die „Musik-Konzepte“ starteten vor fünfundzwanzig Jahren in München als Projekt zweier Männer: Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn. Heute leben sie nicht weit entfernt von jenem Haus, in dem Walter Benjamin seine Berliner Kindheit verbrachte. Ihre im Dezember 1977 mit einem Debussy-Heft begonnene Reihe hat sich weiter entwickelt (die jüngsten Hefte widmen sich Regers Orgelwerken, Haydns Streichquartetten und der Mikrotonalität), aber immer noch ruht die Hauptlast der redaktionellen Arbeit auf ihren Schultern. Bereits im Februar 1984 erhielten sie in der Berliner Akademie der Künste dafür den Deutschen Kritikerpreis. An gleicher Stelle fand eine Matinee zum 25-jährigen Bestehen des kühnen Projekts statt, auf Initiative der Akademie, dem die Herausgeber ihr Archiv zugesagt haben.

Die Jugend Europas bringt vielfältige Musikerfahrungen ein

01.09.02 (Albrecht Dümling) -

Das Berliner Sommerfestival young. euro.classic, das nun zum dritten Mal stattfand, stellt eine überzeugende Verbindung von künstlerischer und politischer Manifestation, öffentlicher und privater Initiative dar. Bei allen 16 Konzerten, die innerhalb von 17 Tagen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu erleben waren, stimmte schon der lange blaue, gelbbesternte Teppich, auf dem das Publikum vom Schiller-Denkmal zum Eingang emporschritt, auf Europa ein. Als Hinweis auf die neue gemeinsame Währung konnte man den Eintrittspreis verstehen, der für alle Konzerte auf allen Plätzen nur 8,50 Euro betrug und so auch Erwachsene in den Genuss von Jugendpreisen kommen ließ. Jung und Alt, Deutsche und Nicht-Deutsche mischten sich problemlos, was zu der angeregten und dennoch lockeren Atmosphäre beitrug.

Wiener Schule ergänzt durch Berliner Schule

01.06.02 (Albrecht Dümling) -

Für das Weiterwirken der Lehre Arnold Schönbergs hat sich der Begriff der „Wiener Schule“ durchgesetzt, obwohl der Komponist seine Geburtsstadt höchst ambivalent betrachtete und viel längere Perioden außerhalb Österreichs, in Berlin und Los Angeles, unterrichtete. Nie stand er in höherem Ansehen als zwischen 1926 und 1933, als er als Nachfolger Ferruccio Busonis eine Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste leitete. Die Absolventen der damals renommiertesten Ausbildungsstätte für Komponisten in Deutschland und wohl auch Europa haben bislang nicht die gleiche Beachtung gefunden wie die Berliner Kompositionsschüler Busonis und Schrekers. Anlässlich von Schönbergs 50. Todestag wurde dieses Defizit in Berlin mit einer ganzen Serie von Veranstaltungen korrigiert, deren Vielfalt und Niveau gleichermaßen beeindruckte.

Klingende Bilanz

01.06.02 (Albrecht Dümling) -

Das Publikum verehrt ihn heute noch mehr als früher, in aller Welt wie in Berlin. Als Claudio Abbado dort am 26. April sein letztes Konzert als Künstlerischer Leiter der Philharmoniker dirigierte, wollten ihn die Zuhörer nicht mehr vom Podium lassen. Es gab, wie wohl noch nie in der Geschichte der Philharmonie, eine halbstündige stehende Ovation und ein Meer von Blumen. Dabei hatte sich das lange Programm, nach dem „Schicksalslied“ von Brahms und fünf Rückert-Liedern Mahlers in einem experimentellen zweiten Teil – mit der verstörenden Filmmusik zu „King Lear“ setzte sich Abbado erstmals mit Schostakowitsch auseinander – von Nostalgie entschieden entfernt. Offenbar wollte er als ein Mann des Neuen im Gedächtnis bleiben, als Mittler zwischen den Künsten, als „Wanderer“ im Sinne seines Freundes Luigi Nono.

Berlin Gastgeber europäischer Jugendorchester

01.05.02 (Albrecht Dümling) -

„Die europäischen Länder bewegen sich aufeinander zu. Sie bringen in die wachsende Gemeinsamkeit eine Vielfalt und einen Reichtum an Kultur ein, unabhängig von ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Verfassung. In der Kultur, besonders in der Musik, liegt eines der starken Potenziale für die europäische Zukunft.“ Dieses Grußwort für den Europäischen Musiksommer Berlin 2002 stammt nicht von einem Staatsmann, sondern von einem Musiker: von Maxim Vengerov. Im europäischen Einigungsprozess sind Künstler manchmal sogar die besseren Diplomaten. Der russische Stargeiger weiß, warum die deutsche Hauptstadt der geeignete Ort für ein solches Jugendorchestertreffen ist: „Die junge Generation trifft sich in Berlin, das einst ein Sinnbild für die Spaltung Europas war und heute im Brennpunkt der deutschen und europäischen Vereinigung steht.“ Der heute in Saarbrücken lehrende Vengerov wird im August mit einem Orchester gastieren, das diesen Einigungsprozess beispielhaft vorführt, spielen doch im SaarLorLux-Kammerorchester junge Musiker aus einst verfeindeten Regionen, dem Saarland, aus Lothringen sowie Luxemburg, harmonisch und produktiv zusammen.

Carnegie-Kids und virtuelle Konzertbesucher

01.09.01 (Albrecht Dümling) -

Das Berliner Konzertleben floriert trotz der Finanzkrise der Stadt. Während Daniel Barenboim (Staatskapelle) wie Christian Thielemann (Orchester der Deutschen Oper) um den so genannten „deutschen Klang“ ringt, setzen Kent Nagano (Deutsches Symphonie-Orchester) sowie Eliahu Inbal und Michael Gielen (Berliner Sinfonie-Orchester) auf Experimente. Sogar Krisen können zu ungeahnten Steigerungen führen, wie in den letzten Monaten Claudio Abbado beim Berliner Philharmonischen Orchester bewies. Der sonst so wortkarge Maestro erklärte jüngst auf einer Pressekonferenz, dass nach seiner Operation das Musizieren mit diesem Orchester für ihn die beste Medizin war. Nie zuvor habe er so viel Harmonie mit seinen Musikern gespürt. Auch Orchestervorstand Peter Riegelbauer sprach von der „wunderbaren Verbundenheit in einer großartigen“ Saison, mit Höhepunkten wie „Tristan“ in Tokio und triumphalen Beethoven-Zyklen in Rom und Wien. Leuchtende Augen auf allen Gesichtern, auch auf dem Franz Xaver Ohnesorgs, des künftigen Philharmonikerintendanten, der schon vor seinem offiziellen Amtsantritt aus New York angereist war.

Probenpech

01.09.01 (Albrecht Dümling) -

Im Vergleich zur Hochform des Mahler-Jugendorchesters, das sich im ausverkauften Konzerthaus mit nicht weniger als drei Zugaben verabschiedete, wirkte der letzte Festivalabend mit dem Jeunesses Musicales Weltorchester unter der Leitung des Kasseler Generalmusikdirektors Roberto Paternostro nicht restlos ausgefeilt. Man hatte in diesem Sommer Pech gehabt: die in Frankreich geplante Arbeitsphase musste hastig durch Probenwochen in Saarbrücken ersetzt werden.

Hat eine Nazifizierung gar nicht stattgefunden?

01.12.00 (Albrecht Dümling) -

Die NS-Politik, so konnten wir jüngst an dieser Stelle (nmz 11/00, S. 26) lesen, „lief darauf hinaus, Organisationen zu unterstützen, deren Ziele mit dem kulturpolitischem Programm übereinstimmten“. Mehr nicht? Verhielten sich die Nazis also wie fast alle Regierungen, die ihre Präferenzen durchsetzen? Aufatmen dürfen dann auch diejenigen, die die Rolle der deutschen Musikwissenschaft in diesen Jahren für problematisch hielten. Was so verwerflich schien, entpuppt sich nun als „notwendige Begleiterscheinung“ in einem überwiegend von Karriereinteressen geprägten Anpassungsprozess. Zum radikalen Bruch sei es nicht einmal 1933 gekommen. Warum also die ganze Aufregung?

Der Gestus des gegen den Strich Komponierens

01.07.00 (Albrecht Dümling) -

Die Stadt Wien, wo er als Sohn eines böhmischen k.u.k.-Offiziers aufwuchs, erschien ihm nach dem Untergang der Habsburger Monarchie als ebenso fragwürdig wie der Begriff Österreich. Als sein Kompositionslehrer Franz Schreker 1920 zum Direktor der Berliner Musikhochschule berufen wurde, folgte er ihm nur widerwillig in die deutsche Hauptstadt, die er mit preußischem Militarismus identifizierte. Wichtiger als Schreker, dessen Meisterklasse er ohne Abschluss verließ, wurden ihm in Berlin die Kontakte zu Hermann Scherchen, Artur Schnabel und vor allem zu Eduard Erdmann. Demonstrativ verhielt sich Krenek in Deutschland als Ausländer, was sich noch verstärkte, als ihn 1925 Paul Bekker als seinen Assistenten ans Staatstheater Kassel holte. Trotz aller Anregungen, die ihm das Theater brachte – er komponierte damals neben „Jonny spielt auf“ weitere Bühnenwerke – , hielt er diese Jahre rückblickend für eine schreckliche Zeit des „Exils“. Aber auch in Wien, wohin er 1928 zurückkehrte, fühlte er sich unwohl, schien ihm hier doch alles provinziell und verschlafen. In den USA sollte sich dies nicht verbessern, so dass er 1948 in seinen Memoiren resümierte: „Unglücklicherweise scheint mein Lebensmuster zu sein, dass ich die meiste Zeit an den ‚falschen’ Orten verbringen muss.“

Die Schizophrenie des Künstlers in der Nähe der Macht

01.06.00 (Albrecht Dümling) -

Statt eines Vorspiels der Vorhang mit Bildern namenloser Stalin-Opfer – durchgestrichene Gesichter, dem Vergessen anheim gegeben. Die erste Szene, überschrieben „Die Musik der Angst“, ist Motto und Exposition des Ganzen. Wir sehen den Komponisten Dmitri, der sich nach einem Herzanfall im Krankenbett krümmt, von Angstträumen zerrissen. Wo sich in Schönbergs Monodrama „Glückliche Hand“ das Untier auf die Brust des Künstlers setzt, belastet ihn hier der Gedanke an Stalin. Trotz dieses Bezugs auf Schönberg, der ebenfalls Künstler und Mensch in zwei Figuren aufspaltete, auch trotz Anspielungen auf Lombardis eigene Faust-Oper (aus der Walpurgisnacht wurde der Alptraum, aus „Mein Ruh’ ist hin“ die Zeile „Ruh’ kann ich nicht finden“) dominiert die Auseinandersetzung mit dem nur mit seinem Vornamen genannten Dmitri Schostakowitsch. Dessen Tonsignet D-S-C-H, das die Szene in Holzbläsern und tiefen Streichern durchzieht, wird zum musikalischen Symbol von Angst und Einsamkeit. Selten waren sich Schönberg und Schostakowitsch so nahe wie in dieser Einleitungsszene.

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