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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Anthropophagie?

28.11.14 (Rainer Nonnenmann) -
Nichts ist voraussetzungslos. Auch allen Veränderungen, Brüchen und Neuansätzen zum Trotz, die sich im Laufe der Geschichte ereigneten, wurde in der Musik immer wieder auf Bestehendem aufgebaut – in welcher Weise und mit welcher Absicht und Stoßrichtung auch immer. Insofern ist streng genommen alle Musik „relationale Musik“. Ausdrückliche Bezugnahmen neuer Musik auf, über, aus oder mit anderer Musik hießen bisher Bearbeitung, Zitat, Allusion, Transkription, Variation, Rekomposition, Collage, Dekonstruktion, Interpretation, Cover, Remix … Der portugiesische Schriftsteller und Künstler Pedro Neves Marques bringt nun einen weiteren alten, doch provokant neu gewendeten Begriff ins Spiel.

Das Fremde so nah

30.10.14 (Rainer Nonnenmann) -
Noch vor wenigen Generationen hatte jedes Dorf seine eigenen Lieder und Tänze. Wer damit aufwuchs, dem war diese Musik gleichbedeutend mit heimatlicher Gemeinschaft und Landschaft. Selbst die kleinste Provinz bot eine sagenhafte Fülle eigener Dialekte, Bräuche, Speisen und Musik. Und jenseits von Ort, Berg und Wald begann die Fremde mit anderen Instrumenten, Stimmen, Tönen. Wer auf Reisen ging, konnte was erleben. – Und heute?

Memento Vitae

05.10.14 (Rainer Nonnenmann) -
O Mensch, gedenke, dass du sterblich bist! – Haben wir ein solches Memento Mori nötig? Müssen wir eigens daran erinnert werden, was wir schon in den letzten Fasern unseres Geistes und Körpers verinnerlicht haben? Eben dass wir sterblich sind. Um daran zu denken, bedarf es auch nicht des medial vermittelten Sterbens in Syrien, Irak, Gaza, der Ukraine und dem großen Rest der Welt. Schließlich wurden wir gerade durch das Wissen um unsere eigene Endlichkeit einstmals überhaupt zu Menschen. Homo Sapiens aß vom Baum der Erkenntnis, trat aus dem blind wirkenden Naturzusammenhang und wurde seiner selbst gewahr. Fortan waren wir nicht mehr Teil der instinkthaft sich reproduzierenden Natur, Gattung, Sippe, sprich Fauna des Gartens Eden. Wir begriffen uns selbst als Individuum mit ebenso individuellem Schicksal – mit Geburt, Leben und Tod.

Auf dem Weg

29.08.14 (Rainer Nonnenmann) -
Zu allen Zeiten waren Musiker unterwegs, als fahrende Spielleute, reisende Virtuosen, Interpreten und Komponisten. Sie suchten neue Anstellungen oder tourten durch Stadt und Land von einem Auftritt zum nächsten. Mit den räumlichen Wanderungen von Ort zu Ort verbunden waren meist auch Begegnungen mit anderen Musikstilen und Kulturen, die auf die eigene Musik zurückwirkten. Wie mit Füßen oder Fahrzeugen waren Musiker stets auch mit Geist, Phantasie und Vorstellungskraft in Bewegung, so dass es immer wieder zu technischen und stilistischen Veränderungen kam. Von der Gregorianik bis zur Elektronischen Musik gaben diese Wandlungen der europäischen Kunstmusik ihre abenteuerliche Dynamik, die schließlich die Suche nach Anderem, Neuem, Originalem zu einem verbindlichen Gebot werden ließen.

Konzertverzehr

05.07.14 (Rainer Nonnenmann) -
Viele Komponisten, Veranstalter, Hörerinnen und Hörer hegen eine ungebrochene Faszination für den einzelnen Solisten in Gegenüberstellung zu einem Ensemble oder Orchester. Statt aufs große Ganze des kollektiven Klangapparats zu setzen, stellen sie diesem den damit wahlweise im Wechsel, Wettstreit, Dialog oder Gleichklang konzertierenden Individualisten gegenüber. Vom Barock über Klassik, Romantik und Moderne zieht sich das Komponieren von Konzerten für verschiedenste Soloinstrumente und Ensembles bis heute als roter Faden auch durch die Neue Musik. Schließlich verdanken sich viele Instrumentalkonzerte der besonderen Wertschätzung, die Komponisten bestimmten Musikern entgegenbringen. Gelegentlich arbeiten beide Seiten auch zusammen, um die Möglichkeiten der jeweiligen Instrumente und Singstimmen gemeinsam auszuloten.

Sonnengeschützes Musizieren

03.06.14 (Rainer Nonnenmann) -
Weil zwar ständig alles gleichermaßen aktuell ist, aber nicht alles gleichzeitig dieselbe Aufmerksamkeit erzielen kann, gibt es sogenannte „Aktionstage“, an denen Verbände, Politik und Medien zusammen ihr jeweiliges Thema besonders in die Öffentlichkeit tragen. Der Jahreskalender ist übersäht von solchen Thementagen. Mit an der Spitze steht der Juni, mit lediglich sieben freien Tagen, darin nur noch von Spitzenreiter Oktober mit bloß fünf themenlosen Tagen übertroffen. Die meisten Tage widmen sich gleich mehreren Themen und Organisationen. Den Anfang machen am 1. Juni „Milch, Bauern, Brieffreunde“.

Von dieser Welt

05.05.14 (Rainer Nonnenmann) -
Schon immer nahmen Komponisten in ihrer Musik Anteil an der Wirklichkeit und waren ihre Stücke selbst Bestandteil der sinnlich erlebbaren Welt. Das gilt auch für Musik, die ausdrücklich dem romantischen Modell der Gegenwelt und dem ästhetischen Autonomieprinzip folgt. Durch musikalische Zitate und Allusionen sind daher Kompositionen gleich in potenzierter Weise mit Welt und Wirklichkeit aufgeladen. Das gilt zumal für neue Musiktheaterwerke über die großen Menschheitsthemen Liebe und Tod, von denen bei der 14. Münchener Biennale für neues Musiktheater vom 7. bis 23. Mai gleich fünf Novitäten uraufgeführt werden.

Was ist die Ursache von Musik?

06.04.14 (Rainer Nonnenmann) -
Der Volksmund wusste es schon immer: „Von nichts kommt nichts!“ Alles hat seine Ursache, seinen Grund und Auslöser – auch die Musik. Doch was löst Musik aus? Was sind die Gründe und Ursachen von Musik? Was treibt Komponisten – jenseits offensichtlicher Faktoren wie Auftrag, Honorar, Ruhm und Liebäugeln mit der eigenen Unsterblichkeit – dazu an, Musik zu erfinden und ein bestimmtes Werk ausgerechnet auf diese eine besondere Weise zu komponieren? So und nicht anders! Die scheinbar überall gültige Kausallogik von Ursache und Wirkung scheint hier nicht zu greifen oder wirkt jedenfalls in einer letztlich nicht zu erhellenden Dunkelheit. Ganz anders liegt dagegen der Fall bei Musik, die sich ausdrücklich der Auseinandersetzung mit bereits bestehender Musik verdankt.

Ende mit Paukenschlag: Ein Nachruf auf die WDR-Reihe „Ensembl[:E:]uropa“

01.04.14 (Rainer Nonnenmann) -
Zuweilen hat man den Eindruck, die Neue Musik bestünde nur aus einem kleinen Kreis immer gleicher Akteure. In manchen Städten sowie bei vielen Festivals begegnet man ständig denselben Ensembles aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Benelux-Staaten, Frankreich, England und Skandinavien. Tatsächlich gibt es in diesen Ländern viele ausgezeichnete und sehr verschiedene Formationen. Doch in Wirklichkeit ist die Szene noch viel reicher und internationaler. Auch in allen anderen europäischen Ländern existieren Spezialensemble für Neue Musik, manchmal nur eines, oft gleich mehrere, die hierzulande nur noch nicht vorgestellt wurden. Die Konzertreihe „Ensembl[:E:]uropa“ des WDR Köln sorgte für Abhilfe. Über acht Spielzeiten mit durchschnittlich fünf Konzerten im Großen Sendesaal des Kölner Funkhauses gastierten seit September 2006 Ensembles aus ganz Europa, nicht nur den EU-Mitgliedsstaaten.

Kultur schafft Reichtum

28.02.14 (Rainer Nonnenmann) -
Für die Idealisten und namentlich Friedrich Schiller war es „der Geist, der sich den Körper schafft“. Doch dies schien allzu ideal gedacht, denn schließlich krankte der Dichter selbst mehrere Jahre vor seinem Tode kläglich dahin. Dagegen stellte Karl Marx den Hegel’schen Weltgeist vom Kopf auf die Füße, indem er materialistisch tönte, „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, womit er freilich die Freiheit des menschlichen Geistes ebenso unterschätzte wie er den vermeintlich historisch objektiv notwendigen Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft überschätzte. Was also stimmt? Eine gelungene Synthese der unversöhnlichen Antithesen formulierte vielleicht der im Januar achtzigjährig verstorbene Dirigent Claudio Abbado mit seinem Credo: „Kultur schafft Reichtum, nicht umgekehrt.“
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