Currentzis will SWR Symphonieorchester zum Vorbild machen


06.11.17 -
Baden-Baden (dpa) - Als neuer Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters will Teodor Currentzis vom nächsten Jahr an den Klangkörper zu einem musikalischen Vorbild in Deutschland machen. Er wolle versuchen, «einen neuen Klang zu schaffen, wie es ihn noch nicht gibt in Deutschland», sagte der 45-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.
06.11.2017 - Von dpa, Ulf Mauder, KIZ

An diesem Freitag (10. November) und Sonntag (12. November) dirigiert er im Festspielhaus Baden-Baden die Oper «La Bohème». Seiner Wahlheimat Russland, in der es die moderne Kunst heute bisweilen schwer hat, will er trotz des Engagements in Stuttgart treu bleiben.

Interview: Ulf Mauder, dpa

Frage: «La Bohème» in der Kurstadt Baden-Baden - Was können die Zuschauer im Festspielhaus erwarten?

Antwort: Eine sehr detailreiche Erarbeitung der Oper, die für mich in gewisser Weise biografisch ist, weil ich selbst ein Vertreter dieser Boheme bin. Menschen, die in einer solchen Umgebung leben, können sehr gut nachvollziehen, worum es in der Oper geht: auch um Zweifel. Aber das Wichtigste ist die Musik. Wenn sie mich durchdringt, dann spüre ich ihre Atmosphäre und Energie, die mich durch das Leben führt. Ich entdecke neue Grenzen, die helfen, eine neue Weltsicht einzunehmen.

Frage: Im kommenden Jahr fangen Sie als erster Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters an. Welche Pläne, Ziele gibt es da bereits?

Antwort: Meine Hauptaufgabe ist es, die Tradition dieses ehrwürdigen Klangkörpers, diesen besonderen Klang zu bewahren. Dabei will ich versuchen, trotzdem einen neuen Klang zu schaffen, wie es ihn noch nicht gibt in Deutschland. Dieses Orchester hat stets einen Trend gesetzt, ist ein Vorbild in der modernen Musik. Mir geht es auch darum, das Repertoire an zeitgenössischer Musik zu erweitern, eine breite musikalische Farbpalette zu schaffen.

Mein Hauptaugenmerk gilt dabei der Genauigkeit und Authentizität. Und natürlich will ich auf jeden Fall den Ruf des Orchesters als Erneuerer erhalten. Natürlich gibt es immer das Risiko, etwas zu verlieren, das Gewünschte nicht zu erreichen. Aber ich will gemeinsam mit den Musikern ein gutes Resultat erzielen, Neues hervorbringen und anderen Orchestern Vorbild sein.

Frage: Sie stehen als leidenschaftlicher Künstler im Ruf, vor allem an Ihrer Wirkungsstätte in Perm gerne mal zehn Stunden und mehr zu proben. Kann es da bei den starken Gewerkschaften hier zu Schwierigkeiten kommen?

Antwort: Ganz und gar nicht. Ich habe schon im Vorfeld die nötigen Proben vereinbart. Und das, was über mich gesagt wird, ist nicht ganz die Wahrheit. Das ist wie ein Märchen. Ich arbeite immer so lange, bis ich das gewünschte Ergebnis habe. Das können zehn Stunden, das können aber auch zehn Minuten sein. Und wenn das Resultat nicht stimmt, dann arbeite ich weiter. Und natürlich arbeiten die Musiker meines Theaters in Perm nicht wie in einem Büro. Sollte es in Deutschland Schwierigkeiten geben, dann müssen wir diese Fragen klären.

Frage: In Ihrer Wahlheimat Russland klagen viele Künstler und Kulturschaffende über wachsenden politischen Druck. Es gibt auch Festnahmen. Wie geht es Ihnen da als Grieche mit russischem Pass?

Antwort: Ich arbeite in Perm im Prinzip völlig frei. Ich habe keine Schwierigkeiten gehabt. Aber es gibt Leute, die bestellte Artikel in den Zeitungen schreiben, um mich zu kompromittieren. Wenn ich bis jetzt dort lebe und arbeite, dann zeigt das auch, dass ich keine Hindernisse und Widersprüche erlebe. Wenn es sie gäbe, dann würde ich dort nicht arbeiten.

Ich habe eine klare Position zum Totalitarismus. Ich lebe aber auch sehr in meinem Schaffen und strebe nach Ergebnissen. Auf äußerliche negative Einflüsse reagiere ich nicht. Mir scheint, die Menschen sollten nach Weisheit streben, weil diese allein dabei hilft, anders auf die Realität zu schauen. Ich selbst versuche stets, nicht die Position eines beleidigten oder enttäuschten Menschen einzunehmen.

Frage: Haben Sie je daran gedacht, Russland zu verlassen?

Antwort: Ich will an erster Stelle sagen, dass ich Russland innig liebe. Ich spüre seine Seele. Für mich besteht das Land nicht aus Beamten oder Politikern. Russland ist für mich ein kulturelles Erbe. Das ist Tschaikowsky, Malewitsch, Puschkin, Schostakowitsch. Auf eine wunderbare Weise vereinigen sich all diese Menschen in mir und schaffen diese herrliche Projektionsfläche, auf der der Westen in den Osten übergeht. Das ist das Russland, das ich liebe.

Und ich werde dieser Kunst dienen - und nicht einem Staat oder Politikern, die es heute gibt, aber morgen schon vergessen sind. Deshalb ist die Vorstellung, das Land zu verlassen wegen eines Menschen, der dir nicht gefällt oder dich beim Arbeiten stört, die Position eines feigen Menschen. Solange ich eine Stimme habe, werde ich sie benutzen.

ZUR PERSON: Der 45-jährige Currentzis, geboren am 24. Februar 1972 in Athen, ist künstlerischer Leiter des Staatlichen Opern- und Balletttheaters in Perm. Er ist auch Gründer des Kammerorchesters und Chors MusicAeterna. Zusätzlich übernimmt er 2018 das SWR Symphonieorchester mit Sitz in Stuttgart als Chefdirigent. Seine Karriere begann er in den 1990ern Jahren am Staatlichen Konservatorium in St. Petersburg bei dem berühmten Lehrer Ilja Musin. Sein Repertoire reicht von der Alten Musik bis zur Moderne.

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

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