Wir bleiben dran. Hans Ulrich Gumbrecht beschrieb das Jahr 1926 als „Jahr am Rande der Zeit“. Wie wir einmal das Jahr 2026 beschreiben werden müssen? Als Jahr am Ende der Zeit? Die gewaltigen Umbrüche der letzten Jahre mit ihren Kriegen, dem politischen Durchbruch autoritärster Staatssysteme und der manifesten Faschisierung der Weltpolitik, die mit einem Adjektiv wie irrlichternd schon verharmlosend wie zugleich treffend zu bezeichnen ist, stellten auch die Musiklandschaft vor unseren eigenen Türen vor viele Probleme.
Ein Klassik-Power-Event! Die generative Bild-KI kann kaum mit der Realität konkurrieren, wenn sie Klassikstars auf dem roten Teppich vor dem Berliner Konzerthaus erzaubern soll. Firefly-Fotoprompt: Martin Hufner
2026 – Ein Jahr am Ende der Zeit?
Die GEMA unternimmt in diesem Jahr den zweiten Versuch, ihre Kulturförderungs-Richlinien und damit ihre bisherige Praxis massiv umzubauen. Was letztes Jahr noch am Widerstand der Verleger:innen und Komponist:innen knapp an der 2/3-Regel gescheitert ist, könnte dieses Jahr durchrauschen. Was da genau passieren wird: wir bleiben dran. Abschied nehmen wird die Universität der Künste Berlin von ihrem hochangesehenen Master-Studiengang „Sound Studies“, was auch als Zeichen fortschreitender Niveauverluste im Bildungs- und Kunstbereich gesehen werden muss. Daran beteiligen sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durch umfangreiches Abschalten und Zusammenlegen von Kulturwellen und Ensembles. In der Märzausgabe wird Bojan Budisavljević diese Entwicklung an der Abwicklung der Deutschen Radio Philharmonie weiter verfolgen. Mit Anselm Cybinski hat der WDR seit dem 1. Januar wieder einen Redakteur für zeitgenössische Musik, der vor allem als anerkannter Musikmanager einen Namen hat. Ob er innerhalb des immer konventioneller werdenden Radiomediums innovative Akzente setzen will und kann, oder „nur“ ein Verwalter ist, auch das sollte dieses Jahr zeigen. Wünschenswert wäre eine Doppelbegabung und Durchhaltevermögen in den sich immer mehr verkrustenden Strukturen des Rundfunks.
Gegenüber den Entwicklungen im Bereich der KI-Techniker zeichnet sich eine zunehmende Skepsis bis Ablehnung ab. Musikplattformen wie Bandcamp verbannen derlei Produkte. Romain Boudruche von „We Are Rewind“ antwortet in einer Anfrage des Magazins „Hypebot“: „Im Jahr 2026 sehen wir einen deutlichen Anstieg nostalgischer Musikformate. (…) Jüngere Hörer suchen nach taktilen, bewussten Hörerlebnissen, die im Gegensatz zum algorithmengesteuerten Streaming stehen.“ Immer deutlicher wird im Bereich der öffentlichen Meinung, dass KI-generierte Kommunikationspartner alles andere als wertneutrale Gegenüber sind, sondern geradezu zu Waffen politischer Meinungsmanipulation und der Kulturkämpfe werden. Zu hoffen ist, dass sich die Nutzung manipulativer Meinung eine neue (Daten-)Souveränität der Nutzenden entgegensetzt. Vorsicht vor dem Weimertar, der KI-Verdopplung unseres Kulturstaatsministers – und vor seiner realen Existenz, die nach wie vor ihr Vorhaben nach einer Digitalabgabe der Tech-Giganten von META (Facebook, Instagram, WhatsApp) bis ALPHABET (Google, Gemini …) schleifen lässt.
2026 stehen fünf Landtagswahlen an. Es wird in Baden-Württemberg (8. März), Rheinland-Pfalz (22. März), Sachsen-Anhalt (6. September), Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils am 22. September) gewählt.
Mit besonderem Interesse wird man die Entwicklung in Sachsen-Anhalt verfolgen müssen. Dem dortigen Wähler:innen-Zuspruch für eine offen faschistische Partei steht interessanterweise ein starker Hang zur Teilhabe an Kunst und Kultur gegenüber: „Mit 234 Theater- und Konzertbesuchen je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner liegt Sachsen-Anhalt über dem bundesweiten Vergleichswert,“ vermeldete der dortige Minister für Kultur, Rainer Robra nach Daten des Bundesamtes für Statistik.
Gute Neuigkeiten kommen aus Schleswig-Holstein: Anette Röttger konnte noch Ende 2025 verkünden: „Trotz Konsolidierung und angespannter Haushaltslage ist es gelungen, dass die Zuwendungen an die Musikschulen um 100 Prozent erhöht wurden und das Land Schleswig-Holstein nun mehr als zwei Millionen Euro für die Musikschulen zur Verfügung stellt.“
Für die erste Hälfte des Jahres haben wir folgende Opern-Uraufführungen in unserem Plan: 1. Februar: Hamburg: Olga Neuwirth – Monster’s Paradise; 7. Februar: Essen: Elfrida Andrée – Die Fritjof-Saga; 1. März: Bonn: Param Vir – Awakening; 14. März: Leipzig: Bernd Franke – Coming up for air; 11. April: Hannover: Andrea Tarrodi – Homo Oeconomicus; 2. Mai Aachen: Karola Obermüller – Malina; 10. Mai: München: Brett Dean – Of One Blood; 14. Mai: Dortmund: Sarah Nemtsov – Wir; 5. Juni: Bonn: Oxana Omelchuk – Laterna Magica.
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