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Nachschlag: Musik vor ihren Rettern retten

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Eine Replik auf Jürgen Oberschmidts „musical turn“ (nmz 10/2026, Seite 31)
Vorspann / Teaser

In der letzten Ausgabe der nmz rief der Musikpädagoge Jürgen Ober­schmidt nun schon zum zweiten Mal nach 2020 einen „musical turn“ aus. Der Präsident des Bundesverbands Musikunterricht und Vizepräsident des Deutschen Musikrats bezog sich dabei auf Martin Heidegger. Der beklagte seit „Sein und Zeit“ (1927) immer wieder, dass die Menschen die Welt als verfügbare Ressource begreifen und ihr eigenes Leben technokratischen Produktionsprozessen unterwerfen. Wie einst der Philosoph sieht heute der Pädagoge die Rettung in der Kunst, die uns aus allen „Machenschaften“ und „dem technisierten ,Gestell´ der Moderne befreien“ muss. Musik sollen wir nicht zum „Soundtrack für den Wellness-Lifestyle“ degradieren, sondern „das Errechnen verlernen und das Singen wiederentdecken“, damit wir das „eigentliche Lied der Welt wieder vernehmen“ und uns Musik „mit der Tiefe des ,Seins‘“ konfrontiert.

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In diesen Worten klingt derselbe von Theodor W. Adorno bereits demontierte „Jargon der Eigentlichkeit“ an, der unser vermurkstes Leben im Falschen ins „Leuchten der Wahrheit“ des eigentlichen Sinns von Sein führen soll. Mit dem Schwarzwälder Hüter des Seins und Nazi-Sympathisanten war sich der jüdische Vertreter der Frankfurter Kritischen Theorie immerhin einig, dass die kapitalistische Arbeitswelt die Menschen so sehr von sich selbst und voneinander entfremdet habe, dass sie nicht mehr als autonome Subjekte urteils- und handlungsfähig sind, sondern eher als Objekte von Marktgesetzen, Verwaltung und Kulturindustrie fremdgesteuert werden. Für Adorno war Musik deswegen aber keine heile Gegenwelt, sondern wie alles in der modernen Industriegesellschaft den gleichen technokratischen Rationalisierungsprozessen unterworfen. Wahrheit meinte er daher nur in der radikal neuen Musik erkennen zu können, allen voran Schönbergs Zwölftontechnik, die keine falsche Trös­tung und eskapistische Beruhigung verspricht, sondern im Gegenteil die Unmenschlichkeit der Welt sogar eigens überbietet, um uns die Augen und Ohren für das Fehlen eben jener Humanität zu öffnen, die wir zu erreichen hätten.

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Oberschmidts „musical turn“ passt weder begrifflich zum Sein, das laut Heidegger in der deutschen Sprache west, noch ist seine Argumentation schlüssig. Denn zunächst müssen wir die Musik retten, damit sie dann uns retten kann. Es ist ein Zirkelschluss oder die Quadratur des Kreises. Zudem will der Heidelberger Professor Musik um ihrer selbst willen aus allen Verwertungslogiken befreien. Zugleich aber muss sie ziemlich viel, nämlich „politisch aufrütteln“, „ungemütliche Debatten anstoßen“, „Widerstand“ leisten, „gesellschaftliche und philosophische Fragestellungen“ verhandeln, als „kritisches Reflexionsmedium“ genutzt und auch „in Publikumsgesprächen und Workshops reflektiert werden“. Sind das nicht auch lauter „Machenschaften“, von denen Musik doch zu befreien wäre?

Den Konzertsaal sollen wir endlich zu dem machen, was er „im Kern seines Wesens schon immer sein wollte“, nämlich „ein Ort des radikalen zweckfreien ,Seins‘, ein hochpolitischer Resonanzraum, der die Welt nicht nur abbildet, sondern im Innersten erschüttert“. Die Verbindung von Zweckfreiheit und Politik ist allerdings eine Absurdität, vielleicht ein frommer Wunsch. Vor allem aber klingt hier eine verstiegene Allmachtsfantasie an. Musik kann Menschen erschüttern, ja freilich! Aber die Welt im Innersten? Geht es nicht eine Nummer kleiner, vor allem auch konkreter?

 

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