In der letzten Ausgabe der nmz rief der Musikpädagoge Jürgen Oberschmidt nun schon zum zweiten Mal nach 2020 einen „musical turn“ aus. Der Präsident des Bundesverbands Musikunterricht und Vizepräsident des Deutschen Musikrats bezog sich dabei auf Martin Heidegger. Der beklagte seit „Sein und Zeit“ (1927) immer wieder, dass die Menschen die Welt als verfügbare Ressource begreifen und ihr eigenes Leben technokratischen Produktionsprozessen unterwerfen. Wie einst der Philosoph sieht heute der Pädagoge die Rettung in der Kunst, die uns aus allen „Machenschaften“ und „dem technisierten ,Gestell´ der Moderne befreien“ muss. Musik sollen wir nicht zum „Soundtrack für den Wellness-Lifestyle“ degradieren, sondern „das Errechnen verlernen und das Singen wiederentdecken“, damit wir das „eigentliche Lied der Welt wieder vernehmen“ und uns Musik „mit der Tiefe des ,Seins‘“ konfrontiert.
Foto: Hufner
Nachschlag: Musik vor ihren Rettern retten
In diesen Worten klingt derselbe von Theodor W. Adorno bereits demontierte „Jargon der Eigentlichkeit“ an, der unser vermurkstes Leben im Falschen ins „Leuchten der Wahrheit“ des eigentlichen Sinns von Sein führen soll. Mit dem Schwarzwälder Hüter des Seins und Nazi-Sympathisanten war sich der jüdische Vertreter der Frankfurter Kritischen Theorie immerhin einig, dass die kapitalistische Arbeitswelt die Menschen so sehr von sich selbst und voneinander entfremdet habe, dass sie nicht mehr als autonome Subjekte urteils- und handlungsfähig sind, sondern eher als Objekte von Marktgesetzen, Verwaltung und Kulturindustrie fremdgesteuert werden. Für Adorno war Musik deswegen aber keine heile Gegenwelt, sondern wie alles in der modernen Industriegesellschaft den gleichen technokratischen Rationalisierungsprozessen unterworfen. Wahrheit meinte er daher nur in der radikal neuen Musik erkennen zu können, allen voran Schönbergs Zwölftontechnik, die keine falsche Tröstung und eskapistische Beruhigung verspricht, sondern im Gegenteil die Unmenschlichkeit der Welt sogar eigens überbietet, um uns die Augen und Ohren für das Fehlen eben jener Humanität zu öffnen, die wir zu erreichen hätten.
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