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Im Hintergrund: Tänzerinnen des Eduard-von-Winterstein-Theaters. Im Vordergrund: Richard Glöckner (Algernon). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

Im Hintergrund: Tänzerinnen des Eduard-von-Winterstein-Theaters. Im Vordergrund: Richard Glöckner (Algernon). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

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Bunburysieren anno 2026 ff: Das berühmteste Musical der DDR in Annaberg-Buchholz

Vorspann / Teaser

„Messeschlager Gisela“ (Cottbus) und „Mein Freund Bunbury“ (Annaberg-Buchholz, Sächsische Landesbühnen Radebeul) von Gerd Natschinski sowie ein bisschen Guido Masanetz als Weihnachtsoperette 2025 der Komischen Oper Berlin. In Sachen Operette und Musical der DDR tut sich in der Spielzeit 2025/26 etwas mehr als davor. Dabei geht es momentan eher noch um Feldbehauptung als um Terrain-Gewinn, aber das könnte sich bald ändern. Am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz tobte nach der Premiere von „Mein Freund Bunbury“ am Samstagabend der Bär.

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„Mein Freund Bunbury“, das erfolgreichste und bekannteste Musical der DDR, hat in Annaberg-Buchholz somit seine zweite Neuproduktion in der Nachwendezeit – so wie „Messeschlager Gisela“ in Cottbus. Das war bis 1989 anders und der Werkpluralismus teils mit echten Erfolgen, teils mit wenig aussichtsreichen Konkurrenzprodukten zum Westschaffen geringer. Gerd Natschinskis Komponistenkollege Guido Masanetz hatte in Annaberg rapide an Terrain verloren. Seine letzte Premiere dort war „Eine unmögliche Frau“ 1990, überdies das Remake eines Bühnenwerks aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Warum das wichtig ist... Der aus Österreich stammende Intendant Moritz Gogg hatte nach vorheriger Aufbauarbeit durch Ingolf Huhn die Stadt im südlichen Erzgebirge zur überregional gefeierten Operettenhochburg getrimmt. Jetzt dehnt Gogg sein Spektrum Richtung Heiteres Musiktheater der DDR aus und zeigt in diesem Repertoirebereich also überhaupt kein „Mauerdenken“ wie viele Kolleg:innen von Dresden bis Darmstadt. Ähnlich agierte vor einigen Jahren Frank Martin Widmaier, der am Brandenburger Theater „Mein Freund Bunbury“ mit Genre-Stars wie Dagmar Frederic und Gunter Sonneson aus der Ostalgie- und Regional-Ecke herausholte – mit Appetitanregern zu Folgeproduktionen im gesamten deutschsprachigen Raum. 

Das ist noch immer schwer. Davon wissen auch Gundula Natschinski, die Witwe, und Lukas Natschinski, der jüngste Sohn des Komponisten, zu erzählen. Mit einem konditionsstarken wie zutiefst emotionalen Einsatz für das Werk Natschinskis sind sie überall in dort Aktion, wo Operette und Musical gespielt wird. Gogg gelang jetzt ein überaus geschickter Coup – und das Publikum dankt es ihm lautstark: Gundula gab in der berüchtigten Partie der Lady Bracknell inklusive Song-Moritat „Ein bisschen Horror und ein bisschen Sex“ nach dreißig Jahren Bühnenabstinenz in Annaberg ihr umjubeltes Comeback. Lukas stand erstmals am Pult eines großen Orchesters. Die mit einer Entdeckung nach der anderen geforderte Erzgebirgische Philharmonie Aue setzte ihre satte Erfahrung ein. Die Melodien „Piccadilly“, „Black Bottom“, „Ein guter Schluck“ und „Weil ich verliebt und glücklich bin“ klangen frisch, vor allem glücklicherweise nicht (n)ostalgisch.

Das ausverkaufte Haus begrüßte die vielen Hits und Evergreens, von der sprichwörtlichen Titelmelodie bis zu den satten Tanzeinlagen, wie alte Bekannte. Ganz anders als wenige Wochen vorher in der Komischen Oper Berlin: Da gab es für „In Frisco ist der Teufel los“ ebenfalls Applaus-Kaskaden, aber das Publikum bewunderte diesen früheren Spitzentitel des DDR-Musiktheaters wie eine faszinierende Rarität. Es muss also noch ganz viel getan werden, auch weil die Musical-Hits der DDR-Jahre nicht selbstverständlich zu den jüngeren Generationen finden. Ein ganze wesentliche Musical-Epoche des 20. Jahrhunderts harrt noch ihrer Überprüfung und aktiven Wiederentdeckung. Dafür setzen sich Gundula und Lukas Natschinski mit Leib und Leben ein.

Für „Mein Freund Bunbury“ versetzte das erfolgreiche Texter-Duo Helmut Bez und Jürgen Degenhardt wenige Jahre nach dem Bau der Mauer Oscar Wildes messerscharfe Society-Satire „Ernstsein ist alles“ durchaus mit Bezug auf „My Fair Lady!“ aus den Viktorianismus in die 1920er Jahre. Fiktive Identitäten der Figuren ermöglichten vielschichtige Andock-Momente an den DDR-Alltag, die heute kaum noch verständlich sind. Gerade deshalb reihten Regisseur Oliver Pauli und Ausstatter Martin Scherm charmante bis durchtriebene Pointen mit klaren Bildmitteln neben eine hohen Mauer aus Koffern. Einer hat sogar die Größe eines Toilettenhäuschens und dient dem unerlässlichen Wechsel von Kleidung und Gesellschaftsmasken. Es geht very british zu – mit minimalen Fehlern beim Darstellen von Anmut, scheinheiliger Religiosität und Etikette. Bridgette Brothers gab den Tänzen und Posen den letzten Schliff.

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Im Hintergrund: Opernchor des Eduard-von-Winterstein-Theaters. Im Vordergrund: Gundula Natschinski (Lady Bracknell), Richard Glöckner (Algernon), László Varga (Lord Ipswich) und Bettina Grothkopf (Lady Greenham). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

Im Hintergrund: Opernchor des Eduard-von-Winterstein-Theaters. Im Vordergrund: Gundula Natschinski (Lady Bracknell), Richard Glöckner (Algernon), László Varga (Lord Ipswich) und Bettina Grothkopf (Lady Greenham). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

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Einfach gut: Das Eduard-von-Winterstein-Theater hat die perfekte Mischung aus Gästen und Hausbesetzungen. Alle sind bis zum letzten auf Musical und Operette eingeschworen. Das permanente Springen von einer anspruchsvollen Produktion zu nächsten in den letzten Spielzeiten kommt „Bunbury“ zugute. Richard Glöckner als Algernon verkörpert inzwischen ikonographisch den Erzgebirgischen Musiktheater-Spirit. Glöckner füttert Koketterie – je nach Situation – durch Naivität oder Frechheit, wickelt mit einem treuherzigen Augenaufschlag seine Bühnentante sein und liefert sich mit seiner Geliebten Cecily sofort ein Tanzgefecht. Zsófia Szabó steigt auf ebenbürtiger Ebene in die Show ein. Zweites Paar sind Vincent Wilke als durch stille Sanftheit gewinnender Jack und Magdalena Hallste als leuchtstarke Gwendoline. Zu den Ensemble-Juwelen gehören auch Bettina Grothkopf, die als dezent alkoholisierte Mrs. Prism ihren Charakterpartien verschiedener Geschlechter hier eine besondere Marke hinzufügt. Leander de Marel verkörpert den für allerlei Sonderkommandos rührigen Butler, László Varga und Lukáš Šimonov gewichtige Stichwortgeber. Das Trinklied steigerte die gute Stimmung noch mehr. Die Begeisterung glich der über die Heimkehr eines lange vermissten Kindes. Schließlich kam Gerd Natschinski aus Chemnitz. 

Einiges hat sich natürlich verändert seit der „Bunbury“-Uraufführung 1964 im Ostberliner Metropoltheater. Aber man kann ja mit ganz wenigen Änderungen die im Originaltext steckende und in der Annaberger Produktion prickelnd, aber nicht plump ausgestellte Genderfrivolität hochkicken und die Orchesterarrangements mit leichter Hand etwas mehr swingen lassen. Wenn man sich das vornimmt, sind die Unterschiede zwischen den ostdeutschen, westdeutschen, österreichischen und schweizerischen Musical-Pionierjahren weitaus geringer als man denkt.