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I Didn’t Know Where To Put All My Tears / Curlew River. Marko Nikodijević / Benjamin Britten / Alphonse Cemin / Silvia Costa. Foto: Jean-Louis Fernandez

I Didn’t Know Where To Put All My Tears / Curlew River. Marko Nikodijević / Benjamin Britten / Alphonse Cemin / Silvia Costa. Foto: Jean-Louis Fernandez

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Kühle Spiritualität: Musiktheater mit Britten und einer Uraufführung von Marko Nikodijević in Nancy

Vorspann / Teaser

Zur dritten Vorstellung mit viel jungem und aufgeschlossenem älteren Publikum brach nach pausenlosen 100 Minuten ekstatischer Applaus in den verklingenden Schlussakkord. In der Opéra national de Nancy-Lorraine erklang Benjamin Brittens selten gespielte Kirchenoper „Curlew River“ auf das Textbuch von William Plomer und die Uraufführung der Auftragskomposition „I Didn’t Know Where To Put All My Tears“ von Marko Nikodijević. Zwei Kompositionen mit sakralen Anliegen machten einen großen Erfolg. 

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So bestätigt sich, wie bei moderaten Eintrittspreisen und Konzentration das Interesse für ein eher sperriges Werk wie „Curlew River“ zu gewinnen ist. Das Instrumentalensemble aus dem Orchestre de l’Opéra national de Nancy-Lorraine reizte dessen karge Klanglichkeit aus, vor allem durch die suggestiven, aber zurückhaltenden Percussions und ein karg in den üppigen Zuschauerraum klagendes Harmonium. Insofern war die Produktion mit vier Vorstellungen in der Karwoche ein weiterer Pluspunkt im Bemühen um neues Publikum. Intendant Matthieu Dussouillez hat nach dem intelligenten wie erfolgreichen Triptychon von Paul Hindemiths „Sancta Susanna“, Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und Arthur Honeggers „Totentanz“ im Herbst 2024 zwei jüngere Werke kombiniert. Diesmal bringt er die erste, relativ unbekannte Kirchenoper „Curlew River“ von Benjamin Britten und als Auftragsarbeit „I Didn’t Know Where To Put All My Tears“ des serbischen Komponisten Marko Nikodijević (geb. 1980) zusammen – letztere mit einem Text der italienischen Regisseurin Silvia Costa nach dem altjapanischen No-Spiel „ Sumidagawa“ von Juro Motomasa, welches auch Brittens Quelle war. Nikodijević komponierte mit seinem deutsch-serbischen Kollegen Jug Marković (geb. 1987) in komplementärer Besetzung zu Britten, forderte demzufolge einen Frauenchor mit Solistinnen.

Costa machte die symmetrische Nähe beider Werke mit gestischer Kühle deutlich. Ihre oft in choreographischer Symmetrie angeordneten Figurengruppen und Raumgliederungen legen eine hohe stilistische Affinität zu Bob Wilson nahe, wirken aber weniger abstrahierend als dessen Theaterschöpfungen. Spiritualität ist bei Costa demzufolge eine Herausforderung zu stilisierten Posen, welche wie Zitate einer Haltung wirken und dabei keine bestimmte Zeit meinen. Eine rote Brücke setzte Michele Taborelli über den fast leeren Orchestergraben auf die Bühne in ein schwarzes Raumloch. In diesem stehen rote Kirchenbänke. Nonnen mit weißen Habits und starren Schleiern kontrastieren zum mit Brittens Chorprolog durch das Parkett über die Brücke auf die Bühne tretenden Männerchor in Schwarz. Dirigent Alphonse Cemin leistete mit Guillaume Rault auch die glänzende Choreinstudierung. Die Frauen- und Männerstimmen schwingen klar, präsent und derart überirdisch im Raum, dass die leichteste, aber nicht vermeidbare Atemunebenheit deutlich auffällt. Marco Giustis Light Design steigert und konturiert die szenische Kühle. Die Kostüme von Camille Assaf schaffen eine Synthese aus archaischem Klosterleben und fernöstlicher Transzendenz. Die christliche Dimension trägt die Farben weiß, schwarz und rot, die asiatischen Akzente das gesamte Regenbogen-Spektrum.

 

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I Didn’t Know Where To Put All My Tears / Curlew River. Marko Nikodijević / Benjamin Britten / Alphonse Cemin / Silvia Costa. Foto: Jean-Louis Fernandez

I Didn’t Know Where To Put All My Tears / Curlew River. Marko Nikodijević / Benjamin Britten / Alphonse Cemin / Silvia Costa. Foto: Jean-Louis Fernandez

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Bereits Britten wollte zur Uraufführung 1964 in Orford eine Kombination christlicher und asiatischer Glaubenselemente. Dieses philosophisch-esoterische Anliegen kann nur unter außergewöhnlichen Konstellationen zu einer sinnfälligen Theaterlösung führen. Die Partie der „wahnsinnigen“ Mutter auf der Suche nach ihrem toten Sohn komponierte Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears. Der Tenor Zhengyi Bai bringt mit hellem Metall eine die depressive Aura der Partie durchbrechende Leuchtkraft ein. Nach dem Auftritt des 12-Jährigen (beeindruckendes Volumen: Thomas Day) erscheinen die Nonnen wieder, wobei die von Nikodijević und Costa beabsichtigten Figuren-Parallelen nicht ohne weiteres kenntlich werden. Die hochästhetische Performance ereignet sich in klar konturierter Zeitlupe. Die Koinzidenz von Brittens intimer Instrumentation und Nikodijevićs altertümlicher Attitüde beeindruckt, lässt aber letztlich kalt.

Costa wollte nicht zeigen, wie singulär diese Werke aus dem Gesamtschaffen ihrer Komponisten herausragen. Es gibt also keinen szenischen Impuls zum Grübeln Brittens über das sexuelle Begehren und Nikodijevićs bejahende Sinnlichkeit, die er in zum Besipiel für Marina Abramovics „Balkan Erotic Epic“ einbringt. Beide Kompositionen wirken wie distanzierende Bilder einer teils in Kritik, teils in Wellness-Sektionen entschärften Religiosität. Schön und vor allem etwas cool ereignen sich durch perfekte Spannungsdynamik geeiste und starr disziplinierte Gesten. Mit klaren Stimmen bereichern Mark Stone (Fährmann), Michael Mofidian (Reisender) und Stephan Loges (Abt) das Opus Brittens. Chelsea Lehnea singt die fraulichen Pendants mit schönem Leuchten. Sie alle verstärken die derart blendende Oberfläche, dass man zum inneren Schmerz gar nicht vordringen will. Trotzdem ist diese Werkkombination eine überzeugende Alternative zu Wagners als Osterstück missverstandenen „Parsifal“, dessen erster Akt schon länger dauert als dieser Abend über die Entlastung von einer maßlosen, überwältigenden und am Sinn des Lebens nagenden Trauer.

  • Opéra national de Nancy-Lorraine: So 29.03. - Di 31.03. - besuchte Vorstellung: Do 02.04. - Fr 03.04. Nancy / Marko Nikodijević, I Didn’t Know Where To Put All My Tears & Benjamin Britten, Curlew River
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