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theater für niedersachsen: „till eulenspiegel (oper)“, im Bild: David Soto Zambrana (Till), Ensemble. Foto: Clemens Heidrich

theater für niedersachsen: „till eulenspiegel (oper)“, im Bild: David Soto Zambrana (Till), Ensemble. Foto: Clemens Heidrich

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„Tandaradei“, Bauernkriege und politische Volksopern-Apotheose: Rezniceks wunderbarer „Till Eulenspiegel“ in Hildesheim

Vorspann / Teaser

Ungerecht und unverständlich: Bei den wenigen Aufführungen und Einspielungen der stilistisch überraschenden Märchenoper „Ritter Blaubart“ oder der opulenten Zeitoper „Benzin“ von Ernst Nikolaus von Reznicek ist die Begeisterung groß, nachgespielt werden sie aber nicht. Jetzt präsentierte das abenteuernd entdeckungsfreudige Theater für Niedersachsen Rezniceks 1902 in Karlsruhe unter dem Bayreuth-Apostel Felix Mottl uraufgeführte Prachtstück „Till Eulenspiegel“ in einer mit 15 Minuten Applaus bedachten Premiere. Die Oper eröffnet eine Produktionstrias über den legendären im 70 Kilometer entfernten Kneitlingen geborenen Schalk, die im Januar 2025 mit der Schauspiel-Uraufführung von Moritz Nikolaus Koch und im April mit dem „Partizipatives Tanzstück über Schelm_innen, Normen und die Kunst des Widerstands“ fortgesetzt wurde. Das Notenmaterial wurde im Theater hergestellt. Im Zentrum steht der Tenor David Soto Zambrana in der extrem langen wie sensibel ausgekosteten Titelpartie.

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Phänomenale Entdeckung mit fulminanter Ausführung. Dabei führt die Partitur des eigentlich nur mit der Ouvertüre zu „Donna Diana“ bekannten Ernst Nikolaus von Reznicek, wenn man das Uraufführungsjahr 1902 nicht weiß, auf den Holzweg. „Till Eulenspiegel“ - von Komponisten selbst archaisierend erdichtet nach Johann Fischarts „Eulenspiegel Reimensweiß“ und dem Roman von Charles de Coster – gehört in die Reihe der mit altem Musikgut aus dem hohen und herbstlichen Mittelalter angereicherten Musikdramen von Wagners „Meistersingern“ zu Hindemiths „Mathis der Maler“. Rezniceks Vertonung ist „alte Art, doch nicht so schwer“. Die Partitur überrascht mit Vielem, schwingt dann im genrebrechenden „Nachspiel“ nach zwei lyrischen Komödien-Akten zu Tills Tod und Verklärung die apotheotische „Tristan“-Keule.

Rezniceks Streitbarkeit im Nationalsozialismus dürfte das Interesse an dieser vom Publikum wach und enthusiastisch aufgenommenen Oper steigern. Die Erinnerungen des Komponisten aus böhmischer Familie durften nicht erscheinen, weil der Komponist widersprach, wenn ihm etwas nicht passte. Schade, dass es von der ungestrichenen Hildesheimer Produktion mit idealer Besetzung keinen Rundfunk-Mitschnitt oder CD geben wird. Das kleine Haus, die das komplex-schwierige Opus mit feiner Transparenz ohne Vereinfachungen unter GMD Florian Ziemen zelebrierende tfn_philharmonie, die mit zahlreichen Soli aktionsfreudige tfn_Opern- und tfn_Extrachor unter Wolfgang Falkenhagen und alle anderen Kräfte übertrafen sich selbst.

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theater für niedersachsen: „till eulenspiegel (oper)“, im Bild: Tobias Hieronimi (Uetz von Ambleben), Herrenchor. Foto: Clemens Heidrich

theater für niedersachsen: „till eulenspiegel (oper)“, im Bild: Tobias Hieronimi (Uetz von Ambleben), Herrenchor. Foto: Clemens Heidrich

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Das Tolle an dem Abend: Nicht turbo-wagnernder Musiksport war das Ziel, sondern eine berückende und das Schwere also noch schwerer machende Leichtigkeit. Jan Langenheim setzte das Opernspiel in eine für alle drei Hildesheimer „Till“-Stücke gültiges Jahrmarktbühne von Seilen mit Stoffbahnen. Amelie Müller verband märchenhafte Zeitlosigkeit mit Gegenwart und Netflix-Dystopie für die Schergen. Und der Schauspielregisseur Jan Langenheim motivierte das Ensemble mit aktuellen Einsprengseln zu einem sich mit Ziemens transparenter Werksicht sinngenau ergänzender, aber nicht übertriebener Aktionslust. Szene und Musik impulsierten sich ideal – mit leichten Aktualisierungen. Bereits durch die ukrainischen Untertitel ist klar, was gemeint ist. Vor dem Nachspiel stehen die Soli vor dem Vorhang und werfen in ihren Herkunftssprachen Fakten zu den Bauernkriegen vor genau 500 Jahren und dem Angriff auf die 70 Kilometer entfernte Burg Ampleben in Kneitlingen, dem Geburtsort des historischen Till Eulenspiegel, ins Auditorium. Also auch Kritik und Utopie mit klar-deutlichen Leichtgewichten – der Musik entsprechend.

Es meistersingert, rheingoldet, tannhäusert und götterdämmert mit Fliegengewichtigkeit …

Auf Bläserakkorde beginnt Reznicek mit einem Vogelkonzert aus Instrumentalsoli. Er wagte für Tills Mutter (Neele Kramer) einen Beginn mit gesprochenem Text. Später meistersingert, rheingoldet, tannhäusert und götterdämmert es zwar, mit definitiv Wagner-ferner, verfremdender Fliegengewichtigkeit. Humperdincks Melos springt aus jeder Partiturseite - aber die Opernfassung von „Königskinder“ entstand erst acht Jahre nach „Till Eulenspiegel“. Dieser muss Humperdinck also über die Bayreuth-Bastion Karlsruhe bekannt gewesen sein. Lyrik aus den Zeiten vor der Reformation finden sich in Rezniceks Sprache und betörenden Lied-Inseln - nicht streng wie in Pfitzners „Palestrina“ oder Braunfels’ „Ulenspiegel“, sondern Schubert-haft mit sanft Mahlernden Melancholiepolstern.

… Schubert-haft mit sanft Mahlernden Melancholiepolstern

Weil alle so beherzt, stimmsicher und empathisch dabei sind, wäre die Hervorhebung aus der langen Reihe mittlerer Partien und Chorsoli ungerecht. Es gelang eine optimale Spielzeiteröffnung. Der Bassbariton Tobias Hieronimi als kaiserlicher Vogt nimmt die Heldenbariton-Position vorbildlich. Andrey Andreychik als der Commedia dell’arte entstammende, dabei aber sehr übergriffige Doktor und das neue Ensemblemitglied Gabrielė Jocaitė, welche die Anforderungen der zwischen Elsa und Ariadne liegenden Anforderungen Partie von Tills Geliebter Gertrudis vollauf meistert, agieren erstklassig. Trotzdem: Dem puertorikanisch-amerikanischen Neuzugang David Soto Zambrana gebührt die Sänger- und Spielerpalme. Die Partie ist so lang wie Strauss’ Guntram, in der ständigen oberen Mittellage strapaziös wie Humperdincks Königssohn und sollte im Idealfall gesungen werden wie Wagners Gralsritter Lohengrin und Lehrbube David gleichzeitig. David Soto Zambrana macht das alles, spielt dazu immer mit der sanften Melancholie hinter Tills Späßen, ist gleichzeitig liebendes Kind und reifer Mann. Dazu schafft es Zambrana, dass Rezniceks erotische Pointen kindgerecht und trotzdem mit poetischer Deutlichkeit geraten. Er singt die Partie, die dem verstorbenen Peter Seiffert wie auf den Leib geschrieben wirkt, mit Kondition, bemerkenswerter Stimmschönheit und immenser Wachheit für das, was hinter Rezniceks ungewöhnlichem Meisterstück steckt. Das ist eine ganze Menge. Auch deshalb gehört „Till Eulenspiegel“ in Zeiten des abnehmenden Demokratieverständnisses gleich mehrfach auf die Bühne. Hildesheim liefert die richtige spätromantische Oper auch als Warnung vor den Zeichen der Zeit.

Besetzung: Tobias Hieronimi, Andrey Andreychik, Neele Kramer, David Soto Zambrana, Gabrielė Jocaitė, Julian Rohde, Chun Ding, Teasop Kim, Eddie Mofokeng, Atsushi Okumura, Steffi Fischer, Anne Anderson, Daniel Chopov, Stephan Freiberger, Leilei Xie, YajunYu