Mozarts „Entführung aus dem Serail“ als Stand-up-Singspiel an der Lindenoper,
Multikulti-Zoff am Luxusresort: Bodyguard (Arman Breuer), Osmin (David Steffens), Bodyguard (Statist), Laubbläser, Bassa Selim (Bülent Ceylan), Konstanze (Adela Zaharia), Michael Laurenz (Pedrillo), Belmonte (Siyabonga Maqungo), Blonde (Serafina Starke) mit Janitscharenchor, Janitscharenmusik und Bodyguards; Foto: Stephan Rabold
Wenn Bülent der Bassa ist, wer ist dann Konstanze?
Inmitten der alles zermürbenden Hitze findet die diesjährige Berliner Opernsaison nahezu übereinstimmend im deutschen Spielfach ihr schweißtreibendes Ende: als Anschlusssuche, Annäherung, Aktualisierung, Anbiederung ans vergessene Genre, ans vergessene Publikum, an vergessene sogenannte Werte wie Liebe, Wahrheit, Respekt, Humanität und dergleichen. Anscheinend will man das alles wiederhaben, und das ist auch gut so. Hatte so unlängst die Deutsche Oper an der Bismarckstraße Lortzings Spieloper „Zar und Zimmermann“ den alles reformierenden, alle Probleme ansprechenden Innovationsschub fälschlicherweise Martin G. Berger anvertraut und damit, sagen wir: under-performt (nmz online v. 27.06.2026), so zog die Staatsoper Unter den Linden knapp eine Woche später nach, in der mehr geschäftsstrategisch kalkulierten als ästhetisch ausgeklügelten Absicht, zu over-performen ‑ mit Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“. Schier in der Tradition der einstigen Wiener Stand-up-Kanonen vom Kaliber eines Kurz-Bernardon oder des von Mozart geschätzten Schikaneder, vertraute man die Sprechrolle des Bassa Selim genresprengend dem Comedian Bülent Ceylan an, dem „Diktatürk“. Chapeau, vielmehr Turban! Das bringt, so hoffte man, neues Publikum und unzählige Clicks, auch Rauschen in den heftig entlaubten Blätterwald, aber auch einen ordentlichen, tariflich geregelten Staatsbetrieb an den Rand des Wahnsinns. Ersteres scheint funktioniert zu haben, letzteres aber nicht ganz so, was schade war.
Der Serail ist eine Luxusjacht, die an einer muslimisch geprägten Riviera anlegt, die allerdings nicht von Gaza ist (Bühne: Raimund Bauer). Das Resort bevölkern Leute von heute, gelegentlich in hochpreisige Hausanzüge oder Folkloristisches gewandet (Kostüme: Anja Rabes), auf dem Oberdeck Lifestyle inmitten von Securitypersonal, während unter Deck der sogenannte Haremswächter Osmin von Pedrillo mit Efes aus der Dose abgefüllt wird ‑ was tatsächlich lustig ist, wie der nicht minder prominente bekloppte Laubbläser, der letzteren als Gärtner ausweist. Auch sonst gibt es was zu lachen, indes Problematiken des Sozialen, der Abstammung, der Zugangsgerechtigkeit, der Geschlechterzuweisungen, des Suprematismus, der kulturellen Aneignung und noch andere mehr gleichfalls Raum finden. Bülent Ceylan beherrscht sein Metier gekonnt, mal extemporierend beiläufig, mal mit pathetischem Zeigefinger, mal beifallheischend, mal den einen oder anderen Ärger provozierend. Nun, einerseits stecken all diese Probleme in Mozarts Werk drin, und mitnichten verkleistert er harmonieselig die Risse. Andererseits ist das nur die Pflicht – wobei es bitter aufstößt, dass diese angesichts besorgniserregender Umstände als Bürgerpflicht offensiver zu werden gezwungen ist.
Um jedoch von der Kür zu reden, dem on-the-top, dem Überschuss, dem übers Gutgemeinte überschießenden. Dem, was im besten Sinne übrig bleibt, wenn Kunst und Realität aufeinanderprallen, sich aneinanderreiben und etwas anderes entsteht, was sich der Kontrolle entzieht, etwas Drittes, was, wenn es sich der Kontrolle nicht entzöge, schlicht nicht da wäre. Etwas, das Mozart gerade in Bezug auf die „Entführung“ vorschwebte, als er dem Vater Leopold schrieb, er wolle jedwede heftige Leidenschaften nicht bis zum konventionellen Phrasenschluss auskomponieren, sondern so, dass Empfindungen sich stets überraschend im Ohr der Zuhörer vollendeten. Sprich: Zu dieser Welt und jener auf der Bühne fügt er eine imaginäre Welt in den Köpfen hinzu. Was auch der Grund sein sollte, warum Menschen in die Oper gehen: Um das Werk zu vollenden.
Nun ist der Bülent von dieser Welt in der Bühnenwelt zwar der Bassa, aber immer noch viel mehr Bülent, als Konstanze jemals die Adela Zaharia sein könnte, die sie ist. Konstanze bleibt Konstanze, eine Opernfigur, zugleich jedoch mit, so kann man das in ihrem Fall sagen, hinreißender Macht ausgestattet, sich über die Bühne hinaus und in die Köpfe hinein zu projizieren. Sie ist Klang, und Momente musiktheatralischer Jenseitigkeit, oder widersprüchlicher: künstlicher Authentizität wären die Dreh- und Angelpunkte in diesem Clash der Kulturen gewesen, wenn man sie hätte hinreichend geschehen lassen. Dazu hätte sich Mozarts Musik mehr als nur intermittierend, vielmehr eben genresprengend bestens geeignet.
Es geschah ja zuweilen, etwa in Belmontes Auftrittsarie des prächtig lyrischen Siyabonga Maqungo, leider nur als szenische Beiläufigkeit; oder das große Quartett der zweifelnden Liebenden zum Schluss des zweiten Aktes, von Regisseurin Andrea Moses einfühlsam händeringend gestellt. Letztlich aber schien sie zu wenig darauf zu achten: Bei „Martern aller Arten“, Konstanzes Glanznummer, auf die man sich bei Adela Zaharia freuen konnte, löst sie das problematisch lange Vorspiel gekonnt, aber um den Preis der Exklusion. Bülents Bassa spielt die ersten Töne auf der E-Gitarre zum allgemeinen Missfallen an, um dann von Konstanze, Dirigenten und Solisten der Staatskapelle gezeigt zu bekommen, wie es geht. Ob man derart paternalistisch wirklich neues Publikum anzieht?
Einsamkeit auf dem Oberdeck: Konstanze (Adela Zaharia), Efes auf dem Unterdeck: Pedrillo (Michael Laurenz), David Steffens (Osmin), Serafina Starke (Blonde); Foto: Stephan Rabold
Dabei bekäme es über das Aktualitätsgebimmel hinaus großartigen Gesang zu hören. Zaharias Konstanze und Maqungos Belmonte, vorneweg. Aber auch Serafina Starkes Blonde überzeugte sehr übers enge Rollenprofil hinaus hörens- wie sehenswert, gleichermaßen David Steffens als der Bad Guy und Verlierer Osmin. Und Michael Laurenz, wie man so sagt: brillierte als fein differenzierender Pedrillo, der gut und gern einen starken Idomeneo abgeben möchte ‑ und könnte. Starker Diener, seiner Blonde gemäß.
Dass schließlich jenseitige Momente nicht im wünschenswerten Maße sich ereignen konnten bei dieser Produktion, mag aber auch an einem ihrer größten Aktivposten gelegen haben, am gelobten Frankfurter GMD und ehemaligen Kapellmeister an der Staatsoper Thomas Guggeis. Der leitete hochkompetent diese schwierige, oft unterbrochene „Entführung“ straff, mit gelegentlichen, nicht wirklich zündenden Einwürfen vom Hammerklavier aus, letztlich aber detail-, beinahe selbstverliebt, hie Zweitstimmen hervorhebend, da Begleitfiguren betonend, kaum etwas laufen lassend, selbst die zahlreichen Instrumentalsoli stramm am Zügel. Dass man ihm dabei im hochgefahren Orchestergraben zusehen musste, hinterließ einen hyperaktiven, humorlosen fast schon eitlen Eindruck. Oder hat die Staatskapelle solch Führung bei Mozart nötig?
Bülent Ceylan ohnehin nicht, der sich hier ohne wenn und aber für die Hochkultur in die Bresche ihrer Legitimationsprobleme warf. Die zwei Monate Proben- und zwei Wochen Produktionszeit, so er, verhielten sich in seinem Gewerbe genau umgekehrt. Vom Luxus, sich mehr leisten zu können, hätte man gerne viel mehr gesehen.
- Mozart „Die Entführung aus dem Serail“, Staatsoper Unter den Linden: 01., 05., 08., 11. Juli 2026, und dann wieder ab Ende Januar 2027
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