Unübersehbar #9 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 26.6. bis zum 2.7.2020


(nmz) -
In der neunten Folge unserer Streaming-Hinweise empfehlen wir Wiener Opernmitschnitte und live übertragene Konzerte aus Nürnberg, Bremen und Berlin. Die Musik kommt unter anderem von Giuseppe Verdi, Morton Feldman und Bernhard Lang.

27. Juni bis 5. Juli

69. Musikfest ION – „Nah bei Dir“
Live-Videostreams auf der ION-Homepage und bei YouTube

„Tagesaktuell, diskursiv, modular und ein Stück weit unvorhersehbar“ – so hat das Team des Nürnberger Musikfests ION seine 69. Ausgabe für die Corona-Zeit kurzerhand neu disponiert: „Die Mitwirkenden stellen sich die Frage, wie Musik die Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monaten reflektieren, ver- und bearbeiten kann? Aber es geht gleichzeitig darum, in innovativen, digitalen Formaten unter veränderten Bedingungen Konzertformate für die Zukunft in der Livesituation auszuprobieren.“ Dabei sind bei den durchweg moderierten Konzerten unter anderem das Ensemble Continuum, Organist Martin Sturm, Anna-Maria Hefele (Obertongesang), Robin Peter Müller (Barockvioline), Hille Perl, Marte Perl (E-Viola da gamba), Lee Santana (Laute und E-Gitarre), die Capella della Torre und – als einzige Veranstaltung mit Publikum – das Vokalenseble SLIXS.

Alle Konzerte sowie die Podiumsrunde „Wie geht es (weiter mit) der Musica Sacra?“ am 2. Juli werden – die Mitwirkung von nmzMedia sei hier nicht verschwiegen – live gestreamt und können auch danach noch online angesehen werden. [Juan Martin Koch]

Ab 27. Juni

Wiener Staatsoper – Live at Home
„Dantons Tod“, „Don Carlo“, „Rigoletto“, „Falstaff“ u.a.
Video-Streams

Man kann gegen die Wiener Staatsoper und ihre Ausrichtung viel einwenden. Beides wurde in den letzten Jahren auch viel und genüsslich kritisiert. Das kleinere Stagione-Haus, das „Theater an der Wien“, hat dem großen Operntanker am Ring ziemlich den Rang abgelaufen. Zumindest was den Wagemut des Programms und die herausfordernden szenischen Handschriften betrifft. Aber – dass die Staatsoper so gut wie immer spielt, war ihr Markenzeichen. Und eines muss man dem Haus und seinem Intendanten Dominique Meyer lassen: Sie haben sich auch in der Corona-Zeit nicht davon abhalten lassen und online jeden Tag eine andere Vorstellung geboten. Eine digitale Touristenoper sozusagen. Das ist jenseits aller ästhetischen Kriterien ohne Frage eine Leistung, die bei „unübersehbar“ zumindest einmal benannt werden sollte.

An diesem Wochenende gibt es etwa „Dantons Tod“ (Freitag, 19 Uhr) und die Aufzeichnung einer „Don Carlo“-Inszenierung aus dem Jahre 2016 von Daniele Abbado (Samstag, 16 Uhr), mit einer Spitzenbesetzung von René Pape über Rámon Vargas und Ludovic Tézier bis Anja Harteros, was daran erinnert, dass es hier mal Zeiten gab, in denen eine Konwitschny-Inszenierung parallel neben einer zweiten Fassung lief! Nach einem Ballettabend folgt dann die Aufzeichnung einer „Rigoletto“-Inszenierung von Pierre Audi, mit Juan Diego Flórez als Herzog von Mantua und Carlos Álvarez in der Titelpartie (Montag, 19 Uhr). Und am Dienstag, den 30. Juni (19 Uhr) schließlich ist ein von David McVicar inszenierter Verdi-„Falstaff“ zu sehen, bei dem Ende 2016 Zubin Mehta am Pult stand und der Berufs-Falstaff schlechthin Ambrogio Maestri das Zentrum der Intrigen bildete. [Joachim Lange]

28. Juni

Morton Feldman: Piano and String Quartet
Konzertreihe „Ein Stück – Ein Konzert“ im Sendesaal Bremen mit dem Ensemble New Babylon
Live-Videostream bei YouTube am 28. Juni 2020, 19:00 Uhr

Durch die Lockerungen ist es möglich geworden, dass die ersten Konzerte wieder stattfinden können. Die Konzertstreams nehmen merklich ab und der Trend geht zur Doppellösung: Konzert mit wenigen Plätzen und viel Abstand mit gleichzeitiger Webübertragung. Das Ensemble New Babylon spielt am Sonntag im Bremer Sendesaal Morton Feldmans Piano and String Quartet. Zusätzlich zu der Aufführung im Saal wird es auf YouTube gestreamt. Das Ensemble New Babylon wurde 2012 ins Leben gerufen, um in Bremen Neue Musik wieder im Kulturgeschehen zu institutionalisieren. Seitdem wurden über 50 Uraufführungen gespielt.

Der US-amerikanische Komponist Feldman ist bekannt für die Länge seiner Werke. Er selbst sagte dazu einmal: „Meine ganze Generation hielt sich an die 20- bis 25-Minuten-Stücke. Das war unsere Uhr. Wir alle kannten sie und wussten mit dieser Uhr umzugehen. Sobald man aber einsätzige 20-bis 25-Minuten Stücke hinter sich lässt, entstehen andere Probleme. Bis zu einer Stunde Dauer denkt man über die Form nach, doch nach eineinhalb Stunden zählt der Umfang. Form ist leicht – das ist einfach die Gliederung von Dingen in Teile, doch der Umfang ist eine andere Angelegenheit. Man muss das ganze Stück überblicken – dazu bedarf es einer erhöhten Art der Konzentration. Vorher waren meine Stücke wie Objekte; jetzt sind sie wie sich entwickelnde Dinge.“

Auch das Piano and String Quartet (1985) ist 90 Minuten lang. Eineinhalb Stunden erklingen Arpeggien des Klaviers in einer mehr oder weniger unruhigen, flackernden, ziellosen Bewegung mit einem Echo von Streichern, liegenden Klängen… Es ist eines der letzten Stücke, die Feldman vor seinem Tod komponierte. [Juana Zimmermann]

Global Concert Hall: „Ghost“ Festival – Klein, Dvořák, Lachenmann, Brahms
Live-Stream bei IDAGIO: So., 28. Juni 2020, 20:00 Uhr, bis Mo., 29. Juni 2020 22:30 Uhr

Der Musikstreaming-Anbieter IDAGIO hat jetzt auch eine Global Concert Hall. Am Sonntag gibt es ein Konzert vom Ghost Festival. Es erinnert an den 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager mit einer Aufführung des Streichtrios von Gideon Klein, der im Januar 1945 im KZ Fürstengrube ermordet wurde. Auf dem Programm stehen außerdem Dvořáks frühes Klaviertrio Nr. 2 und Brahms’ ausladendes zweites Klavierquartett in hochkarätigen Besetzungen sowie Helmut Lachenmanns Schubert-Variationen. Hier muss ein Ticket für 9,90 Euro erworben werden. 80 Prozent der Online-Einnahmen gehen laut Veranstalter an die Musiker*innen: Florian Donderer (Viola), Barbara Buntrock (Viola), Tanja Tetzlaff (Violoncello), Antje Weithaas (Violine), Gustav Rivinius (Klavier), Alexander Schimpf (Klavier), Mario Häring (Klavier), Lars Vogt (Klavier) und Christian Tetzlaff (Violine). Gespielt wird live in der Jesus-Christus-Kirche Berlin. [Martin Hufner]

Bis 30. Juni

Bernhard Lang – „Der Reigen“ (Neue Oper Wien)
Musiktheater für fünf Stimmen und 23 Instrumente. Libretto von Michael Sturminger nach dem Theaterstück von Arthur Schnitzler.
Video-Stream bei YouTube

Die Uraufführung von Bernhard Langs Musiktheater fand 2014 bei den Schwetzinger Festspielen statt. Dieser Mitschnitt entstand bei der österreichischen Erstaufführung durch die Neue Oper Wien in Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen am 12. November 2019 im Wiener MuseumsQuartier, Halle E. „Harmonisch liegt dem gesamten Stück eine spermatozoische Spektralstruktur zugrunde, bestehend aus zehn zwanzigstimmigen Klängen, die das Stück umrahmen und sich als Orgasmusfigur jeweils in der Szenenmitte wiederholen. Die etwa gleiche Länge aller zehn Szenen sowie die granulierte, monadologische Schnittstruktur entsprechen der Herleitung der musikalischen Struktur aus den Experimentalfilmen des Raffael Montanez Ortiz und legt eine kinematografische Wahrnehmung und Interpretation des Stücks nahe.“ (Bernhard Lang)

Fazit: Jede Gesellschaft hat die Beischlafprobleme, die sie verdient. Zum Vergleich gibt es bei YouTube auch den ARTE-Mitschnitt der Uraufführungsproduktion. [Roland H. Dippel]

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