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Instrument des Jahres 2024: Tuba. Serienbild.

Instrument des Jahres 2024: Tuba. (c) nmz/huf

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Das Musikinstrument des Jahres 2024: Tuba – Teil 3: allein, aber nicht einsam

Vorspann / Teaser

„Aus Kindern werden Leute“ – in diesem Sinne folgen wir der Entwicklung der Tuba seit ihrer Erfindung im Jahr 1835. Ihrem ersten Einsatz in Militärkapellen folgt eine Karriere im Sinfonieorchester. Dort beginnt sie sich langsam von dem Klischee zu befreien, nur grummelnd in den Tiefen des Orchesterklangs die Grundtöne spielen zu können. Seit Richard Wagner entwickelt sie sich zu einem gleichberechtigten „Melodie“-Instrument im Orchester.

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Im vergangenen Jahr konnte man hier lesen, dass das Instrument des Jahres 2023, die Mandoline, „eher ein Exot“ sei. Als Beweis dafür wurde unter anderem angeführt, dass es weltweit nur eine einzige Professur für die Mandoline gibt – also möglicherweise auch nur eine geringe Anzahl an Mandolinenspielern. Gefunden haben wir dann tatsächlich nur eine Handvoll professioneller Mandolinisten, die von Ihrer künstlerischen Arbeit auch leben können. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland in vielen Mandolinenorchestern eine erhebliche Anzahl von Amateur-Mandolinisten.

Für das Instrument des Jahres 2024, die Tuba, stellt sich das Bild ganz anders dar. Professoren für die Tuba gibt es an vielen Musikhochschulen, ebenso zahlreiche Absolventen. Allein in den Musikkorps der Bundeswehr – wir hatten im Februar einen Blick auf die dort meist vierfache Besetzung geworfen – finden etwa 70 Tubisten Verwendung. In deutschen Berufsorchestern gibt es insgesamt noch einmal etwa 130 Planstellen. Dazu kommen einige andere professionelle Tubistenstellen im universitären Bereich und im Bereich der Unterhaltungsmusik. Auch gibt es einige Tubisten, die eine Solokarriere verfolgen. Einen sicher nicht zu unterschätzenden Anteil an zumeist Amateur-Tubisten findet man auch in der Volksmusik und in den evangelischen Posaunenchören.

Verstärkerfunktion

Als die Tuba 1835 erfunden wurde, bot sie mit ihrer Tragfähigkeit und Lautstärke eine gute Bassgrundlage für die Militärkapellen der damaligen Zeit. Man darf hierbei aber nicht vergessen, dass zu dieser Zeit alle Musikinstrumente im Vergleich zu modernen Musikinstrumenten alle verhältnismäßig leise waren. So waren die neuen Tuben zwar ein Fortschritt, aber im Vergleich zu den modernen Instrumenten unserer Tage auch noch relativ schwach. Deshalb wurden die Tuben in den Militärkapellen schon damals auch mehrfach besetzt.

Bereits wenige Jahre nach ihrer Erfindung fand die Tuba auch Aufnahme in die Symphonieorchester. Dabei verstärkte sie wie in der Militärmusik zunächst das Bassregister, im Sinfonieorchester hauptsächlich vertreten durch Kontrabass und Fagott. Funktionell spielte der Bass in erster Linie die harmonischen Grundtöne des Orchestersatzes. Im Laufe der Romantik wurden die Orchester von ihrer Besetzung her langsam größer – hier konnte die Tube im Bass vom Klangvolumen her quasi als Gegenpart gegenüber dem lauter werdenden Klang gut mithalten.

„zu dunkel“ und „zu muffig“

Die Verwendung der Tuba in ihren unterschiedlichen Stimmungen entwickelt sich zeitlich und regional unterschiedlich. Dasselbe gilt auch für die ihr (zumindest klanglich) verwandter Instrumente (Ophikleide, Serpent, Trombone basso, Bassposaune oder Cimbasso). Oft wurde einfach das Bassinstrument eingesetzt, das gerade verfügbar war. Auch schrieben mache Komponisten (z. B. Verdi) ganz konkret für die Besetzung, von der sie wussten, dass sie sie zur Verfügung haben würden. Oder sie mochten bestimmte Instrumente nicht – so empfand Verdi den Klang der Tuba als „zu dunkel“ und „zu muffig“ und komponierte für sie einfach nicht.

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Die Nordwestdeutsche Philharmomie bei einem Konzert im Rahmen des Westfälischen Musikfestivals 2023 in Hamm. Die Tuba ist weithin sichtbar! © NWD

Die Nordwestdeutsche Philharmomie bei einem Konzert im Rahmen des Westfälischen Musikfestivals 2023 in Hamm. Die Tuba ist weithin sichtbar! © NWD

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Im Sinfonieorchester entwickelte sich die Tuba langsam vom reinen harmonietragenden Bassinstrument zu einem Instrument, das auch solistisch eingesetzt werden konnte. Dieses hatte sicher auch mit der steigenden Professionalität der Musiker zu tun. Aber seit Richard Wagner und seiner Leitmotivtechnik hatte man in Komponistenkreisen erkannt, dass immer, wenn es groß und dramatisch, gefährlich, gruselig oder bedrohlich wurde, die Tuba das adäquate Instrument war, um diese Gemütszustände darzustellen. So vertraut Wagner der Tuba zum Beispiel das Wurmmotiv und das Valhalla-Motiv an, Hector Berlioz besetzt in der „Symphonie fantastique“ im „Dies irae“ sogar zwei Tuben.

Modernes Sinfonieorchester

In einem modernen Orchester ist die Tuba im Normalfall einfach besetzt. Alexander Kochendörfer von der Nordwestdeutschen Philharmonie (NWD) sagt dazu: „Es gibt wenige Instrumente im Orchester, die nur einzeln besetzt sind. Die Harfe gehört dazu und natürlich die Tuba. Der Unterschied zwischen uns ist aber, dass die Harfe tatsächlich mehr so etwas wie ein Einzelgänger, ein Soloinstrument, ist. Mit meiner Tuba bin ich zwar auch allein, fühle mich aber als Bassinstrument der Posaunengruppe zugehörig – bin also nicht einsam.“

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Die Tuba ist Teil der Posaunengruppe im Orchester. © NWD

Die Tuba ist Teil der Posaunengruppe im Orchester. © NWD

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Kochendörfer besitzt mehrere unterschiedliche Tuben und Basstuben, mit deren Möglichkeiten er natürlich hervorragend vertraut ist. Im Orchester empfindet er sich als „Handwerker“, der Musiker ist der Dirigent. Der Musiker entscheidet, wie Dinge klingen sollen, der Handwerker muss diese Klänge „abliefern“. Vielleicht entspinnt sich ein Gespräch zwischen Musiker und Handwerker: „Du, ich stelle mir das so vor, kannst Du das klanglich realisieren?“ Durch einen geschickten Einsatz bzw. Wechsel der Instrumente mit ihren unterschiedlichen Lagen und Stimmungen (bei der Tuba sind Stimmungen in F, B und Es üblich) versucht der Handwerker dann dem gewünschten Klang so nah wie möglich zu kommen. Welches Instrument er dann auch wirklich benutzt, liegt allein in seiner Entscheidung.

Als „Instrument des Jahres“ soll die Tuba in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden, Menschen sollen dafür begeistert werden und natürlich soll auch einmal über die positiven wie negativen Gedanken zur Tuba gesprochen werden, vielleicht Vorurteile und Klischees ausgeräumt werden, neue Informationen und neue Klänge das Ohr erfreuen. Besonders diese Sache mit den Klischees bewegt den schleswig-holsteinischen Botschafter für dieses Jahr der Tuba, Jörgen Roggenkamp. Denn – was viele Menschen eben nicht wissen – die Tuba kann mehr als nur die Grundtöne der Akkorde vor sich hinschrummeln.

Auf der Homepage des „Internationalen Tages der Tuba“, der alljährlich am ersten Freitag im Mai begangen wird (also in diesem Jahr am 3. Mai), wird dieses Tuba-Klischee noch einmal sehr deutlich formuliert: „Unfortunately, many non-tuba players think of the tuba as just being one of those big, loud instruments that go "oompah" in the back of parades - having no real importance and being easy to play - they're just there to look nice. As for tuba players, many people view them in the old stereotyped way: they have no real musical talent, no personality, just big, fat bodies with puffy cheeks and powerful lungs.“

Mit Richard Wagners Soli für die Tuba ist diese Sichtweise wirklich nicht mehr zu halten. Mag es anfangs in den Militärmusikkapellen und vielleicht auch heute noch in den Volksmusikkapellen ein wenig so sein, wie es hier beschrieben wird, so ist die Tuba ein Instrument, dass sehr viel mehr kann, einen großen Tonraum zur Verfügung hat und von Musikern gespielt wird, die fachlich und künstlerisch anderen Musiker in keiner Weise nachstehen.

Im Sinfonieorchester hat sich die Tuba immer mehr von diesem Klischee emanzipiert. Als reines Soloinstrument ist sie noch nicht so bekannt und etabliert, weil die Anzahl der Kompositionen noch nicht so reichhaltig ist – immerhin ist sie ein noch recht junges Instrument. Seit Paul Hindemiths „Sonate für Basstuba und Klavier“ aus dem Jahr 1955 ist die Tuba den Tiefen des Orchesters entwachsen und hat ihre Solokarriere angetreten. Davon lesen Sie hier im nächsten Monat.

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Mit der rechten Hand bedient Alexander Kochendörfer die Ventile der Tuba. Mit der linken Hand hält er sie nicht nur fest, sondern kann durch leichtes Hinein- und Hinausschieben des Ventilzuges die Intonation eines Tones genau steuern. © NWD

Mit der rechten Hand bedient Alexander Kochendörfer die Ventile der Tuba. Mit der linken Hand hält er sie nicht nur fest, sondern kann durch leichtes Hinein- und Hinausschieben des Ventilzuges die Intonation eines Tones genau steuern. © NWD

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