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Geläut der Jacobikirche Weimar aus der Glockengießerei Apolda. Alle Fotos: Rainer Nonnenmann

Geläut der Jacobikirche Weimar aus der Glockengießerei Apolda. Alle Fotos: Rainer Nonnenmann

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Musik zwischen Werra und Neiße

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Notizen einer Sommerreise durch Thüringen und Sachsen · Von Rainer Nonnenmann
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Die Fahrt sollte zwei Wochen entlang des 51. Breitengrads quer durch Ostdeutschland bis an die polnische Grenze gehen. Im Kölner Freundes- und Kollegenkreis fragten manche bei der Nennung von Thüringen und Sachsen besorgt zurück: „Wollt ihr da wirklich hin? Ist das nicht gefährlich? Habt ihr keine Angst vor den Rechtsradikalen?“

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Ja, es gibt dort Fremdenfeinde, Ausländerhasser, Rassisten, Neonazis. Doch die gibt es vor der eigenen Haustüre im Westen ebenso. Wem bei ostdeutschen Bundesländern nur Rechtsradikale einfallen, pauschalisiert und kennt diese Regionen offenbar nur aus Negativschlagzeilen, statt aus eigener Anschauung und Begegnungen mit den Menschen dort. Auch im Jahr 36 der deutschen Wiedervereinigung haben viele aus der alten BRD allenfalls touristische Hotspots wie Berlin, Dresden, Leipzig, Weimar und Ostsee besucht, aber noch nie die vielen kleineren Orte und verschiedenen Landschaften zwischen Werra und Neiße, die gleichwohl über alle Jahrhunderte hinweg für das gesamte Land prägende Persönlichkeiten und Leistungen hervorgebracht haben. Zudem sind diese Gegenden in hohem Maße musikalisch. Allerorten stößt man auf bedeutende Komponisten, Orgelmeister, Instrumentenbauer, Glockengießer, Opernhäuser, Konzerte, Festivals.

Von Westen kommend trifft man im hessischen Alsfeld zum ersten Mal auf Martin Luther, der hier 1521 auf dem Weg zum Reichstag in Worms Station machte. Fährt man weiter nach Osten, gelangt man bei Herleshausen über die ehemalige Zonengrenze nach Thüringen. Gleich bei den Hörselbergen – wahlweise Wohnsitz von Frau Venus oder Frau Holle – muss man sich entscheiden, ob man nach Eisenach zu Johann Sebastian Bach oder Creuzburg zu Michael Praetorius fährt, dessen Lieder bis heute die Kirchengesangbücher füllen und dessen Namenszusatz Creuzburgensis sowohl dem Geburtsstädtchen an der oberen Werra als auch dem auf Golgatha gekreuzigten Erlöser huldigt. In Sichtweite auf der Wartburg fand im Mittelalter der legendäre Wettstreit der Minnesänger statt, den Richard Wagner im „Tannhäuser“ aufgriff. Hier übersetzte auch der Reformator unter dem Decknamen Junker Jörg die Bibel ins Deutsche. Weiter nördlich die Saale hinab, ginge es zu Heinrich Schütz in Weißenfels, weiter östlich kommt man nach Gotha, wo Louis Spohr Hofkapellmeister war und mit Carl Maria von Weber 1812 eines der ersten Deutschen Musikfeste veranstaltete. Auch die übrige Landschaft ist durch und durch von klingenden Orts- und Flurnamen getränkt: Ohr­druf, Hörsel, Lauschgrün, Sachspfeife, Schellbach, Klingental, Vogelgesang, Schönberg, Stockhausen.

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Fest zur 555-jährigen Entdeckung von Silbervorkommen in Schneeberg, Erzgebirge, mit Blaskapelle. Foto: Rainer Nonnenmann

Fest zur 555-jährigen Entdeckung von Silbervorkommen in Schneeberg, Erzgebirge, mit Blaskapelle. Foto: Rainer Nonnenmann

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Musenhort und Massenmord

In Weimar wurden die Bach-Söhne Friedemann und Carl Philipp Emanuel geboren. Ihr Vater saß derweil wegen betrügerischer Doppelbesoldung mehrere Wochen in Arrest, was seinem Komponieren – von familiären und beruflichen Verpflichtungen temporär befreit – vermutlich sogar entgegenkam. Untadeliger wirkten Johann Nepomuk Hummel und Franz Liszt als Hofkapellmeister. Bis heute sorgen Staatskapelle, Nationaltheater, Musikhochschule und diverse Festivals für reichlich Musik. Beim abendlichen Bier kommt man mit einem Weimarer Paar ins Gespräch: Andreas Harnisch ist Geigenbauer und hat sein Handwerk – wie viele andere – unweit im Vogtland gelernt, wo man Streich- und Zupfinstrumente in allen Größen und Registern fertigt. Er erzählt vom Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt 1999, als Daniel Barenboim und Edward Said in Anspielung auf Goethes Gedichtsammlung das „West-Eastern Divan Orchestra“ gründeten, woran auf dem Beethoven-Platz zwei einander zugewandte Granitstühle erinnern: „Wer sich selbst und andre kennt / Wird auch hier erkennen, / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.“ Frau Harnisch erzählt von ihrem Dienst im Glockenmuseum Apolda, wo die Firma Ulrich bis zur Stilllegung 1988 rund zwanzigtausend Glocken goss, darunter 1923 die mit 24 Tonnen lange Zeit größte schwingende Glocke der Welt, der „Dicke Pitter“ für den Kölner Dom.

Im Goethe-Haus am Frauenplan waren neben Dichtern, Naturforschern und Staatsmännern auch die Musiker Zelter und Mendelssohn zu Gast. Und der Geheimrat selbst verfasste Singspiele, darunter „Die Fischerin“, bei dessen Uraufführung im Juli 1782 im nahe gelegenen Schlosspark Tiefurt am Ufer der Ilm die Schauspielerin Corona Schröter in der Titelrolle erstmalig „Der Erlkönig“ in eigener Vertonung sang, bevor die Ballade dann zu einer der berühmtesten Dichtungen deutscher Sprache wurde. In der Stadtkirche Peter und Paul predigte einst Herder und berichtet nun ein ehrenamtlicher Helfer und ehemaliger Stadtrat der Grünen, man habe die Schallhaube der Kanzel schon 1932 demontiert, weil dort der Name Jehovas auf Hebräisch gestanden habe und man alles Jüdische ausmerzen wollte. Wie kaum anderswo liegen in Weimar deutsche Verdienste und Verbrechen beieinander: Musensitz der Dichter und Denker und in Sichtweite auf dem Ettersberg das KZ Buchenwald der Richter und Henker. Bei der letzten Bundestagswahl entfielen hier fast 27 Prozent der gültigen Stimmen auf die AfD, deren Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. In ländlichen Wahlkreisen erreichte die Partei deutlich über 40 Prozent. Warum ist das so? Die Ortschaften sind schön restauriert, die Straßen in gutem Zustand, es gibt Cafés, Gastronomie, Vereinsleben, Einkaufsmöglichkeiten, Nahverkehr, Arbeitsplätze, Tourismus. In Gesprächen beklagen sich Hoteliers, Gastronomen und Verkäufer erstaunlich schnell und offensiv über den Staat, der zu viele Vorschriften macht, zu viele Steuern abpresst, Gas, Öl, Benzin und Diesel verteuert.

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Richard-Wagner-Denkmal im Liebetaler Grund. Foto: Nonnenmann

Richard-Wagner-Denkmal im Liebetaler Grund. Foto: Nonnenmann

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Auf einer Brücke über der A 7 bei Gera schwenken Menschen Deutschlandfahnen und solche des alten Königreichs Sachsen, weil sie sich ein anderes Deutschland wünschen. In Zwickau und Chemnitz tragen auffallend viele Männer schwarze Shirts mit Aufdrucken in altdeutscher Fraktur oder mit Eisernem Kreuz, den Farben des Deutschen Reichs, auch mit Runen sowie Namen und Figuren der germanischen Mythologie. Einzelne zeigen auch die Hoheitszeichen der DDR auf ihrem üppig gewölbten Bauch. Trotz unstrittig besserer Gegenwart sehnen sich offenbar mache Leute nach einer unleugbar schlechteren Vergangenheit. Besonders häufig sieht man AC/DC-Shirts. Die australische Hard Rock-Band galten schon in der DDR als Ausdruck von Unbotmäßigkeit, Unangepasstheit, Widerständigkeit gegen Staat und Obrigkeit, allerdings ohne klare politische Vorzeichen links oder rechts. Das Album „Highway to Hell“ erschien 1981 – ein Widerspruch des diktatorischen Systems – sogar im staatlichen Label AMIGA als offizielle DDR-Lizenzveröffentlichung.

Pfeifen, Feste, Vielfalt, Schönheit

Zwickau liegt dann schon in Sachsen. Hier erblickte Robert Schumann 1810 das Licht der Welt. Sein Geburtshaus zeigt viele Partituren, Handschriften, Bilder, Utensilien und mehrere Klaviere, auf denen einst Clara spielte und die nun die Besucher ausprobieren dürfen. Mal liegt „Der fröhliche Landmann“ auf, mal „Von fremden Ländern und Menschen“. Neben dem Schumann-Fest findet seit 1956 der Internationale Schumann-Wettbewerb für Klavier und Gesang statt. Wie in Thüringen, gibt es in allen größeren und kleineren Städtchen Sachsens wöchentliche Orgelstunden, Chorkonzerte, Musikfeste, Klavier-, Lieder- und Kammermusikabende, Pop-, Rock-, Schlager- und Folkkonzerte, zudem Klangwanderungen, Posaunenchöre, natürlich auch Bier-, Wurst-, Burg-, Kloster- sowie etliche Weinfeste mit leckeren Tröpfchen von Elbe, Saale, Unstrut. Gelegentlich stößt man auf Benefizkonzerte für die Opfer des Erdbebens in Venezuela, vielleicht weil die DDR seit 1980 mit dem südamerikanischen Staat Kultur- und Handelsabkommen unterhielt. Der Wes­ten der Republik scheint solche Aktionen jedenfalls gar nicht zu kennen. Im Erzgebirge blasen Bergmannskapellen und singen evangelikale Gruppen beim sonntäglichen Freiluftgottesdienst. Die Kirchen in Schneeberg, Schwarzenberg und Annaberg-Buchholz erscheinen außen wie trutzige Burgen, sind innen aber geräumig, hell, prachtvoll und mit historischen Orgeln ausgestattet. Allein in Freiberg stehen vier der heute noch spielbaren siebenunddreißig Orgeln von Gottfried Silbermann. Der Dom St. Marien birgt seine größte Arbeit, eine bis heute weitgehend original erhaltene Barockorgel von 1715, auf der glücklicherweise gerade jemand übt, so dass man den ebenso schlanken wie prachtvoll strahlenden Klang des Instruments erleben kann. Zudem steht im Altarraum eine sogenannte „Trabi-Orgel“ der Bautzener Orgelbaufirma Hermann Eule. Das Instrument wurde so kompakt konzipiert, dass es Organisten sogar im bekannten DDR-Kleinwagen Trabant über die Dörfer von Messe zu Messe transportieren konnten. Die Petrikirche verfügt über eine kleinere Silbermann-Orgel sowie über eine redselige Dame als Aufsicht, die sich als passionierte Sängerin zu erkennen gibt, die in diversen Chören und im Extrachor des Theaters Freiberg singt, wo 1800 die erste Oper „Das Waldmädchen“ des damals gerade vierzehnjährigen Weber uraufgeführt wurde und floppte. Auf eine ganz andere Art „Orgelpfeifen“ trifft man im Erzgebirge, besonders eindrücklich neben der Skischanze an der Nordflanke des Scheibenbergs. Es ist eine breite Mauer aus gut zwanzig Meter hohen Basaltsäulen, die der Volksmund so getauft hat.

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Geburtszimmer im Robert Schumann Haus Zwickau. Foto: Nonnenmann

Geburtszimmer im Robert Schumann Haus Zwickau. Foto: Nonnenmann

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Über den Industrieort Freital kommt man nach Dresden. Wer immer das Bonmot „Architektur ist gefrorene Musik“ geprägt hat – Goethe, Schopenhauer oder Schelling –, mag an das Rokoko der sächsischen Königs- und heutigen Landeshauptstadt gedacht haben. Der Zwinger ist mit all seinen Pavillons, Zierraten, Balustraden, Figurinen, Vasen, Blumen und Brunnen ein Stein gewordenes Capriccio. Die wiedererrichtete Frauenkirche ist ebenso gebaute Theologie wie Musik. Den kuppelartigen Innenraum krönt eine zweite Kuppel und schließlich auf der Spitze eine Laterne, als türme das Gebäude Himmel über Himmel. Die auf Altar und Kanzel zentrierten Logen und Emporen staffeln sich auf fünf Stockwerken und geben der maifarbigen Scala etwas opernhaftes. Das eigentliche Theater steht jenseits der Schlosskirche, in der Heinrich Schütz seinen Dienst verrichtete. Die Semperoper ist eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt. Im Vorgängerbau war Richard Wagner Kapellmeis­ter, dessen Spuren sich auch weiter flussaufwärts ziehen. Im Villenviertel Loschwitz spielt Uwe Tellkamps DDR-Roman „Der Turm“, in dem auch viel Musik, Schallplatten, Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle und Wagnerianer vorkommen. Auf dem linken Elbeufer erinnert am Blasewitzer Schillerplatz eine Tafel daran, dass hier der junge Wagner 1837 Edward Bulwer-Lyttons Roman „Rienzi“ las, nach dem er das Libretto zu seiner „tragischen Oper“ verfasste, mit der er in Dresden so großen Erfolg hatte, dass man ihn zum Hofkapellmeister machte. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Bayreuther Festspiele wurde „Rienzi“ diesen Sommer erstmalig im Festspielhaus aufgeführt.

Gedenken, Hören, Natur, Terror

Erneut auf Wagner stößt man zu Beginn der Sächsischen Schweiz im Liebetaler Grund, wo der Komponist 1846 beim Sommerurlaub in Graupa mit Hund Peps wanderte und die Musik des „Lohengrin“ ersann. Zu seinem hundertsten Geburtstag 1913 sollte ein Denkmal in weißem Marmor geschaffen und im Großen Garten in Dresden aufgestellt werden. Der Entwurf fand aber weder beim damaligen Königshaus noch beim Kunstverein Zuspruch. Auch in Teplitz hatte man kein Interesse an diesem prätentiösen Monument. Schließlich wurde die Figurengruppe in Bronze gegossen und 1933 in der abgelegenen Felsschlucht der Wesenitz eher versteckt als gezeigt. Heute ertönt dort per Knopfdruck das „Lohengrin“-Vorspiel. Im Anblick des von barbusigen Genien gesäumten Meisters und des strudelnden Gebirgsbachs im Rücken assoziiert man allerdings kaum die Schelde bei Antwerpen, über die der Gralsritter von einem Schwan gezogen wird, um Elsa von Brabant zu retten. Ähnlich absurd wirkt die pompöse Eröffnung von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ als Ankündigung des Lichtenhainer Wasserfalls. Ein künstlich aufgestautes Rinnsal ergießt sich dort alle halbe Stunde für wenige Sekunden über eine kleine Klippe. Weiter oben im Elbsandsteingebirge erfährt man schließlich ganz ohne neudeutsche Relikte die von Nietzsche beschworene „Wiederkehr des Immergleichen“ angesichts der imposanten Tafelberge, Abbrüche und Felsnadeln, die vor vielen Jahrmillionen sandiger Meeresgrund waren, dann versteinerten, tektonisch aufgeworfen wurden und seitdem von Elbe und Nebenflüsschen wieder zu Sand erodiert, ausgewaschen und in die Nordsee gespült werden.

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Frauenkirche Dresden. Foto: Nonnenmann

Frauenkirche Dresden. Foto: Nonnenmann

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Jenseits allen Zivilisationslärms lauschte man im Gebirge Insekten, Vögeln und dem durch Kiefern rauschenden Wind. In Bautzen bekommt man dann die Ahnung einer ganz anderen Art von Hören. Die mittelalterliche Stadt über der jungen Spree hatte schon zu Zeiten von Monarchie, NS-Diktatur und Sowjetbesatzung zwei große Gefängnisse. „Bautzen II“ wurde dann ab 1956 zum zentralen Stasi-Knast der DDR. Hier wurde verhört, abgehört, drangsaliert, denunziert, bespitzelt. In Isolationshaft hinter dicken Mauern, geweißten Scheiben und schallisolierten Türen wurden die Häftlinge systematischem Reiz-Entzug ausgesetzt, so dass für sie kleinste Geräusche zu Ereignissen oder möglicher Information wurden und die eigenen Nervenbahnen und das sirrende Blut in den Ohren Phantomstimmen generierten. Eine vom Deutschlandradio produzierte Klangkomposition von Frank Bretscheider versucht, diese Extremsituation in Zelle 37 erfahrbar zu machen. Die Staatssicherheit inhaftierte durchschnittlich 150 Männer und Frauen wegen „Republikflucht“ und „Fluchthilfe“. Letzteres wurde als „staatsgefährdender Menschenhandel“ gebrandmarkt und brachte vor allem Staatsbürger von BRD, Schweiz und Österreich hinter Gittern, die das SED-Regime dann gegen Devisen freikaufen ließ. Wer betrieb da „Menschenhandel“?

Grenzen, Gruppen, Gesinnungen

Durch die Lausitz mit Braunkohle­tagebau, Riesenbaggern, Kraftwerken, wieder aufgeforsteten Wäldern und teilweise zu großen Seen gefluteten Löchern gelangt man an die Neiße. Das Potsdamer Abkommen der Alliierten bestimmte 1945 den Zufluss zur Oder als deutsche Ostgrenze. In Muskau spaziert man durch den grenzübergreifenden fürstlichen Park auf das andere Ufer zum „Polenmarkt“. Dort gibt es billige Zigaretten, Friseure, Lokale, Schuhe, Kleider, Handyhüllen und auch Dinge, die in Deutschland verboten sind, etwa schwarze T-Shirts mit Reichskriegsfahne oder dem Konterfei eines Wehrmachtssoldaten unterm Stahlhelm mit Sprüchen wie „Das Reich kommt wieder“. Getragen werden die Embleme von rechtsextremen Gruppierungen und kriminellen Hooligans von FC Chemnitz, Energie Cottbus oder „Faust des Ostens“ im Umfeld von Dynamo Dresden. Ein alternativer, freiheitlicher, integrativer Geist weht dagegen wenige Kilometer südlich in Görlitz. Die wunderschön sanierte Stadt im Dreiländereck ist gleichermaßen Ziel von Deutschen, Polen, Tschechen und internationalen Touristen. In der evangelischen Peterskirche hängt hoch über der gotischen Halle aus der Werkstatt des Niederlausitzers Eugenio Casparini die 1703 erbaute „Sonnenorgel“, die ihren Namen 17 strahlenförmig um lachende Sonnengesichter verteilten Orgelpfeifen verdankt. Im Süden der komplett erhaltenen Altstadt mit ihren Wohn- und Villenvierteln des 19. Jahrhunderts wurden auf dem Gelände „Altes Kühlhaus“ zu DDR-Zeiten Staatsreserven an Lebensmitteln gelagert. Heute ist das Areal ein sozio­kulturelles Zentrum mit Vereinen, Veranstaltungsräumen, Workshops, Ateliers, Campingplatz, Sport-, Kinder- und Jugendcamps sowie Konzerten und Musikfestivals für Subkultur, Dub, Breaking, Electronica.

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T-Shirt auf Polenmarkt in Muskau . Foto: Nonnenmann

T-Shirt auf Polenmarkt in Muskau . Foto: Nonnenmann

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Am Ende hat die Reise durch Thüringen und Sachsen gezeigt, was man zwar vorher schon wusste, nun aber auf rund tausend Kilometern Bundes-, Land- und Kreisstraßen nochmals eindrücklich erlebte: Deutschland hat kaum wirkliche Metropolen, sondern ist kleinteilig strukturiert und besteht vor allem aus Regionen, Landkreisen, Städten, Städtchen, Dörfern und Flecken. Die Orte und Gegenden sind voll einzigartiger Kultur, Kunst und Musik in Geschichte und Gegenwart. Die Menschen sind offen, freundlich, gesprächsfreudig und stolz auf ihre Heimat, mit der sie sich auseinandersetzen und identifizieren. Andere sind verschlossen, verbittert, unzufrieden, wütend. In jedem Fall sind pauschale Vorurteile fehl am Platz. Die Menschen sind hier ebenso verschieden wie in anderen Bundesländern in West, Nord und Süd auch. Dass die musikalische Vielfalt in diesen Ländern die dort lebenden Menschen über ihre unterschiedlichen Ansichten hinweg verbinden könnte, ist ein schöner, wenngleich illusorischer Gedanke, weil alle ihre jeweilige Musik haben und auch als ein Mittel zur gesellschaftlichen Dis­tinktion pflegen.

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