Die Welt ist aus den Fugen – und wer soll sie reparieren? Vielleicht der Messias? Dessen Heiligung der Welt schlug im real existierenden Christentum jedoch oft ins Gegenteil aus. Seit gut zweihundert Jahren liegen daher immer mehr Hoffnungen auf Kunst und Musik. Die Propheten der Kunstreligion des 19. Jahrhunderts, Schiller und Hegel voran, versprachen sich vom Schönen die Transformation der bestehenden schlechten Verhältnisse ins Wahre und Gute. Für Schiller war die Kunst gar „eine Tochter der Freiheit“, weil sie in der Lage sei, die in Pflichten und Nöte gezwängten Menschen zu schönen Seelen zu läutern und die französische Monarchie sowie jede andere Zwangsherrschaft ohne blutige Revolution in eine Gesellschaft der Freiheit zu verwandeln. Doch die idealistischen Blütenträume zerplatzten an der schnöden Wirklichkeit.
Erste Seite der nmz: Ausgabe 10/26
Zwischen Hilflosigkeit und Allmachtsfantasie
Inzwischen sollten Welt- und Musikgeschichte gezeigt haben, dass beide zwar verknüpft sind, es aber vermessen wäre, der Musik eine Rolle als Retterin der Welt aufzubürden. Doch ausgerechnet jetzt, wo Klassik, Jazz, Elektronik, Improvisierte, Alte, Neue Musik und sämtliche anderen Alternativen zum globalen Mainstream immer weiter marginalisiert werden, gerade jetzt beharren immer mehr Musikschaffende, Musikpädagogen, Musikräte, Musikverbände und Musikfunktionäre auf den sozialen Funktionen von Musik. Die trotzige Behauptung der gesellschaftlichen Relevanz von Musik verhält sich dabei umgekehrt proportional zu ihrer faktisch schwindenden Bedeutung, Präsenz und Finanzierung in der Gesellschaft. Offenbar geht die Epoche der autonomen Kunstmusik der letzten dreihundert Jahre zu Ende.
Musik darf heute immer seltener einfach „nur“ Musik sein. Einst diente sie als Repräsentation fürstlicher Macht und Verkündigung kirchlicher Dogmen. Heute muss sie Demokratie sichern, Vielfalt stärken, Zusammenhalt schaffen, Klima retten, Widerstand leisten, Gendergerechtigkeit fördern und welche gesellschaftlichen Querschnittsthemen auch immer verhandeln. Um Gehör zu finden, kommt Musik nicht mehr ohne Agenda oder Narrativ aus. Das hat viele Gründe. Zum einen lassen sich klar benennbare Inhalte von Komponisten, Veranstaltern, Öffentlichkeits- und Marketingabteilungen besser vorerzählen sowie in Medien, Presse und Schule leichter nacherzählen. Zum anderen verfügen immer weniger Menschen über das Sensorium und die Sprache, um Musik aufmerksam wahrzunehmen, sich darüber zu verständigen und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Was über Milliarden Playlists streamt, ist meist nicht Gegenstand bewusster emotionaler oder intellektueller Auseinandersetzung, sondern bloße Begleitung aller möglichen Alltagsverrichtungen.
Instrumentalisierungen von Musik geschehen auch in bester Absicht, Musik zu vermitteln, ersetzen aber oft den Zweck durch die Mittel. Angesichts dieser Situation ruft Jürgen Oberschmidt in der aktuellen nmz (Seite 31) nun schon zum zweiten Mal nach 2020 einen „musical turn“ aus. Der Präsident des Bundesverbands Musikunterricht und Vizepräsident des Deutschen Musikrats will Musik von allen „Machenschaften“ und „Verwertungslogiken“ befreien. Musik soll nicht zum „Soundtrack für den Wellness-Lifestyle“ degradiert werden, sondern – in Anlehnung an Martin Heidegger – uns „mit der Tiefe des ,Seins`“ konfrontieren. Zugleich verlangt der Pädagoge seinerseits eine ganze Menge, was Musik alles leisten soll.
Zum Dilemma von Anspruch und Wirklichkeit der Kunst liefert aktuell PaweÅ‚ Pawlikowskis großartiger Film „Vaterland“ eine eindrückliche Parabel. Beim Empfang des 1933 aus Nazideutschland vertriebenen Thomas Mann zum zweihundertsten Geburtstag Goethes 1949 in Frankfurt ertönt Peter Kreuders Schlager „Ich brauche keine Millionen“, mit dem zehn Jahre zuvor Johannes Heesters und Marika Rökk das Dritte Reich unterhielten. Nun hilft der Refrain „Musik, Musik, Musik, Musik“ bei der Verdrängung eben jener Diktatur. Anschließend spricht Mann in der ostdeutschen Goethestadt Weimar über die sittliche Größe des Dichters. Obwohl seinem verklausulierten Gedanken kaum jemand folgen kann, erntet er stehende Ovationen, weil sich der Genosse Oberst vom Sowjetischen Geheimdienst erhebt und alle im Saal brav folgen. Das Publikum bezeugt damit gerade keine „sittliche Größe“, sondern seine ideologische Gleichschaltung und die Ohnmacht des Literaten.
Auf der Rückfahrt spielt im Autoradio AFN den „Tiger Rag“ und der sowjetisch kontrollierte Berliner Rundfunk die „Donkosaken“. Die eine Musik ist so nett oder nichtig wie die andere. Beide sind Propaganda im Systemkampf der Großmächte und fordern die Entscheidung zwischen Mickey Mouse und Babuschka. Dem aber entziehen sich Vater und Tochter Mann. Sie verlassen die eskortierte Route und setzen sich in eine zerschossene Schlosskirche. Dort reparieren gerade ein Organist und Balgtreter die kaputte Orgel. Für die Besucher spielen sie Bachs Choralbearbeitung „Wohl mir, dass ich Jesum habe“.
Das ist wunderbare, zu Tränen rührende Musik, ganz ohne welterschütternde Agenda und unbestimmte „Tiefe des Seins“. Im Kontext des Welt- und Filmgeschehens klagt diese Musik um das durch Diktatur und Krieg zerstörte Land sowie den Verlust der Heimat und des Sohnes und Bruders Klaus Mann, der einzig noch Bach liebte, bevor er sich das Leben nahm. Die solcherart expressiv neu geladene Musik spricht den berühmten Schriftsteller nicht als Repräsentanten von Humanismus, Weltgewissen oder in welcher Funktion auch immer an, für die ihn Ost wie West vereinnahmen wollen, sondern als entwurzelten, verzagenden, trostbedürftigen Menschen. Und das lehrt uns: Musik muss gar nichts, kann aber viel!
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