Auch da ist Jeunesses drin

Impulse der JMD für das deutsche Musikleben


(nmz) -
„Wo Jeunesses draufsteht, muss auch Jeunesses drin sein“. Diese Faustregel gilt uns als Leitsatz für inhaltliche Konzepte mit ideellen Qualitäten aus unserem Leitbild, etwa das Moment der Persönlichkeitsbildung oder die Verbundenheit, die Musik zu stiften fähig ist. Im aktuellen Jubiläumsbeitrag spüren wir umgekehrt einige Gründungen auf, die einst als Initiativen der Jeunesses Musicales Impulse gaben für Projekte, die sich dann als eigene Marke prächtig entwickelt haben und noch immer etwas subkutane „Jeunesses“-Substanz enthalten.
Ein Artikel von JMD

Engagierter Musikjournalismus

Die Zeitung, die Sie in Händen halten, und die uns als „neue musikzeitung“ vertraut ist, wurde im selben Jahr wie die JMD 1951 gegründet von dem jungen Verleger Bernhard Bosse, als dieser mit Mitte 20 begeistertes Pionier-Mitglied der MJD wurde und sich auch im Bundesvorstand engagierte. Inspiriert von dem neuartigen, tatendurs­tigen musikalischen Jugendverein wollte er diesem ein ordentliches Publikationsorgan, eine – wie man heute sagen würde – „Plattform“ verpassen. Die Zeitung öffnete sich aber auch anderen Musikverbänden und vor allem der ganzen Breite des Musikgeschehens. Sie erschien bis Ende 1968 unter dem Titel „Musikalische Jugend – Jeunesses Musicales“ und dann mit einem Titel, den sie sich längst als eine Instanz im deutschen Musikleben verdient hatte: „neue musikzeitung“. Noch heute ist sie das offizielle Mitteilungsorgan der JMD. Noch heute sind auch persönliche Verbindungen und Überzeugungen Garant für einen Musikjournalismus, der in vielen „Kapillaren“ den Spirit der JMD atmet. Zum gemeinsamen Jubiläum rufen nmz und JMD 2021 im Sinne ihrer ideellen Wurzel eine „Akademie für engagierten Musikjournalismus“ ins Leben. Dazu aber mehr in einer späteren Ausgabe dieser Zeitung.

Jugend musiziert

In Klammern: „Jugend musiziert“ hieß eine von der MJD im Bosse-Verlag seit den 1950er Jahren herausgegebene Notenedition für junge Instrumentalisten.

1961 hatte die MJD – unter ihrem Mitgründer und damaligen Generalsekretär Eckart Rohlfs – zusammen mit dem Tonkünstlerverband auf Anregung des Fachverbands Deutsche Klavierindustrie einen Wettbewerb ausgerichtet, der übrigens bis 1970 neben Jugend musiziert fortbestand. Motiviert durch eine Studie zur Krise des Orches­ternachwuchses folgte 1962 ein Wettbewerb für Streichinstrumente. Ein wechselnder Turnus war geplant. Als der Deutsche Musikrat vom bis heute fördernden Bundesjugendministerium die Mittel erwirkte, lag es nahe, dass man Rohlfs die Organisation des neuen „Jugend musiziert“ genannten Wettbewerbs antrug, wie er sich später erinnerte: „Die rechtmäßige Trägerschaft des Wettbewerbs lag bis Ende der 60er Jahre sogar bei der Jeunesses Musicales, … Erst als der Wettbewerb mehr als 50% meiner Arbeitszeit in Anspruch nahm …, drehte man die Sache um …“.

1964 wurde vom Deutschen Musikrat der erste bundesweite Wettbewerb „Jugend musiziert“ ausgeschrieben und durchgeführt. Von den Regional- und Landeswettbewerben bis zum Bundeswettbewerb entwickelte sich JuMu schnell zum größten musikalischen Förderprogramm für Kinder und Jugendliche in unserem Land, wurde ein „Nährboden“ der musikalischen Breitenarbeit und der Nachwuchsförderung mit zahlreichen Anschlussprojekten wie unter anderem den Landesjugendorchestern und dem Bundesjugendorchester. Der Erfolg gründete auch darauf, dass man von Anfang an auf die Kooperation mit den musikpädagogischen Verbänden abstellte, die bis heute zu den offiziellen Ausrichtern von Jugend musiziert gehören und geborene Mitglieder in den tragenden JuMu-Ausschüssen sind.

Junge Ohren

Noch im 20. Jahrhundert war der Begriff „Musikvermittlung“ ein Fremdwort.  Bis auf wenige un- und aber auch rühmliche Ausnahmen gab es kaum ein „Audience Development“, wie man es heute an den meisten Orchestern und Opernhäusern antrifft und wofür es inzwischen sogar Studiengänge gibt. Auf das Lamento der klassischen Konzertveranstalter über das Ausbleiben jüngerer Konzertgänger reagierte die JMD im Jahr 2000 mit der von Barbara Stiller geleiteten Initiative „Konzerte für Kinder“, die zwei Jahre später über 500 Adressaten in ihrem Netzwerk versammelt hatte. Der JMD gelang es, mit best practice-Modellen aus dem uns umgebenden Ausland, mit einem Kongress, mit Symposien und Workshops sowie mit der Veröffentlichung „Spielräume Musikvermittlung“ das Thema aufzumachen. Das Terrain war quasi geebnet, als 2002 Simon Rattle unter der Bedingung nach Berlin kam, dass er an der Philharmonie einen „Education“-Leuchtturm errichten konnte. Im selben Jahr gingen der JMD die Fördermittel für „Konzerte für Kinder“ aus. Generalsekretär Uli Wüster rief aber 2005 gemeinsam mit der Deutschen Orchestervereinigung den „junge ohren preis“ ins Leben, und 2007 gründeten die Partner mit weiteren Musik­organisationen das „netzwerk junge ohren“ in Berlin, das sich als ein Kompetenzpool seiner Mitwirkenden im deutschsprachigen Raum etabliert hat und mit regionalen Arbeitskreisen sowie dem „junge ohren preis“ und eigenen Projekten für Austausch und Qualifizierung in diesem Bereich sorgt.

Jedem Kind ein Instrument

Der unter diesem Namen schnell bekannten musikalischen Bildungsoffensive des Landes Nordrhein-Westfalen eiferten bis heute 10 weitere Bundesländer nach. NRW-Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff saß 2007 auf dem Podium der JMD im Hamburger „Kampnagel“, das einem Konzert des jungen Venezuelan Brass Ensembles vorausging, und versprach ein Angebot wie „El Sistema“ auch in Deutschland. Es hatte dieser vierten (!) von der JMD organisierten Deutschlandtournee des venezolanischen Jugendorchesters bedurft, um die „große Politik“ aufmerksam zu machen. Während der sponsernde Drogeriemarkt eine „Zukunftsmusiker“-Kampagne mit Angeboten für Kundenfamilien machte, münzte der Staatssekretär den sozialen Aspekt des Jugendorches­ter-Systems in Venezuela in ein Modellprojekt um, das dem Kulturhauptstadt RUHR 2010-Projekt eine bevölkerungsnahe Komponente bot und mit dessen Publicity auch auf eine breite Wahrnehmung stieß: „JeKi“ startete und lief unter Leitung seines Erfinders, des Bochumer Musikschulleiters Manfred Grunenberg, und wird heute als „JeKits“ landesweit an den Grundschulen fortgeführt.

Die Intention der JMD, mit „El Sistema“ auf den so erfolgsrelevanten Ansatz eines gemeinsamen Orchestermusizierens von Anfang an hinzuweisen und eine freudvolle Instrumentalpädagogik des „zunehmenden Vermögens“ an die Stelle des „Lernens als abnehmendes Unvermögen“ zu setzen. Zu erwähnen ist noch, dass es Detlef Hahlweg war, Schulmusiker in Münster, JMD-Vorstandsmitglied und Jugendorchesterleiter mit Leib und Seele, der über Jahre hinweg die Verbindung der JMD mit Venezuela geöffnet hat, derer sich dann plötzlich viele andere rühmten und der auch Gustavo Dudamel seinen kometenhaften Aufstieg mit verdankte.

Weltorchester

Nach Gründung der JM Internatio­nal 1945 waren deren Generalversammlungen der ersten Jahrzehnte Treffpunkt Hunderter junger Musiker*innen aus aller Welt. Dieses Potenzial brachte den belgischen Violinvirtuosen Arthur Grumiaux 1949 auf die Idee, aus den Teilnehmenden ein Orchester zu bilden, das zu einem musikalischen Schmelztiegel der Nationen wurde und unter Dirigenten wie Igor Markevitch, Hans Swarowsky, Charles Mackerras oder Zubin Mehta große Attraktivität gewann. 1968 wurde das „Orchestre Mondiale“ vom kanadischen JM-Präsidenten Gilles Lefebvre als eigenständiges Projekt der JMI mit Sitz in Montreal etabliert. Die Mitgliedsnationen schickten junge Talente. „High excellence in performing“ und „a mission of international understanding” waren die ideelle Triebkraft. Dirigenten wie Leonard Bernstein, Michael Tilson-Thomas, Neville Marriner, Kurt Masur, Kent Nagano und viele andere mehr brachten das Weltorchester auch in die Konzertsäle der Welt. Als es ab 1986 in Berlin von der JMD unter Leitung von Michael Jenne gemanagt wurde, vermochte es sogar aktuelle politische Statements zu tragen: Brittens „War Requiem“ auf beiden Seiten der Berliner Mauer (zwei Jahre vor ihrem Fall!), das Moskauer „Perestroika“-Konzert, „Memorial Concerts“ in Hiroshima und Naga­saki, eine Versöhnungstour durch die jugoslawischen Nachfolgestaaten. Das Weltorchester war UNESCO artist for peace, repräsentierte das weltweite JM-Netzwerk, war Botschafter für die Ideale der Jeunesses Musicales. Diese Ära ging zu Ende, als die JMI 2002 ihr Weltorchester – unüberlegt – aus der Hand gab, gegen den Widerstand einiger Mitgliedssektionen, die sich unter Führung der JMD bis 2015 für dessen Widerbelebung einsetzten.

Aber längst war die „Mutter aller internationalen Jugendorchester“ von ihren ebenso attraktiven und teilweise finanziell besser aufgestellten Nachkommen überholt worden – Verbier, Gustav Mahler, West-Eastern Divan, European Youth Orchestra und so weiter. Justus Frantz, in seiner Jugend Teilnehmer der Internationalen JMD-Sommerkurse, erkannte schon 1987, dass die Zeit reif war für eine aussichtsreiche „Distribuierung“ des Modells und machte – nach ausführlicher Beratung in Weikersheim – mit dem SH-Festivalorches­ter den Aufschlag zu der im Nachgang einsetzenden Gründungswelle baugleicher Formationen. Auch seine Philharmonie der Nationen zehrte noch von dem Weltorchester-Nimbus.

Randnotiz: Auch „Young Euro Classic“ in Berlin, ein „Schaufenster“ für Jugendorchester aus vielen Nationen, darunter auch solche mit vielen Nationen, wurde 2000 bis 2003 unter Mitwirkung der JMD und der JMI konzeptionell und finanziell mit aus der Taufe gehoben.

Festzuhalten ist, dass sich in Deutschland heute bis in die lokale Ebene hinein internationale Jugendorchesterprojekte finden, weil sie die verbindende Kraft des gemeinsamen Musizierens „across all boundaries“ so überzeugend und berührend versinnlichen können.

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