Der Körper ist das Instrument

Workshops in Trossingen (Teil 2)


(nmz) -
Üben, üben, üben – und dabei schön locker bleiben. Die Teilnehmer der Fortbildungskurse des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg erlebten im idyllischen Trossingen, wie das geht: dank eines lebendigen Kursunterrichts und gesundheitlichen Rahmenprogramms.
Ein Artikel von Christina Pfänder

In der letzten Ausgabe war die Rede von Qigong am frühen Morgen, von Fantasie, Mut und Erfahrung beim Klavierspiel und von der Kunst, zu einer persönlichen Klangsprache auf der Klarinette zu finden. Heute geht’s weiter mit Berichten von den Workshops Gesang, Violine und Klavierimprovisation sowie von den beiden Konzerten im Rahmen der Fortbildungskurse.

 

Den Brillanten entdecken

„Atemtechnik“ stand auch auf der Agenda von Ulrike Sonntag, Professorin für Gesang an der Musikhochschule Stuttgart. Da sie mit einer heterogenen Gruppe arbeitete, kamen – je nach Bedarf – sowohl grundlegende Fragen zu Stimmsitz, Ansatz, Resonanzgefühl und Artikulation zur Sprache, aber auch die Interpretation von Opernarien und Kunstliedern sowie das Thema Bühnenpräsenz. Bei alldem galt: Methodenvielfalt. „Die Singstimme ist das individuellste Instrument, das am Anfang einer Gesangsausbildung mithilfe der Stimmbildung erst noch aufgebaut werden muss“, sagte Sonntag. „Meine Aufgabe als Gesangspädagogin ist es, in diesem Rohzustand den Brillanten zu entdecken und Entwicklungen der Stimme voraussehen zu können.“ Voraussetzung hierfür sei ein äußerst analytisches Gehör – und jede Menge Erfahrung. Von Ulrike Sonntags Kompetenzen profitierte unter anderem Verena Knirck, die im achten Semester Gesang studiert. Vor zwei Jahren wechselte sie in ein höheres Stimmfach. „Ich erhalte zwar an der Hochschule viel Input von meinen Professoren“, sagte die Sopranistin, „dennoch ist es mir wichtig, eine zweite Perspektive auf meine Stimme und neue technische Anregungen zu erhalten.“    

 

Klingende Gemälde

Einen zweiten Blick auf das eigene künstlerische Können holte sich auch Student Sören Bindemann von seinem Dozenten Stefan Hempel, Professor für Violine an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. „Im Studienalltag ist es oft nicht möglich, sich so intensiv und detailliert auf das Geigenspielen zu konzentrieren wie hier in Trossingen“, sagte Bindemann. „Zudem ist es für mich eine wunderbare Gelegenheit, Professor Hempel kennenzulernen. Von der Arbeit mit ihm werde ich auch in Zukunft noch profitieren.“
Auch Stefan Hempel sah in der Fortbildung die Chance, neuen Schülern und damit verschiedenen Persönlichkeiten mit unterschiedlichen musikalischen Ansätzen zu begegnen. Nicht zuletzt deshalb wollte er von „typischen Fehlern“ oder der „einen, richtigen Interpretation“ nicht sprechen: „Die Interpretation eines Werkes ist etwas sehr Individuelles“, sagte er. Seine Aufgabe bestehe insbesondere darin, die Schüler auf Schwachstellen oder Widersprüchlichkeiten in der Auslegung hinzuweisen. „Wichtig ist die Geschlossenheit in der Person.“

Ganz im Zeichen von künstlerischer Freiheit und Kreativität stand der Kurs „Klavierimprovisation“ von Eva-Maria Heinz. Dissonanzen erproben, Harmonien suchen, Klangteppiche entwickeln – der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Doch wie die zündende Idee finden? „Hierzu gibt es zahlreiche Möglichkeiten“, erläuterte Heinz und hatte eine davon im Gepäck: Tierfiguren-Fingerpuppen. Die waren variabel einsetzbar, wie die Teilnehmer zeigten. Während einige ein Krokodil oder Zebra musikalisch gestalteten, bildeten andere eine ganze Geschichte auf dem Klavier und mit Perkussionsinstrumenten nach. Auch Gemälde oder Stimmungen brachten sie zum Klingen. Zudem stand die didaktische Vermittlung auf dem Kursprogramm, zum Vorteil von Klavierlehrerinnen wie Beate Egerter. „Meine Improvisationen waren bislang eher unsystematisch“, sagte sie. „Nun habe ich Werkzeug an die Hand bekommen, das ich auch für meinen Unterricht nutzen werde.“ Dabei zeigte Heinz, dass das Spielen aus dem Moment sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet ist: „Die Pentatonik gehört beispielsweise zu den basalen Variationsmodellen, Musik im Stil von Johann Sebastian Bach zu kreieren, setzt hingegen schon einiges an Fähigkeiten voraus“, sagte die Dozentin, deren eigene künstlerische Liebe einem der ältesten besaiteten Tasteninstrumente, dem Clavichord, gilt.

 

Großartige Konzerte

Während des Dozentenkonzerts stellte Eva-Maria Heinz das Clavichord dem Publikum anhand der „Orgeltabulatur“ von Leonhard Kleber sowie den „Metamorphosis“ von Philip Glass vor. Damit demonstrierte sie, dass nicht nur Musik der Renaissance, sondern ebenso Werke der neuen Musik auf dem historischen Instrument wunderbar klingen. Auch die international renommierte Klarinettistin Laura Ruiz Ferreres entlockte unter Begleitung von Yukako Morikawa mit der „Fantasia sobre Goyescas“ von
Albert Guinovart und Enrique Granados ihrem Instrument moderne Töne. Ebenso Violinist Stefan Hempel: von Naaman Wagner auf dem Klavier begleitet, intonierte er das äußerst expressive und virtuose „Poème élégiaque“ des belgischen Komponisten Eugène Ysaÿe und lotete dabei die emotionale Bandbreite gekonnt aus. Zartere Klänge schlug das Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl an: Sie faszinierten im vierhändigen Spiel mit Claude Debussys „Petite Suite“. Am dritten Abend der Fortbildung wechselten die Dozenten ins Publikum – und lauschten während des Teilnehmerkonzerts ihren Schülern. Positive Resonanz und Tipps für den letzten Schliff gab es am nächsten und damit letzten Vormittag.

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