Die Begeisterung für die Idee ist spürbar

Der Geist von „Jugend musiziert“ kommt in China an


(nmz) -
Der bundesweite Wettbewerb „Jugend musiziert“, unter dem Dach des Deutschen Musikrates, hat sich im Laufe von mehr als 50 Jahren zu einem Leuchtturmprojekt für musikalische Jugendbildung in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt und genießt international hohes Ansehen. Die Idee hat nicht nur in Europa zahlreiche Nachahmer gefunden. Auch China hat der exzellente Ruf des Erfolgsmodells „Jugend musiziert“ inzwischen erreicht.
Ein Artikel von Susanne Fließ, Ulrich Rademacher

 Zu Beginn des Jahres 2016 wurde in China ein nationaler Jugend-Musikwettbewerb ins Leben gerufen, die „China Youth Music Competition“ (CYMC), ein mehrstufiger Amateur-Wettbewerb, der im Geist der traditionellen „Jugend musiziert“-Tugenden seine Arbeit aufnahm. Vom 22. bis 29. Juli war Prof. Ulrich Rademacher mit einer kleinen Delegation des Deutschen Musikrates zu Gast beim „China Youth Music Competition“ in Peking. Die Aufgabe der deutschen Gäste bestand darin, die Wettbewerbsleitung und die Juroren dabei zu unterstützen, schon beim ersten Wettbewerb nach deutschem Vorbild soviel „JuMu“-Spirit wie möglich praktisch umzusetzen. Zu Erlebnissen und Ergebnissen dieser Reise sprach Susanne Fließ mit Ulrich Rademacher.

nmz: Was veranlasst „Jugend musiziert“ in China Wettbewerbshilfe zu leisten, und was meinen die chinesischen Organisatoren bei „Jugend musiziert“ entdecken zu können?

Rademacher: Unser „Jugend musiziert“ basiert auf mehr als 50 Jahren Erfahrung. Der Wettbewerb hat das Musikleben in Deutschland geprägt und bereichert, hat künstlerische und pädagogische Standards gesetzt und Generationen von musikbegeisterten Menschen motiviert, selbst zu musizieren, allein und vor allem gemeinsam.

In China, einem Land mit ungeheurem musikalischen Potenzial, besteht ein großes Interesse, einen Wettbewerb zu begründen, in dem der ganze musizierende Mensch im Mittelpunkt steht, in dem neben der Begabtenauslese die Motivation möglichst vieler Kinder und Jugendlicher programmgestaltend wirkt, in dem es letztlich nur Gewinner geben soll. Denn es gibt dort bereits viele nationale und internationale Wettbewerbe, in denen es meist darum geht, für ein bestimmtes Instrument das beste Nachwuchstalent zu finden und zu präsentieren, um sich nachher selbst damit zu schmücken.

Für „Jugend musiziert“ gibt es also genauso wie für die auswärtige Kulturpolitik genug Gründe, diesen „Geist von Jugend musiziert“ als Teil unserer Kultur auch dort wirksam werden zu lassen. Erst nachdem wir uns davon überzeugt hatten, dass es die chinesischen Initiatoren und deren Unterstützer in Politik und Wirtschaft damit sehr ernst meinen, haben wir zugesagt, diese Initiative zu begleiten.

nmz: Wie viele Teilnehmer gab es?

Rademacher: Der Wettbewerb in Peking war das „Finale“, eine Art „Bundeswettbeweb“ mit circa 180 Teilehmenden in ungefähr 110 Wertungen. Vorausgegangen waren Wettbewerbe in verschiedenen Provinzen, hier waren Ballungsräume wie Peking und Schanghai ebenso vertreten wie der äußerste Norden Chinas oder die innere Mongolei. Es war für uns deutsche Juroren schon eindrucksvoll, uns die Reisewege vorzustellen, wenn bei der Vorstellung der Teilnehmenden gesagt wurde, woher die einzelnen Musiker und die Gruppen kamen.

nmz: Wie viel vom „Geist“ von „Jugend musiziert“ war im Wettbewerb in Peking zu entdecken?

Rademacher: Der Wettbewerb war – für China durchaus unüblich – nicht nur einem Instrument gewidmet, sondern wird, ähnlich dem Drei-Jahres-Turnus bei „Jugend musiziert“, für viele Instrumente und Instrumentengruppen ausgeschrieben. Das Spektrum soll auch auf landestypische Instrumente erweitert werden. Wie bei uns gibt es keine Geldpreise, es zählte die „Ehre“ und die Perspektive auf eine Anschlussförderung. Die in diesem Jahr wohl attraktivste Maßnahme ist sicher die Einladung von acht Preisträgern zu einem Kammermusikurs nach Trossingen und anschließenden Auftritten in Bonn, Wolfsburg und im Rahmen des Bürgerfestes des Bundespräsidenten in Berlin. Der „Geist“ von „Jugend musiziert“ zeigte sich auch in dem für Chinesen besonders gewöhnungsbedürftigen Grundsatz, dass nach einem Punktesystem gewertet wurde, das mehrere 1. Preisträger zulässt, wenn die Leistungen ein entsprechendes Niveau erreichen. Dass die Juroren ihre Punkte erst einmal anonym abgaben und das Ergebnis vor der endgültigen Festlegung der Punktzahl offen diskutierten, bedurfte auch einer gewissen Überzeugungskraft. Sofort und gerne wurde die Anregung aufgenommen, die Teilnehmenden vor ihrem Wertungsspiel persönlich zu begrüßen und – soweit es der enge Zeitplan zuließ, ihnen die Ergebnisse auch durch die Jury persönlich bekanntzugeben.

nmz: Und worin lagen die Unterschiede zu „Jugend musiziert“?

Rademacher: Natürlich sind die Teilnehmerzahlen im Vergleich zur gigantischen Größe des Landes eher gering. Der diesjährige Wettbewerb glich eher einem der Landeswettbewerbe der deutschen Schulen, die ähnlich groß sind und die auch meist von fachübergreifend zusammengesetzten Jurys bewertet werden.

nmz: Auf welche Bestandteile haben die Chinesen verzichtet? Zu den Besonderheiten von „Jugend musiziert“ zählen ja beispielsweise die Teilnehmerberatung oder das Briefing der Jury, die pädagogischen Aspekte betreffend.

Rademacher: Es gab in diesem Wettbewerb mit Rücksicht auf den Zeitplan und die Kosten noch keine Beratungsgespräche. Die Wettbewerbsleitung ist aber bestrebt, bald die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dazu gehört natürlich neben Zeit und Geld auch eine Vorbereitung der Jurymitglieder auf diese anspruchsvolle Aufgabe.

nmz: Welche Elemente sind aus der Sicht der deutschen Berater unverzichtbar, wenn der chinesische Wettbewerb gelingen soll?

Rademacher: Wir halten es für wichtig, dass schon bei der Auswahl und der Benennung von Jurymitgliedern unsere Richtlinien für die Juryarbeit kommuniziert werden und vor Beginn des Wettbewerbes ein gründliches Vorgespräch stattfindet, das auch das Ziel einer Teambuilding-Maßnahme hat.

nmz: War der Teamgeist zwischen den Ensemblespielern, zwischen den Ensembles, dem Publikum schon ein wenig zu spüren?

Rademacher: Die Qualität gerade des Zusammenspiels war zum Teil atemberaubend gut. Auch im Umfeld der Wertungsspiele wurde spürbar, dass die Chinesen offenbar ausgesprochen gute Teamplayer sind.

nmz: Welche Literatur wurde dort gespielt?

Rademacher: Die Programme bestanden größtenteils aus Werken westlich-klassischer Musik mit Schwerpunkt auf Klassik, Romantik und virtuoser Musik. Gewürzt mit gelegentlichen Ausflügen in russisch inspirierte Barockmusik und – aus unserer Sicht –ausgesprochen „leicht verdauliche“ neuere chinesische Kompositionen.

nmz: Inwiefern wurde das „Jugend musiziert“-Know-How bei der Juryarbeit des CYMC einbezogen?

Rademacher: Alles, was sofort umsetzbar erschien, wurde umgesetzt, manche anspruchsvollere Aufgaben wurden auf die nächsten Ausgaben vertagt. Ein reger Gedankenaustausch in der Vorbereitungszeit wurde vereinbart. Nach diesem ersten Wettbewerb können wir vorsichtig optimistisch sein, dass der Geist von „Jugend musiziert“ in China ankommt. Die Leistungen der Teilnehmenden waren gut, sehr oft begeisternd gut. Die Begeisterung für die Idee ist spürbar, die Organisations-Kompetenz ist groß, die Unterstützung der privaten Initiative durch die offizielle chinesische Kulturpolitik scheint gesichert, das Goethe-Institut hat für die nächsten Jahre Hilfe zugesagt und schließlich gibt es auch eine Zusage von VW China für eine mehrjährige Partnerschaft.

Das könnte Sie auch interessieren: